Erster Fall in der Schweiz - Trickst die Doppelmutante B.1.617 aus Indien die Impfstoffe aus?
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Erster Fall in der SchweizTrickst die Doppelmutante B.1.617 aus Indien die Impfstoffe aus?

Erstmals wurde in der Schweiz die indische Corona-Variante nachgewiesen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Indien ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika das Land mit den meisten Corona-Neuinfektionen.

Indien ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika das Land mit den meisten Corona-Neuinfektionen.

REUTERS
Und die Zahlen steigen weiterhin rasant: Am Montag vermeldete das indische Gesundheitsministerium rund 274’000 neue Covid-19-Fälle. 

Und die Zahlen steigen weiterhin rasant: Am Montag vermeldete das indische Gesundheitsministerium rund 274’000 neue Covid-19-Fälle.

Worldometers
Laut Forschenden kann das einerseits auf die Kumbh-Mela-Feierlichkeiten zurückzuführen sein, zu denen unlängst hunderttausende Menschen zusammen kamen.

Laut Forschenden kann das einerseits auf die Kumbh-Mela-Feierlichkeiten zurückzuführen sein, zu denen unlängst hunderttausende Menschen zusammen kamen.

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Darum gehts

  • In Indien droht die Covid-19-Pandemie ausser Kontrolle zu geraten.

  • Mitschuld an der dritten Welle könnte eine neue Variante von Sars-CoV-2 sein.

  • Die Doppelmutante weist Veränderungen auf, die man von anderen besorgniserregenden Mutanten kennt – sie könnte die Wirkung der Impfungen aushebeln.

In Indien hat sich die Corona-Situation dramatisch verschärft. Am Samstag vermeldete das Gesundheitsministerium in Indien innerhalb von 24 Stunden rund 340’000 neue Covid-19-Fälle. Der Sauerstoff wird knapp.

Eine Ursache für die hohen Neuinfektionen könnte eine neue Variante von Sars-CoV-2 sein. B.1.617 ist eine Doppelmutante, die erstmals in dem südasiatischen Land entdeckt wurde. Nun wurde die Variante, vor der die Welt zittert, auch in der Schweiz nachgewiesen.

Was spricht dafür, dass Geimpfte gegen B.1.617 weniger gut geschützt sind?

B.1.617 trägt zwei Mutationen des Spike-Proteins in sich, die bereits von anderen besorgniserregenden («variant of concern») oder unter Beobachtung stehenden Linien («variant of interest») bekannt sind: die Mutation L452R, die auch bei der kalifornischen Variante vorkommt, und die Mutation E484K beziehungsweise E484Q, die man von der südafrikanischen als auch von der brasilianischen Mutante kennt.

Diese werden laut dem deutschen Robert-Koch-Institut (RKI) «mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht, deren Umfang nicht eindeutig ist». Das könnte bedeuten, dass Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein könnten. »Die neue Variante könnte noch schwieriger durch Impfstoffe zu kontrollieren sein als die Varianten, die zunächst in Brasilien und Südafrika aufgetreten waren«, meint der britische Mediziner Paul Hunter von der University of East Anglia gegenüber Guardian.com.

Wie stark ist B.1.617 in Indien vertreten?

Die Doppelmutante ist erstmals Ende letzten Jahres in Indien aufgetaucht und hat sich seither stark verbreitet. Darauf weisen die Ergebnisse von Laboruntersuchungen im Bundesstaat Maharashtra hin, in dem sich die Millionenmetropole Mumbai befindet. Laut Spiegel.de fanden Forschende die neue Virusvariante in über 60 Prozent der sequenzierten Proben. Aktuell besonders betroffen ist neben Mumbai auch die Hauptstadt Neu-Delhi.

Wo wurde B.1.617 ausserhalb Indiens nachgewiesen?

Am Samstag meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen ersten Fall in der Schweiz. Die indische Mutante ist bereits ausserhalb Indiens nachgewiesen worden, unter anderem in Australien, den USA und Singapur. In Grossbritannien etwa wurden bis Mitte vergangener Woche 77 Fälle gemeldet. In Dänemark sind seit März elf Fälle der Variante aufgetreten, in Deutschland weiss man derzeit von acht Fällen. Nach Einschätzung des deutschen Politikers und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach dürfte die Variante künftig auch verstärkt in unseren Breitengraden auftreten: «Für Deutschland bedeutet das besondere Gefahr, weil auch B117 über Grossbritannien sehr schnell zu uns kam.»

Wieso setzt die Schweiz Indien nicht auf der Risikoliste?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO listete B.1.617 bislang nur als «variant of interest», weshalb Indien nicht auf die Risikoliste kam. Laut dem BAG läuft aber eine Konsultation, um dies zu ändern. Direktflüge von der Schweiz nach Indien gibt es derzeit nicht. Im entdeckten Fall reiste die Person über einen Transitflughafen ein.

Hat die Schweiz genügend Beatmungsgeräte an Lager?

Indien geht die Luft aus. Wegen der vielen Corona-Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, gehen dem indischen Gesundheitssystem die Sauerstoff-Reserven aus. Eine grosse Privatspital-Kette schrieb am Freitag auf Twitter: «SOS – weniger als eine Stunde Sauerstoffvorräte übrig».

Die Schweiz hat seit der Corona-Krise aufgerüstet mit Beatmungsgeräten. Gemäss Informationen der Armeeapotheke waren per 1. Februar 2021 948 Beatmungsgeräte frei verfügbar. Insgesamt kaufte die Armeeapotheke 1700 Beatmungsgeräte ein. Die Bestellungen wurden damit um das 20fache erhöht. Im Dezember 2020 vermeldeten Medien, dass die Schweiz plötzlich «zu viel» Beatmungsgeräte besitze.

Karl Lauterbach spricht angesichts der indischen Mutation von einer «Covid-Katastrophe» – ist seine Angst gerechtfertigt?

Das wird sich noch zeigen. Während Lauterbach bereits davon überzeugt ist, dass «B.1.617 sich auch bei Impfung durchsetzen kann» , sehen andere Experten das Ganze entspannter: Neher verweist laut Stern.de auf die geringe Datenmenge, die es zur indischen Variante gebe: «Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden.» Er glaubt nicht, «dass B.1.617 mehr Aufmerksamkeit verdient als andere Varianten». Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, hatte die indische Variante Ende März ebenfalls nicht als Grund zur Beunruhigung gesehen. Anders sieht es wiederum Simon Clarke von der University of Reading, wie er zu Guardian.com sagte: «Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass dies ein Kandidat dafür ist, ziemlich bald eine besorgniserregende Variante, eine ‹variant of concern› zu werden.»

Keine «variant of concern», aber was dann?

Die Variante wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit als «variant of interest» gelistet – damit steht sie unter Beobachtung. Um als besorgniserregend eingestuft zu werden, müsste sie sich nachweislich leichter ausbreiten, schwerere Krankheiten verursachen, dem Immunsystem entgehen, das klinische Erscheinungsbild verändern oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringern, so eine WHO-Sprecherin. Ob das auf die indische Variante zutrifft, ist noch offen. Dafür fehle bislang «die entsprechende Evidenz», zitiert die Deutsche Presse-Agentur DPA eine RKI-Sprecherin.

Entsprechende Untersuchungen liefen derzeit, sagt Anurag Agrawal, Direktor des staatlichen Council of Scientific and Industrial Research's Genomics Institute gemäss dem indischen News-Portal Business-standard.com. Er scheint zu hoffen, dass sich die Befürchtung von Karl Lauterbach nicht bestätigt: «Die L452R-Mutation ist in US-Studien gut charakterisiert», so Agrawal. Demnach geht man davon aus, dass sie die virale Übertragung um etwa 20 Prozent erhöht und die Wirksamkeit der Antikörper um mehr als 50 Prozent reduziert ist.

* Der Text erschien erstmals am 20. April und wurde anlässlich des erstmaligen Nachweises der Variante in der Schweiz aktualisiert.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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