Natürliches Gift: Wie gefährlich ist Botulinum wirklich?
Aktualisiert

Natürliches GiftWie gefährlich ist Botulinum wirklich?

In höheren Dosen ist Botulinum tödlich. In kleinen wird es für kosmetische und medizinische Zwecke eingesetzt. Doch es gibt Bedenken.

von
Runa Reinecke

Nicht nur in Hollywood wird Botulinum als das Wundermittel gegen Falten eingesetzt - auch Herr und Frau Schweizer lassen sich regelmässig das zerknitterte Gesicht mit Injektionen in die Gesichtsmuskulatur straffen. So entgehen sie - zumindest kurzfristig - einer aufwändigen Schönheitsoperation. Und das auch noch ohne nennenswerte Nebenwirkungen - so die bisherige Annahme.

Was jetzt italienische Forscher im Tierversuch herausfanden, sorgt nicht nur bei Ärzten für Stirnrunzeln: Die Wissenschaftler injizierten laut «New Scientist» Ratten Botulinum-Toxin in die Muskaltur an der Schnauze. Im Anschluss wurden die Tiere untersucht. Dabei fanden die Forscher Spuren des Gifts im Gehirn und in anderen Körperregionen.

Bisher wurde davon ausgegangen, dass Botulinum an der Stelle verbleibt, an der es gespritzt wird. Matteo Caleo und sein Team von der Universität für Neurowissenschaften in Pisa gehen nun davon aus, dass das Botulinum-Toxin die Funktion von Nervenzellen stören könnte.

Die Resultate der italienischen Forscher werden in den USA mit grossem Interesse verfolgt. Matthew Avram, Direktor des dermatologischen Spitals in Massachusetts, äussert sich verhalten: «Die Annahme, dass Botulinum die Funktion - also die Leitfähigkeit - der Nervenzellen beeinflusst, müssen wir noch länger beobachten».

Botulinum: Tierquälerei für Schönheit und Medizin

Jugendliches Aussehen hat bekanntlich seinen Preis: Botulinum ist nicht nur eine kostspielige Wunderwaffe gegen Falten, sondern auch ein tödliches Nervengift. Nur ein Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht kann einen Menschen umbringen.

Damit die Botulinuminjektion nicht zur tödlichen Spritze wird, müssen die Produktionschargen zuvor im LD50-Test geprüft werden. Zur Feststellung der korrekten Dosis wird die Verdünnung des Gifts 60 bis 100 Mäusen in die Bauchhöle gespritzt. Dann folgt das qualvolle Sterben der Tiere: Sie bekommen Muskellähmungen, Sehstörungen und sterben schliesslich unter grossen Schmerzen einen grauenvollen Erstickungstot.

Nun arbeiten verschiedene Forschungsinstitute daran, eine für die Tiere schmerzlose Variante des LD50-Tests zu finden - bisher ohne nennenswerten Erfolg.

Botulinum: Arznei und Faltenkiller

Das Toxin Botulinum wird seit 1989 in sehr geringen Konzentrationen zur Glättung von Falten eingesetzt: Dabei wird das Serum direkt in die Gesichtsmuskulatur gespritzt. Schon nach wenigen Tagen werden die behandelten Muskeln in ihrer Funktion derart gehemmt, dass die Kontraktion kaum oder gar nicht mehr möglich ist. Folge: Die Haut entspannt sich, die Falten verschwinden oder werden stark vermindert. Diese Wirkung hält ungefähr vier bis sechs Monate an.

Nicht nur die Schönheitsindustrie profitiert von der lähmenden Wirkung: Bei Blasenschwäche wird Botulinum eingesetzt, wenn andere Arzneien oder Behandlungsmethoden nicht mehr helfen. Vielen Patienten kann durch das Injizieren von Botulinum in den spastischen (chronisch verkrampften) oder überaktiven Blasenmusel geholfen werden. Auch bei Spasmen und übermässiger Schweissbildung wird Botulinum angewendet.

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