Mord in Perugia: Wie «Foxy Knoxy» zum «Engelsgesicht» wurde
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Mord in PerugiaWie «Foxy Knoxy» zum «Engelsgesicht» wurde

In Perugia steht Amanda Knox wegen Mordes an ihrer Zimmergenossin Meredith Kercher vor Gericht. Anfänglich als «Foxy Knoxy» bekannt, erhielt die Studentin inzwischen den eher wohlwollenden Übernamen «Engelsgesicht». Dahinter steckt eine regelrechte Kampagne ihrer Familie.

von
Karin Leuthold

Die 21-jährige Austauschstudentin Meredith Kercher wurde 2007 erstochen in der Wohnung aufgefunden, die sie mit der aus Seattle stammenden Studentin Amanda Knox am Rande der Stadt Perugia teilte. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft wurde sie im Verlauf eines Sexspiels getötet. Dabei soll die Amerikanerin sie mit einem Messer tödlich an der Kehle verletzt haben.

Die Tat löste in Italien grosses Entsetzen aus. Bald erstellte die Öffentlichkeit ein Profil der mutmasslichen Mörderin Amanda Knox: berechnend und eiskalt, eine junge Frau, die eine streng katholische Erziehung erhalten hatte und vor Sex- und Gewaltfantasien nicht Halt machte. Amanda Knox, die sich auf der MySpace-Seite als «Foxy Knoxy» (zu deutsch «durchtriebenes Luder») präsentierte und ständig Männer ins Haus brachte.

Die britische Presse machte ehemalige Kommilitonen der mutmasslichen Mörderin ausfindig. Keiner habe sie so richtig gemocht, so deren Befund, ihre weiblichen Mitstudenten schon gar nicht. Amanda sei vorzugsweise auf Männer zugegangen. Nicht zuletzt, erklärte der «Daily Mirror», weil sie durch die Heirat ihrer Mutter mit einem zwölf Jahre jüngeren Mann traumatisiert sei. Amanda müsse ständig mit der eigenen Mutter um Männer rivalisieren, darum führe sie so jung ein sexuell so freizügiges Leben, lautete das Fazit.

Reinwaschungskampagne lanciert

Seit dem Tod von Meredith Kercher lancierte Amandas Familie in den USA eine wahre Gegenkampagne, die die Unschuld der jungen Amanda beteuert. Bereits wenige Tage nach dem Mord beeilte sich Cassandra Knox, Amandas Stiefmutter, den Medien mitzuteilen: «Ich glaube kein Wort davon. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Geschichte etwas Wahres steckt.» Amandas biologische Mutter Edda flog nach Italien, um bei ihrer Tochter zu sein – doch zuvor gab sie etliche Interviews, in denen sie unter Tränen erklärte, dass es gegen ihre Tochter keine ausreichenden Beweise gebe.

Amandas Vater liess sich die Fernsehauftritte auch nicht entgehen. Über den Freund seiner Tochter, ebenfalls des Mordes angeklagt, sagte er, er finde ihn einen «netten Jungen» - obwohl er ihm nie persönlich begegnet sei. Dessen Obsession mit Messern erklärt er einfach als «Sammlung von Kunststücken.»

Gleichzeitig entstanden Unterstützungsseiten im Internet: «Free Amanda», «Friends of Amanda Knox» oder «Amanda Defence Fund» sind einige davon. Die Knoxs finanzieren die Kampagne nicht selber: Sie fordern diejenigen auf, «die an Amanda glauben», sie mit Geld oder Flugmeilen zu unterstützen. Sie verdienen am Verkauf von T-Shirts, Teddybären oder Kaffeetassen mit der Aufschrift «Free Amanda». Amanda selber geniesst dank der Fronarbeit ihrer Familie in Blogs Kultstatus. Sie erhält täglich tonnenweise Fanpost, sogar mit Heiratsanträgen.

Die Medien sind fasziniert vom Phänomen Amanda. Gierig wird jedes Detail aus den Verhandlungen aufgenommen. Etwa, wie aufgelöst die Angeklagte am ersten Prozesstag erschien oder welche Kleider sie bei ihrem Auftritt trug. Der Fall des «Engelsgesichts» gerät zur Seifenoper.

Der Prozess bleibt öffentlich

Ein Anwalt der Familie des Opfers beantragte daher den Ausschluss der Öffentlichkeit von der Verhandlung. Der Vorsitzende Richter Giancarlo Massei untersagte daraufhin Filmaufnahmen, grundsätzlich werde der Prozess aber öffentlich stattfinden.

Nach Einschätzung der Anwälte könnte dieser bis zu einem Jahr dauern – zu verwickelt sind die Aussagen der Angeklagten, die nun geklärt werden müssen. Amanda sagte, sie sei während der Tat zu Hause gewesen und habe sich die Ohren zugehalten, als sie Schreie gehört habe. Später erklärte sie, sie sei nicht zu Hause gewesen. Ihr Ex-Freund war nach eigenen Angaben zur fraglichen Zeit in seiner eigenen Wohnung, kann sich aber nicht erinnern, ob seine damalige Freundin einen Teil oder die ganze Nacht bei ihm verbrachte.

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