Grow Up: Wie finde ich meine Motivation?

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Grow UpWie finde ich meine Motivation?

Sich zu motivieren, ist nicht immer einfach, stetig musst du dich wieder von neuem für Dinge begeistern. Der Kreativforscher und Kulturpublizist Paolo Bianchi erklärt, wie das gelingen kann.

Herr Bianchi, weshalb müssen wir uns motivieren?

Paolo Bianchi*: «Menschen sind von Natur aus motiviert. Bei passenden Rahmenbedingungen läuft der Motivationsprozess von selbst ab. Wer eine zündende Idee hat und unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, der entwickelt die Bereitschaft, sich anzustrengen, weiterzuentwickeln oder Umwege zu gehen, um sein Ziel zu erreichen. Einerseits motivieren uns extrinsische Beweggründe, wie Geld, Macht und Anerkennung, andererseits intrinsische, wie Lust, Spass, Interesse und Sinnhaftigkeit.»

Worauf ist dabei besonders zu achten?

«Wichtig ist, dass intrinsische und extrinsische Motivation nicht Gegenspieler sind, denn beide Motivationsformen können symbiotisch wirken und uns dann besonders stark motivieren. Dabei sollten wir möglichst versuchen, das Wort müssen aus dem Wortschatz zu verbannen und stattdessen von dürfen, können und wollen zu reden.»

Wird ein bestimmtes Skill-Set benötigt, um sich zu motivieren?

«Eine wertvolle Trainingsmethode ist das Zürcher Ressourcen Modell ZRM. Geübt wird, wie jemand seine Motivation für eine Sache in die Tat umsetzen kann. Es wird versucht, die betreffende Person so zu coachen, dass sie den Übergang vom Abwägen zum Wollen meistert, und dann sagen kann: Das mache ich jetzt! In diesem Moment kennt jemand sein konkretes Ziel und will es mit allen Konsequenzen erreichen. Denn es ist wirklich sein eigenes Ziel, das nicht fremde Erwartungen zu erfüllen hat.»

Wie motiviert man am besten andere Menschen?

«Man kann andere Menschen grundsätzlich nicht motivieren – man kann sie jedoch zu neuem Verhalten einladen, ermutigen und inspirieren. Die Kunst der Motivation ist, sich und anderen zu ermöglichen, dem Gesetz der Trägheit zu widerstehen. Dadurch werden neue Erfahrungen möglich, die idealerweise unter die Haut gehen und allenfalls zu einem neuen Verhalten führen.»

Was antworten Sie jemandem, der sagt: Ich bin halt so und kann mich zu nichts motivieren?

«Es gibt unterschiedliche Gründe, warum wir nicht motiviert oder sogar demotiviert sind. Der häufigste: Wir fokussieren uns zu sehr auf die Belohnung. Viele Menschen streben nach Perfektion, Bestnoten, einem Top-Job, nach einer Gehaltserhöhung oder Beförderung. Eine Beförderung führt dann nur in eine neue leidende Position. Motivation entsteht nicht, indem wir uns über die Karotte begeistern, die wir uns selbst vor die Nase halten und gleichzeitig unter dem Weg leiden, den wir dabei zurücklegen. Das Geheimnis von Selbstmotivation besteht darin, dass sich jemand fragt: Was ist mir wirklich wichtig? Erkennen wir den Sinn in dem, was wir tun, dann kommen Freude, Engagement, Energie und Kreativität ganz von allein – sie überdauern auch Krisen und Momente des Scheiterns.»

Müssen wir bei der Motivationsfindung unterscheiden zwischen Dingen, deren Erledigung wir grundsätzlich eher hinauszögern und Dingen, die wir eigentlich gerne machen würden, aber uns nicht dazu durchringen können?

«Wer Dinge hinauszögert und sich nicht so recht entscheiden kann, prokrastiniert (Fremdwort für extremes Aufschieben, d. Red.). Eine Deadline zu setzen, wirkt dieser Aufschieberitis jedoch entgegen. Übrigens: Prokrastination ist besser als ihr Ruf – und zwar vor allem für unsere Kreativität! Wer prokrastiniert – etwa ein YouTube-Video schaut, oder die Nachrichten liest – löst sich ein Stück weit von der Aufgabe und bekommt einen etwas distanzierten Blick, der eine Lösungsfindung erleichtert. Damit sich Prokrastination positiv auswirkt, müssen aber zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Einerseits sollten wir intrinsisch motiviert sein für unsere Arbeit. Das heisst, wir haben Interesse an unserem Job und er macht uns Spass. Andererseits sollten Job oder Aufgabe überhaupt zulassen, dass wir kreativ sein können.»

*Paolo Bianchi ist Hochschuldozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, Kurator, Kulturpublizist und Kreativitätsforscher sowie Gründungsleiter des Nachdiplomstudiengangs CAS Creationship

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