Internet-Phänomen Craig King: Wie ein schottischer Supermarkt-Angestellter TV-Experte der Schweizer Nati wurde
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Internet-Phänomen Craig KingWie ein schottischer Supermarkt-Angestellter TV-Experte der Schweizer Nati wurde

Obwohl Craig King (29) noch nie ein Super-League-Spiel live im Stadion mitverfolgt hat, informiert der Schotte Tausende Menschen aus der ganzen Welt über den Schweizer Fussball.

von
Lucas Werder
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Craig King erlebte Ende März im Wembley erstmals vor Ort ein Spiel der Schweizer Nati.

Craig King erlebte Ende März im Wembley erstmals vor Ort ein Spiel der Schweizer Nati.

zvg
Vor dem Spiel wurde der Schotte vom TV-Sender Sky Sports interviewt – selbstverständlich im Nati-Trikot.

Vor dem Spiel wurde der Schotte vom TV-Sender Sky Sports interviewt – selbstverständlich im Nati-Trikot.

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Im Rahmen des Spiels traf der 29-Jährige RTS-Kommentator David Lemos. Die beiden kennen sich von Twitter.

Im Rahmen des Spiels traf der 29-Jährige RTS-Kommentator David Lemos. Die beiden kennen sich von Twitter.

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Darum gehts

Als an einem Dienstagmorgen das Telefon vibriert, traut Craig King seinen Augen nicht. Der 29-Jährige soll im Vorfeld des Testspiel-Krachers zwischen England und der Schweiz dem britischen TV-Sender Sky Sports ein Interview geben. Dabei soll der Schotte aber nicht über den Fussball-Erzrivalen jenseits der Grenze reden, sondern seine fachliche Einschätzung zur Schweizer Mannschaft abgeben.

Das Kuriose: King hat weder berufliche Erfahrungen im Sportjournalismus noch hatte er jemals zuvor ein Spiel der Nati im Stadion mitverfolgt. Und trotzdem gilt der Supermarkt-Angestellte aus Glasgow bei englischsprachigen Fussball-Fans auf der ganzen Welt als Experte für den Schweizer Fussball. 

Schlechte Erinnerungen an Basel

Die verrückte Geschichte beginnt vor neun Jahren. Per Zufall sieht sich King das Champions-League-Gruppenspiel zwischen dem FC Basel und dem rumänischen Vertreter Otelul Galati (2:1) an. Die rot-blauen Trikots lassen beim Glasgower Erinnerungen hochkommen. 2002 haben sich die Wege von King und dem FCB schon einmal gekreuzt, als er vor dem TV mitansehen musste, wie sein Lieblingsclub Celtic in der Qualifikation zur Champions League überraschend an den Baslern scheiterte.

Zwei Wochen später holt der FCB beim spektakulären 3:3 im Old Trafford gegen Manchester United einen Punkt und qualifiziert sich am Ende auf Kosten des englischen Rekordmeisters für den Achtelfinal. Kings Interesse an diesem «kleinen» Schweizer Verein, der in der Königsklasse immer wieder die ganz grossen Namen Fussball-Europas ärgert, ist geweckt.

EM-Viertelfinal als Boost

Regelmässig verfolgt er zunächst die Meisterschaftsspiele des FCB, nach und nach folgen auch Partien der anderen Super-League-Clubs. 2013 beginnt er, aus Spass über den Schweizer Fussball zu twittern – auch, weil es damals keinen anderen Account gibt, der das auf Englisch macht. Sein Kanal stösst schnell auf Interesse und wächst immer weiter.

Doch warum hat es ausgerechnet die Super League dem Schotten so angetan? So richtig erklären kann er es sich selber nicht. «Die Liga gehört einfach zu den unterhaltsamsten der Welt», sagt King. «Wo sonst sieht man den Hund eines Club-Präsidenten über das Spielfeld rennen?», lacht er. Hintergrund: Im Februar 2021 büxte beim Spiel zwischen dem FCZ und Sion Ancillo Canepas Hündin Chilla aus und gönnte sich einen kurzen Spaziergang über das Spielfeld.

Heute informiert «FootballSwiss» 6500 Fussball-Fans aus der ganzen Welt – darunter auch aus Kanada und Australien – über die Geschehnisse in der Super League und das Abschneiden der Schweizer Nati. Der Höhepunkt: die EM im vergangenen Jahr. «In dieser Zeit hat das weltweite Interesse am Schweizer Fussball nochmals deutlich zugenommen», sagt King mit Blick auf seine wachsende Follower-Anzahl. Neben seinem eigenen Account betreut er mittlerweile auch den englischsprachigen Twitter-Account des FC Basel.

Nervöse Premiere im Wembley

Mit dem Duell im Wembley zwischen der Schweiz und England Ende März konnte sich der 29-Jährige nun endlich seinen Traum erfüllen. Erstmals erhielt der Schotte eine Medienakkreditierung für ein Fussballspiel – und konnte so die Nati endlich erstmals selber im Stadion mitverfolgen. «Ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich klappen würde», erzählt King danach. Er sei bei seiner Premiere richtig nervös gewesen.

Über die 1:2-Testspiel-Niederlage «seiner» Nati konnte sich King schnell hinwegtrösten. Im Journalisten-Hotel kam es zu einem kurzen Treffen mit RTS-Kommentator David Lemos, der ebenfalls sehr aktiv auf Twitter ist. «Es war mir eine Freude, dich kennenzulernen», schrieb Sascha Ruefer der Romandie unter ein gepostetes Foto, das von den gemeinsamen Followern gefordert wurde. «Deine Berichterstattung über den Schweizer Fussball ist einfach hervorragend.»

Zuvor hatte King erst einmal ein Spiel mit Schweizer Beteiligung live im Stadion mitverfolgen können. 2017 reiste er an den Cupfinal in Genf zwischen Basel und Sion (3:0). Es war sein erster und bislang einziger Besuch in dem Land, in dessen Fussball-Geschehen er nun seit neun Jahren seine Freizeit investiert. Sobald es Zeit und Geld zulassen, soll die nächste Reise folgen.

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