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SchwedenWie ein Familienvater Terrorist wurde

Er war beliebt, hatte viele Freunde und war gut integriert. Dennoch wurde aus Taimur Abdulwahab ein gefährlicher Selbstmordattentäter. Ein Blick hinter die Fassade.

von
ann

Mitten in der Innenstadt wenige Meter von den bummelnden Massen entfernt explodiert die Bombe an Taimours Körper. Vermutlich zündete sie zu früh. Nur Taimour kommt ums Leben. Quelle: Youtube

Am Samstag sprengte sich der 28-jährige Taimur Abdulwahab Al-Abdaly wenige Meter entfernt von der belebten Drottninggatan (Königinstrasse) mitten in Stockholm in die Luft. Seine Schulkollegen sind schockiert. Für sie ist völlig unverständlich, dass aus dem netten Familienmensch Taimur ein Terrorist und Selbstmordattentäter geworden ist, schreibt die schwedische Zeitung «Aftonbladet».

Mit seinen Eltern und seiner Schwester war der Iraker 1992 aus Bagdad nach Schweden gekommen. Seine Kindheit hatten blutige Kriege mit dem Iran und Kuwait geprägt. In Schweden zog die Familie in die malerische Kleinstadt Tranas in der südschwedischen Provinz Smaland. Taimur integrierte sich schnell, spielte Basketball, ging mit Mädchen aus und verbrachte viel Zeit mit Freunden und Familie. In der Schule war er erfolgreich und beliebt.

Ein guter und beliebter Schüler

Taimur hatte das naturwissenschaftliche Gymnasium besucht und hatte gute Noten. Die Lehrer sagen gegenüber dem schwedischen «Aftonbladet» nur Gutes über ihn. «Er war über dem Durchschnitt, sprach sehr gut schwedisch und war eine normale, ehrliche Person. Ich kann das nicht glauben», meint ein Lehrer. Ein anderer sagt: «Er war ein guter Schüler und ein grossartiger Mensch.»

Eine Mitschülerin beschreibt ihn als gutaussehenden, fröhlichen Menschen: «Mit ihm war es immer lustig, ich habe nie etwas Seltsames an ihm bemerkt.» Doch es gibt auch andere Meinungen. Einige beschreiben ihn auch als starrsinnig: «Er stand ein für seine Überzeugungen und die seiner Freunde und beharrte auf seinen Prinzipien.» Dies führte manchmal auch zu Konflikten. «Es fiel ihm schwer, Fehler einzugestehen», sagt ein Freund.

Gesinnungswandel in England

Laut Angaben auf seiner mittlerweile vom Netz genommenen Facebook-Seite wollte Taimur nach dem Gymnasium Sporttherapeut werden und bewarb sich an der Bedfordshire Universtität in Luton (GB). Als er angenommen wurde, zog er 2001 nach Luton und studierte dort bis 2004. Mit der Zeit verlor er den Kontakt zu vielen seiner Freunde in Schweden. «Während seiner Schulzeit war er nicht religiöser als andere», sagt ein Schulkollege.

Das änderte sich aber in England, wie seine Aktivitäten im Internet zeigen. Dort begann er sich offenbar für den radikalen Islam zu interessieren. Im Islamischen Zentrum in Luton war er in den letzten Jahren bekannt für seine extremen Ansichten. Nachdem er vor drei Jahren anfing, extreme Reden zu halten, durfte er nicht mehr in die Moschee kommen. Im Internet war Taimur Mitglied radikaler Facebook-Gruppen. Er ging auch auf Seiten, die Ratschläge zum Tag der Abrechnung geben. Zur Ausbildung für Terroraktivitäten sei der Stockholmer Attentäter unter anderem nach Pakistan geschickt worden, hiess es in Medienberichten. In diesem Frühjahr hielt er sich auch in Jordanien auf.

Gegen aussen fiel seine extreme Orientierung jedoch nicht auf. Im heruntergekommenen Apartmentkomplex in Bedfordshire, wo Taimur mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern (4, 2, und 4 Monate) bis vor Kurzem lebte, galt er als hilfsbereit und freundlich und total in seine Kinder vernarrt. «Er und seine Frau taten alles, damit ich mich hier wohl fühle», erzählt eine 25-jährige Studentin aus Frankreich. Sie sei von den beiden zum Essen eingeladen worden und Taimur habe ihr oft geholfen, die Einkaufstaschen zu tragen.

Er wollte eine Zweitfrau

Taimurs Frau, die er 2004 heiratete, sei aber ebenfalls eine strenggläubige Muslimin gewesen. Laut einem Taxi-Unternehmen gegenüber des Reihenhauses, in das Taimur mit seiner Familie umzog, trug die Frau immer einen Niqab (einen Vollschleier mit Augenschlitz).

Die immer extremeren religiösen Ansichten von Taimur zeigten sich aber auch in einer Kontaktanzeige, die er diesen Sommer, noch vor der Geburt seines jüngsten Kindes, auf einer muslimischen Dating-Seite veröffentlichte. Dort suchte er eine praktizierende Muslimin, die er zur zweiten Frau nehmen will. Er wolle eine grosse Familie haben. Seine Frau, so schreibt er, sei einverstanden.

Luton - Heimat des Terrorismus?

In Luton ist man derweil schockiert über die Verbindung des Selbstmordattentäters zu ihrer Stadt. Schon vor fünf Jahren bei den Terroranschlägen auf die Londoner U-Bahn sollen die vier Selbstmordattentäter sich vor ihrer Wahnsinnstat in Luton am Bahnhof getroffen haben und hier in den Zug gestiegen sein. Das Terrornetz Al Kaida, so heisst es, rekrutiere hier immer wieder Anhänger. Rund 15 Prozent der Bewohner sind Muslime und in der Stadt sollen immer wieder extremistische Prediger zu Besuch sein.

Zwei bis vier Wochen vor den Anschlägen soll Taimur nach Schweden zurückgekehrt sein. Seine Frau und seine Kinder liess er in England zurück. In der Zeit vor dem Anschlag kaufte er sich das Auto, das in Stockholm explodierte. Am Freitag besuchte er seine Familie. Am Samstag setzte er sich in sein Auto und fuhr nach Stockholm. Kurz vor der ersten Explosion bat er offenbar seine Familie um Vergebung. Diese steht mittlerweile unter Polizeischutz, nachdem die Identität des Mannes über das Internet bekannt wurde. Laut einem Bericht von «Telepolis» wurden schon diverse Drohungen gegen die Familie ausgesprochen.

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