Mit dem Mercedes 540K begann das Spiel mit der Stromlinie

Der Mercedes 540K Stromlinie (links) war der Vorbote des Aerodynamik-Weltmeisters Vision EQXX (rechts). 

Der Mercedes 540K Stromlinie (links) war der Vorbote des Aerodynamik-Weltmeisters Vision EQXX (rechts). 

Mercedes
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Mercedes 540K StromlinieWie ein Rennen nach Rom die Aerodynamik in Schwung brachte

Vor 100 Jahren wurde der Luftwiderstand im Autobau plötzlich wichtig. Heute ist das Thema omnipräsent.

von
Benjamin Bessinger

Europa in den wilden 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts: Die Menschheit strotzt nur so vor Tatendrang und die Technik kommt kaum hinterher. Reisegeschwindigkeiten von meist nicht einmal 100 km/h sind da nicht mehr opportun für eine Gesellschaft, der es gar nicht schnell genug gehen kann. Während auf den Rennstrecken bereits gerast wird, werden langsam auch die ersten Autobahnen asphaltiert und in den Entwicklungsabteilungen tüfteln sie an den passenden Autos dazu. Die Strecke von Berlin-Rom wird dabei zur Messlatte: Ein Rennen soll 1938 zeigen, welcher Reisewagen der grösste Raser ist. 

Sogar der Stern wird geopfert

Egal, ob bei Ford, Porsche oder bei Auto Union – überall überlegen sie, wie sie noch ein paar km/h aus ihren Top-Modellen kitzeln können. Auch bei Mercedes nehmen sie die Herausforderung an. Die Wahl fällt auf den 540K. Weil aus dem acht Liter grossen und bis zu 180 PS starken Achtzylinder nicht viel mehr herauszuholen ist, optimieren die Schwaben die Aerodynamik. Dafür schneidert der Sonderwagenbau in Sindelfingen dem 5,20 Meter langen Luxusliner ein Alukleid, wie es das so noch nicht gegeben hat bei einem Strassenauto – von vorn bis hinten so modelliert, dass die Luft perfekt strömt und dem Wind den geringstmöglichen Widerstand entgegensetzt. Selbst der Mercedes-Stern wurde geopfert: Statt ihn wie sonst immer stolz auf die Haube zu setzen, wird er nur aufs Blech gepinselt.

4800 Stunden investiert das Mercedes-Museum in den Wiederaufbau der verschollenen Karosserie.

4800 Stunden investiert das Mercedes-Museum in den Wiederaufbau der verschollenen Karosserie.

Daimler AG

Das zahlt sich aus: Der cW-Wert des Coupés sinkt von 0,57 auf damals sensationelle 0,36. Selbst die meisten Rennwagen jener Zeit boten dem Wind mehr Widerstand. Wo im herkömmlichen 540K Dauergeschwindigkeiten bis 145 km/h drin waren, fährt der Berlin-Rom-Wagen der Schwaben so über lange Strecken bis 170 km/h, kurzfristig sogar bis zu 185 Sachen.

Zum legendären Rennen nach Rom kommt es wegen des Krieges allerdings nicht mehr, doch sein Tempo-Talent kann der 540K trotzdem noch unter Beweis stellen: Als Testwagen geht er zu Dunlop und wird für die Erprobung neuer Hochgeschwindigkeitsreifen eingesetzt, bis der Krieg auch diesen Einsatz zunichtemacht. Allerdings überlebt der 540K den Krieg unbeschadet, und ein kluger Kopf holt ihn zurück nach Stuttgart und übergibt ihn der Mercedes-Sammlung. 

Auch der Innenraum des 540K Stromlinie wurde originalgetreu rekonstruiert.

Auch der Innenraum des 540K Stromlinie wurde originalgetreu rekonstruiert.

Mercedes

Dann allerdings verlieren sich die Spuren. Als Mercedes sich des Wagens erinnert und 2011 eine Restaurierung beschliesst, gibt es im Museum nur noch Skizzen und den Rahmen. Von der spektakulären Alu-Karosserie dagegen existieren nur noch die Erinnerung und ein paar Fotos. Deshalb dauert es mehrere Jahre, bis der 540K wieder läuft. Allein 4800 Stunden investiert die Museums-Truppe in den Wiederaufbau der Karosserie.

Aktueller denn je

Die Stromlinie steht aktuell wieder hoch im Kurs. Nachdem die Entwickler über Jahrzehnte vor allem aufs Gewicht geschaut haben, um den Verbrauch zu reduzieren, ist der Luftwiderstand spätestens mit dem Wechsel zur Elektromobilität wieder ganz nach oben gerückt auf der Prioritätenliste. Bei Mercedes brechen Modelle wie CLA, GLC oder EQS in steter Regelmässigkeit die cW-Rekorde für Serienautos. Mit der Studie EQXX haben die Schwaben sogar einen Weltrekord aufgestellt: 0,17 – so einen niedrigen cW-Wert hat kein anderes Auto.

Sparsamer nach Rom kommen als der 540K Stromlinie wird der EQXX damit auf jeden Fall. Und wie die Sache auf Uhr und Tacho ausgeht, könnte man jetzt zwar noch einmal ausprobieren, nachdem der Klassiker im neuen Glanz erstrahlt. Doch hat die Politik den Ingenieuren zumindest in dieser Disziplin längst das Spiel verdorben: Denn die heutigen Tempolimits würden Oldtimer und Zukunftsbote gleichermassen einbremsen. Und wer es wirklich eilig hat zwischen Berlin und Rom, der nimmt heute das Flugzeug. 

Im Windkanal wird die Stromlinie des einmaligen Oldtimers deutlich. 

Im Windkanal wird die Stromlinie des einmaligen Oldtimers deutlich. 

Mercedes

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