«Wie ein Riss durch das Leben»
Aktualisiert

«Wie ein Riss durch das Leben»

Es war ein regnerischer Abend in weiten Teilen Deutschlands, vor 75 Jahren, und dennoch schossen auf zentralen Plätzen Flammen hoch empor. Der 10. Mai 1933 ist als Tag der Bücherverbrennung in die Geschichte eingegangen.

Zehntausende von Büchern wurden allein in dieser Nacht ein Raub der Flammen. Zweifelsfrei belegt sind Verbrennungen in 22 Städten. Von Anfang März bis Ende August waren es mehr als 70 Aktionen. In manchen Orten wurden sogar mehrere Male Bücherberge entzündet.

Die ritualisierten Feiern mit Fackelzügen am 10. Mai waren der Schlussakkord der «Aktion wider den undeutschen Geist», den das Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft wochenlang vorbereitet hatte.

In den Feuern vernichtet wurden die Werke von Philosophen, Wissenschaftern, Lyrikern, Romanautoren, politischen Schriftstellern und Publizisten, darunter Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner und Kurt Tucholsky.

Diese Namen und ihre Werke haben bis heute überlebt. Aber wer kennt noch Maria Leitner, Georg Hermann, Rudolf Geist, Heinrich Kurtzig? 75 Jahre nach den Untaten stellt der Deutsche Kulturrat fest, dass die Nationalsozialisten damit «nachhaltig Erfolg» hatten.

«Ja, es ist beschämend, aber es ist die Wahrheit», viele Schriftsteller, deren Werke auf den Scheiterhaufen landeten, seien in Vergessenheit geraten, sagt der Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Zum Jahrestag soll an sie mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert werden.

Frühphase der NS-Machtübernahme

Am 10. Mai sind Lesungen aus den verbrannten Werken auf dem Berliner Bebelplatz geplant. Genau dort, auf dem damaligen Opernplatz, hatten sich Mai 1933 rund 40 000 Menschen versammelt, die bei Sprühregen in hellem Scheinwerferlicht zusahen, wie Studenten Bücherstapel von Lastwagen ins Feuer trugen.

Dabei wurden «Feuersprüche» gebrüllt. Der erste: «Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung. Ich übergebe der Flamme die Schriften von Karl Marx und Kautsky.»

In Berlin trat um Mitternacht Propagandaminister Joseph Goebbels ans Mikrofon und verkündete, vom Radio landesweit übertragen: «Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende. ... Die deutsche Seele kann sich wieder äussern.»

Als letzte grosse Inszenierung in der Frühphase der NS-Machtübernahme folgte die Bücherverbrennung der Verhaftungswelle gegen Kommunisten nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar und dem Judenboykott vom 1. April.

Flächendeckende Zensur

Wie sich zeigte, war sie mehr als nur ein symbolischer Akt, sondern der Auftakt zu einer flächendeckenden Zensur der Nazis. Schon einige Tage später erschien im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel eine Auflistung mit 131 Autoren, deren Werke aus den Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt werden mussten.

«Diese Nacht ging wie ein Riss durch das Leben der Autoren, die auf der Liste des undeutschen Geistes standen», schreibt der Journalist Volker Weidermann, der in einem «Buch der verbrannten Bücher» die Lebensgeschichten aller verfemten Autoren erzählt.

(sda)

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