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Singverbot in Kitas«Wie erklärt man einem Zweijährigen, dass er nicht mehr singen darf?»

Singen ausserhalb der Familie und den obligatorischen Schulen ist seit Mittwoch verboten. Das Singverbot in den Kitas ist allerdings umstritten. Nicht überall will man sich daran halten.

von
Michelle Muff
Daniel Krähenbühl
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Der Bundesrat hat das Singen ausserhalb der Familie verboten – damit soll die Ausbreitung von Corona weiter eingedämmt werden. 

Der Bundesrat hat das Singen ausserhalb der Familie verboten – damit soll die Ausbreitung von Corona weiter eingedämmt werden.

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Wie das BAG auf Anfrage bestätigt, gilt das Singverbot in den Kindertagesstätten, in der schulergänzenden Betreuung und in der Tagesfamilienbetreuung – nicht aber etwa in den Kindergärten oder in der Primarschule.

Wie das BAG auf Anfrage bestätigt, gilt das Singverbot in den Kindertagesstätten, in der schulergänzenden Betreuung und in der Tagesfamilienbetreuung – nicht aber etwa in den Kindergärten oder in der Primarschule.

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Dieser Widerspruch stösst beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) auf Unverständnis: «Wir bekämpfen das Singverbot nicht», sagt Estelle Thomet von Kibesuisse zu 20 Minuten. «Wenn die Ansteckungsgefahr beim Singen aber derart hoch ist, müsste das Singverbot sinnlogischerweise nicht nur in Kitas, sondern auch in Kindergärten oder Schulen gelten.»

Dieser Widerspruch stösst beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) auf Unverständnis: «Wir bekämpfen das Singverbot nicht», sagt Estelle Thomet von Kibesuisse zu 20 Minuten. «Wenn die Ansteckungsgefahr beim Singen aber derart hoch ist, müsste das Singverbot sinnlogischerweise nicht nur in Kitas, sondern auch in Kindergärten oder Schulen gelten.»

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Darum gehts

  • Der Bundesrat hat ein Singverbot beschlossen: Singen ist nur noch innerhalb der Familie oder in den obligatorischen Schulen erlaubt.

  • Bei den Kitas sorgt die Massnahme für Unverständnis.

  • Nicht alle wollen sich an das Singverbot halten.

Seit Mittwoch gilt in allen Kitas der Schweiz ein explizites Singverbot – sowohl im Freien als auch in Innenräumen. Ausnahmen für die vom Bundesrat beschlossenen verschärften Corona-Massnahmen gibt es nur für das Singen innerhalb des Familienkreises und für obligatorische Schulen.

Wie das BAG auf Anfrage bestätigt, gilt das Singverbot in den Kindertagesstätten, in der schulergänzenden Betreuung und in der Tagesfamilienbetreuung – nicht aber etwa in den Kindergärten. Dieser Widerspruch stösst beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) auf Unverständnis: «Wir bekämpfen das Singverbot nicht», sagt Estelle Thomet von Kibesuisse zu 20 Minuten. «Wenn die Ansteckungsgefahr beim Singen aber derart hoch ist, müsste das Singverbot sinnlogischerweise nicht nur in Kitas, sondern auch in Kindergärten oder Schulen gelten.»

Das Singverbot treffe die Kitas schwer: «Für die Kinder ist das Singen wichtig – und es ist ein wertvolles pädagogisches Werkzeug», sagt Thomet. «In der jetzigen Situation müssen wir uns alle einschränken.» Fachpersonen in Kitas könnten Kinder auch ohne Singen adäquat fördern und begleiten.

«Das Singverbot ist nervig und macht keinen Sinn»

Eine Umfrage in verschiedenen Kitas zeigt: Das Singverbot des Bundesrats sorgt für Kopfschütteln: «Die Massnahme ist nervig und macht für uns nicht sehr viel Sinn», sagt I.S.* (21), die in einer Schwyzer Kita arbeitet. Das Singen sei ein sehr wichtiger Bestandteil im Kita-Alltag: «Praktisch in allen Abläufen wird Gesang inkludiert, ob beim Aufräumen, Zähneputzen, vor dem Zvieri oder am Mittag.»

Den Kindern sei das Verbot nur schwer vermittelbar. «Wie erklärt man einem Zweijährigen, dass er nicht mehr singen darf?» In der Kita gehe man mit dem Verbot pragmatisch um: «Wenn nun ein Kind beim Spielen trotzdem singt, unterbinden wir es in der Regel nicht.» Jeden Gesang zu unterbinden, sei sowieso unrealistisch, so die 21-Jährige. «Da muss man auch den gesunden Menschenverstand walten lassen.»

Verslein und Klatschspiele als Alternative

Das gemeinsame Singen vor allem bei Ritualen wie vor dem Einschlafen oder dem Mittagessen fehle, sagt auch eine 52-jährige Betreuerin einer Aargauer Kita, die ungenannt bleiben möchte. «Singen fördert die Sprachentwicklung und unterstützt die Kreativität der Kinder.» Dass die Kinder jetzt nicht mehr singen dürfen, sei «sehr hart» – vor allem jetzt in der Weihnachtszeit.

Es mache für sie gar keinen Sinn, dass das Singen in der Primarschule und im Kindergarten erlaubt sei, in der Kita aber nicht – nicht einmal draussen auf dem Spielplatz oder im Wald. «Als Alternative machen wir jetzt Klatschspiele, sagen Verslein auf, hören Musik von der CD und machen Finger- und Handzeichen dazu», so die Betreuerin. «Das Singen kann es aber nicht ersetzen.»

«Für das Wohl der Kinder breche ich die Regel gern»

Als «pädagogisch schwierig» bezeichnet auch die 38-jährige Kita-Betreuerin S.R. das Singverbot. Zudem nehme man den Kindern die Vorfreude auf Weihnachten. «Für die Kleinen ist es momentan keine einfache Zeit. Viele von ihnen haben ihre Grosseltern schon seit Wochen nicht mehr gesehen.»

Nächste Woche feiere ein Mädchen aus der Kita Geburtstag. «Sie darf dann zwar die Kerzen auf dem Kuchen auspusten, seine Gspänli dürfen für sie aber nicht ‹Happy Birthday› singen – das macht absolut keinen Sinn.» Für R. ist deshalb klar, dass sie ein Geburtstagslied tolerieren werde: «Für das Wohl der Kinder breche ich diese Regel gern.»

*Name der Redaktion bekannt

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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587 Kommentare
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Schämu

11.12.2020, 07:22

Dass der Bundesrat ein Singverbot auf so tiefer Stufe befiehlt, so zeugt es wie hilflos es ist. Der gesunde Menschenverstand ist nicht mehr vorhanden.

Marcel Gugger

11.12.2020, 06:09

Wo liegt das Problem??? Fahr doch nach Bern dort gibts ein ein schönes Haus (oder ist es eine Burg?). Da darf man ungehemmt zusammen stehen, Singen und Klatschen, Ballons steigen lassen und bestimmt hinter dem ein oder anderen verschlossenen Türchen, wo keine Kameras hinkommen, bestimm gemeinsam vom leckeren Kuchen naschen und sich richtig schön Herzen. *ironie off*

Pädu89

11.12.2020, 05:47

Unser Kind lernte Zählen, Farben und Satzstellungen durch Lieder, sie sind ein wichtiger bestandteil der Täglichen Rituale. Sie singen um sich zu beruhigen, halt in dieser turbulenten Welt zu bekommen. Auch in so einer Situation, die Kinder sind unsere Zukunft! So lasst sie uns auch entsprechend fördern, unterstützen! Kein Virus ist es Wert, unseren Kindern jetzt schon die Freiheit sich selbst zu sein zu entziehen! Stiehlt nicht ihre Lebensfreude, ich erinnere, sie sind die Zukunft der Schweiz!