Aktualisiert 21.08.2010 13:47

Atomstreit

Wie gefährlich ist das AKW Buschehr?

Seit heute läuft das erste Atomkraftwerk des Irans. Fragen und Antworten zum AKW Buschehr.

von
Carola Frentzen/Albert Otti, dpa

Der Iran hat am Samstag offiziell sein erstes Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Die von Russland gebaute Anlage soll erst in sechs Monaten erstmals Atomstrom liefern.

Warum fällt Buschehr nicht unter die Sanktionen beziehungsweise die Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates?

Buschehr ist ein sogenannter Leichtwasserreaktor und birgt damit weniger Gefahr, dass er für ein Atomwaffenprogramm genutzt wird, als andere Arten von Reaktoren. Ausserdem unterliegt Buschehr schon seit Beginn der Bauarbeiten regelmässigen Kontrollen durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEA. «Es gab nie irgendwelche Probleme bei den Inspektionen in Buschehr», hiess es aus IAEA- Kreisen.

Wie gross ist das Risiko, dass Buschehr doch für andere Zwecke missbraucht wird?

Dieses Risiko ist nach Auffassung von Experten sehr gering. Theoretisch müsste Teheran Atombrennstoff aus dem Reaktor entnehmen und weiter anreichern, um eine Bombe zu bauen. Da der Brennstoff aber von Inspektoren der IAEA überwacht wird, würde das sofort auffallen. «Für den Iran wäre das mit einem grossen Risiko verbunden: Es müsste eine massive Menge Brennstoff entwendet werden, und das würde nicht unbemerkt geschehen», sagte Nuklearexperte Andreas Persbo vom Londoner Forschungszentrum «VERTIC» der Presseagentur dpa.

Könnte der Iran stattdessen aus abgebranntem Brennstoff Plutonium für eine Bombe gewinnen?

«Dieses Material wäre nicht optimal, um es für Waffen zu verwenden», brachte es Persbo auf den Punkt. Denn die chemische Zusammensetzung des Brennstoffs macht es schwierig, daraus Plutonium zu gewinnen. Es ist zwar möglich, den Buschehr-Reaktor zu missbrauchen, um Brennstoff für eine Bombe zu produzieren - aber nicht, wenn gleichzeitig Energie gewonnen wird. Eine Wiederaufbereitungsanlage für abgebranntes Material gibt es ausserdem im Iran bisher nicht. Zudem gibt es in den Verträgen mit Russland eine Klausel, die besagt, dass die gebrauchten Brennstäbe nach Russland zurückgeliefert werden.

Der Iran sagt, er plane weitere Reaktoren und müsse dafür bereits heute Uran anreichern. Ist das wahr?

Nein, denn zwar betont der Iran immer wieder, schon bald mindestens zehn weitere Reaktoren bauen zu wollen, «aber das Land hat keine Erfahrung damit, solche Kraftwerke von Grund auf zu bauen», erklärte Persbo. Solange die Reaktoren nicht gebaut sind, ist nicht klar, welche Art von Brennstoff für ihren Betrieb gebraucht wird. Persbo schätzt, dass es mindestens 15 Jahre dauern wird, bis der nächste Reaktor im Iran fertiggestellt ist. «Man kann natürlich im Vorfeld mit der Urananreicherung beginnen, aber nicht so viele Jahre früher.»

Es heisst immer wieder, Deutschland habe den Bau des Buschehr- Reaktors begonnen. Stimmt das?

Ja, mit dem Bau hatte die deutsche Kraftwerk Union (KWU) - ein Joint-Venture zwischen Siemens und AEG-Telefunken - bereits 1975 unter IAEA-Kontrolle begonnen. Der Atomreaktor war genauso konzipiert wie das Kraftwerk im südhessischen Biblis. Nach dem Sturz des Schah im Jahr 1979 wurde der Rohbau des AKW Buschehr bei Luftangriffen im ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak völlig zerstört. 1995 sprang Russland ein und beschloss, den äusseren Aufbau beizubehalten, aber die deutschen Pläne durch die russische WWER-Technologie (eine bestimmte Art von Druckwasserreaktoren) zu ersetzen. Ein Diplomat aus IAEA-Kreisen fasste das Projekt folgendermassen zusammen: «Das war so, als müsste man einen Lada mit einem Mercedes zusammenzubauen.»

Atomkraftwerk Buschehr

Das erste iranische Atomkraftwerk Buschehr steht rund 1200 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran am Persischen Golf. Der jetzt fertiggestellte erste Reaktorblock wird nach seinem Beladen mit 165 Brennstäben aus Russland voraussichtlich im November 2010 an das Stromnetz angeschlossen.

Im März 2011 soll der Leichtwasserreaktor seine Maximalleistung von 1000 Megawatt erreichen. Geplant sind auf dem Areal zwei weitere Blöcke.

Der erste Reaktorblock ist ein Mix aus westlicher und russischer Technik. 1974 hatten vor allem deutsche Ingenieure mit dem Bau der Anlage im Auftrag des Schah begonnen.

1995 beauftragte der Iran die russische Firma Atomstroiexport für eine Milliarde US-Dollar mit dem Weiterbau. Die Kombination unterschiedlicher Reaktortechniken gilt als aufwendig. (sda)

Der Bau des iranischen Atomkraftwerks in Buschehr begann vor rund 35 Jahren. Ein Rückblick:

1974/1975: Nach einem Auftrag des Schahs an die deutsche Siemens- Tochter Kraftwerk Union beginnen die Arbeiten an zwei Atomreaktoren in Buschehr am Persischen Golf. Laut Vertrag sollen sie bis 1981 fertig sein.

1979: Nach dem Sturz des Schahs steigt Kraftwerk Union aus dem Projekt aus. Angeblich sind die beiden Blöcke zu 80 und 60 Prozent fertig. Die Bauarbeiten werden eingestellt. Im ersten Golfkrieg (1980-1988) zwischen dem Irak und dem Iran werden die Anlagen bombardiert.

1982: Nachdem Teheran mehrfach die Internationale Handelskammer in Paris angerufen hat, entscheidet diese, dass Siemens die noch nicht gelieferten Kraftwerkskomponenten ausliefern muss und mit dem Iran über die Fertigstellung weiterverhandeln soll. Nach Siemens- Angaben werden bis Mitte der 1980er Jahre Bauteile geliefert.

1995: Der Iran und Russland schliessen einen Vertrag über den Bau von vier Blöcken. Bis zum Jahr 2000 soll das Kraftwerk ans Netz gehen. Vor allem aus den USA kommt Kritik.

1996: Russische Spezialisten beenden die technische Überprüfung der erhaltenswerten Bausektoren. Russische Baufirmen sollen das Kraftwerk im wesentlichen neu errichten.

2007: Russlands Präsident Wladimir Putin sichert bei einem Besuch in Teheran die Fertigstellung zu, nennt dafür aber keinen Termin.

2009: Russland und der Iran unternehmen einen Testlauf. Es habe sich um einen sogenannten technischen Start der Anlage gehandelt, da der von Russland gelieferte Brennstoff noch von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA versiegelt sei, hiess es damals.

2010: Frühestens im November soll das Kraftwerk ans Netz gehen. (sda)

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