27.07.2017 04:57

70 Rappen pro Liter

Wie fair ist die neue Aldi-Milch wirklich?

Aldi zahlt für für seine «Fair Milk» 5 Rappen mehr. Für Bauern ist das eine «Täuschung», da damit höchstens der Mehraufwand entschädigt werde.

von
P. Michel

Wie viel würden Sie für den Liter Milch bezahlen? Das fragte 20 Minuten Passanten auf der Strasse. (Video: V. Blank / F. Lindegger)

Ab heute steht in den Regalen von Aldi Milch, die mit dem Label «Fair Milk» versehen ist. Sie kostet 1,49 Franken pro Liter, wovon garantiert 70 Rappen an die Bauern fliessen sollen. Zum Vergleich: Herkömmliche Trinkmilch kostet bei Aldi pro Liter 1,15 Franken. Laut Richtpreis erhalten die Bauern davon 65 Rappen. Wer Milch für das neue Label liefern will, muss laut «Schweizer Bauer» die Standards der Tierwohlprogramme BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme) und RAUS (Regelmässiger Auslauf im Freien) erfüllen.

Während Aldi von einer «kleinen Revolution» und einem «fairen Milchpreis für die Bauern» spricht, bezeichnet die Bäuerliche Interessengruppe für Marktkampf (BIG-M) das neue Label als «Täuschung» und «gelungenen PR-Gag». «Das sieht man nur schon an der Gestaltung des Logos, mit dem versucht wird, diese Milch als Produkt von glücklichen Bauern zu vermarkten», sagt Präsident Martin Haab.

Bleibt den Bauern mit der Aldi-Milch mehr?

Von einem fairen Milchpreis sei man aber auch bei 70 Rappen pro Liter noch weit entfernt. Denn selbst mit diesem Preis belaufe sich der Stundenlohn für einen Milchbauern immer noch auf existenzbedrohende 10 Franken, erklärt Haab. Zudem entstünden durch die Anforderungen des Labels auch Zusatzaufwände. «Der nötige Mehraufwand frisst einen Teil des Mehrpreises gleich wieder auf – es bleibt dem Bauern schlussendlich kaum mehr.»

Natürlich begrüsse man alle Massnahmen, die die Händler ergreifen, um die Preise zu erhöhen, betont Haab. Für ihn ist jedoch klar, dass die von Aldi lancierte «Fair Milk» sowie die jüngste Ankündigung von Coop, den Bauern ab Juli drei Rappen mehr pro Liter Milch zu zahlen, vor allem geschicktes Marketing sind.

«Die Händler haben erkannt, dass bei den Konsumenten das Bewusstsein für die Folgen des katastrophal tiefen Milchpreises gewachsen ist», sagt Haab. Deshalb stellten sie sich sich nun als «die Guten, die grossherzig höhere Preise bezahlen», dar, um die Kunden in die Läden zu locken. «Die Milch dient dabei als Kampfartikel, und niemand fragt, ob die höheren Preise auch tatsächlich bei den Bauern ankommen.»

«Aldi möchte ein Zeichen setzen»

Auf die Kritik, Aldi lanciere die «Fair Milk» lediglich als «Kampfartikel», geht der Detailhändler nicht konkret ein. Der Discounter schreibt stattdessen: «Aldi möchte mit der Einführung der Fair Milk ein Zeichen für die Schweizer Landwirtschaft setzen.» Erstmals werde versucht, eine direktere Brücke zwischen den Konsumenten und den Milchproduzenten zu schlagen.

Und auf die Frage, ob die verkauften Mengen der Fair Milk überhaupt gross genug sein werden, damit auch ein Grossteil der Lieferanten vom Label profitieren kann, erklärt Aldi-Sprecher Philippe Vetterli: «Die Fair Milk hat nicht den Anspruch und auch nicht die Möglichkeit, die Probleme im Schweizer Milchmarkt zu lösen.» Man sei jedoch überzeugt, damit einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Landwirtschaft leisten zu können.

Migros und Coop sehen keinen Handlungsbedarf

Und wie reagieren Migros und Coop auf das «Fair Milk»-Angebot von Aldi? Coop erklärt auf Anfrage, es sei kein vergleichbares Produkt geplant, «da man seit langem für Mehrwert-Milchprodukte wie Bio, Demeter oder Pro Montagna deutlich höhere Preise» bezahle. «Coop bekennt sich auch insgesamt zu einem fairen Milchpreis und bezahlt den Milchbauern seit Anfang Juli drei Rappen mehr», sagt Sprecher Ramón Gander.

«Wir sehen keinen Bedarf, ein solches Produkt einzuführen», heisst es auch bei der Migros, da sie schon seit langem ihren Produzenten den höchsten Milchpreis von allen grossen Verarbeitern zahle. Man begrüsse es aber grundsätzlich, wenn andere Detailhändler sich in die Richtung der Migros-Preise bewegen.

Das sagt der Bauernverband

Der Schweizer Bauernverband betrachtet das neue Angebot von Aldi «als ersten Schritt». «Es ist dringend nötig, dass die Milchbauern wieder einen angemessenen Anteil an der Wertschöpfung des gesamten Sektors erhalten», schreibt der Verband. Auch die Branchenorganisation Milch und der Verband der Milchproduzenten äusserte sich positiv.

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