Islamisten in Gefängnissen: Wie erkennt man einen Islamisten?
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Islamisten in GefängnissenWie erkennt man einen Islamisten?

Erst waren es die Garagen-Moscheen, jetzt sind es die Gefängnisse: Frankreich sorgt sich um Keimzellen muslimischer Extremisten. Mehrere hundert Muslime sollen aktiv unter Zellengenossen missionieren.

Nach einem kürzlich vorgestellten Bericht gibt es in französischen Gefängnissen eine Tendenz zur Radikalisierung muslimischer Häftlinge. «Gefängnisse werden immer mehr zum Nährboden für radikale Islamisten», betonte Innenministerin Michèle Alliot-Marie am Dienstag bei der Vorstellung eines Handbuchs, das das Wachpersonal in Gefängnissen auf das Problem aufmerksam machen soll.

Hoher Anteil an Muslimen

Der Islam ist in französischen Gefängnissen die am weitesten verbreitete Religion. Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil der laizistische Staat keine Daten über die Religionszugehörigkeit seiner Bürger erhebt.

Nach Schätzungen von Wissenschaftern ist etwa jeder zweite Häftling in einem französischen Gefängnis muslimisch. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt hingegen im Vergleich zwischen acht und zehn Prozent.

«Dieses Phänomen gilt für viele europäische Länder, aber in Frankreich ist es besonders ausgeprägt», sagt der Soziologe Farhad Khosrokhavar, Autor eines Buches über «Islam im Gefängnis».

Islam als Protest

Nach dem jüngsten Bericht der Gefängnisbehörde gelten mehr als 400 Häftlinge als muslimische Aktivisten, unter ihnen sind knapp 80, die wegen terroristischer Aktivitäten verurteilt wurden. Sie finden ihre Anhänger am ehesten unter jungen Muslimen aus nordafrikanischen Einwandererfamilien, die sich sozial vernachlässigt fühlen.

«Der Islam im Gefängnis ist die Religion der Unterdrückten», sagt Khosrokhavar. Aber es gebe auch zahlreiche Konvertiten aus alteingesessenen französischen Familien, für die das Bekenntnis zum Islam ein Zeichen gesellschaftlichen Protests sei.

Es sei ein grosses Problem, dass muslimische Häftlinge selten qualifizierten geistlichen Beistand hätten, meint Khosrokhavar. In Frankreich gibt es etwa 600 christliche, aber nur etwa 100 muslimische Gefängnisseelsorger. Deren Ausbildung ist bislang kaum institutionalisiert.

Interne Differenzen

Präsident Nicolas Sarkozy hatte sich in seiner Zeit als Innenminister unter anderem für die Gründung eines muslimischen Zentralrates eingesetzt. Dieser sollte Ansprechpartner des Staates sein und unter anderem die Ausbildung von Imamen und muslimischen Seelsorgern in Spitälern, Gefängnissen und bei der Armee organisieren.

Der Rat der Muslime in Frankreich existiert zwar seit mehreren Jahren, ist aber nach Ansicht von Kritikern nicht zuletzt mit internen Streitereien über die Besetzung von Posten beschäftigt.

Für den Umgang mit missionierenden Muslimen in Gefängnissen gibt es bislang keine Richtlinien. Sperrt man sie alle gemeinsam ein, erhöht sich das Risiko einer Verschwörung. Verteilt man sie auf mehrere Haftanstalten, vergrössert sich möglicherweise ihr Einfluss auf Mithäftlinge.

Hinzu kommt, dass Frankreichs Gefängnisse so voll sind wie lange nicht. Seit 2001 ist die Zahl der Häftlinge um etwa 30 Prozent angewachsen.

Handbuch umstritten

Khosrokhavar hält das Handbuch für das Gefängnispersonal für eine zweischneidige Angelegenheit. «Es kann leicht dazu führen, dass konservative Muslime, die gläubig, aber nicht gewaltbereit sind, mit potenziellen Terroristen in einen Topf geworfen werden», warnt er.

Schliesslich helfe es auch denen, die tatsächlich missionieren und Böses im Schilde führen: «Die wissen dann nämlich genau, was sie vermeiden müssen, um nicht aufzufallen.»

(sda)

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