Geheimdienste wiegeln ab: Wie gefährlich ist die IS-Terrormiliz wirklich?
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Geheimdienste wiegeln abWie gefährlich ist die IS-Terrormiliz wirklich?

Das Phänomen IS sei etwas Neues und sehr Gefährliches, heisst es allerorts. Doch Skeptiker und US-Geheimdienste äussern Zweifel.

von
Martin Suter
New York

Während US-Aussenminister John Kerry um Unterstützung für Präsident Barack Obamas Offensive gegen den Islamischen Staat (IS) wirbt, beginnen Fachleute über die von der Terrormiliz ausgehende Gefahr zu debattieren. In den letzten Tagen wurden in amerikanischen Medien Stimmen laut, die vor einer Hysterie warnten.

Wie die «Washington Post» berichtete, sind sich die US-Geheimdienste über die vom IS ausgehenden Risiken nicht restlos im Klaren. Allein die Stärke ihrer Kampfverbände sei schwer einzuschätzen. Kurz bevor Obama am Mittwoch seine Rede über die Offensive hielt, habe ein Mitarbeiter der US-Terrorabwehr vor Kongressabgeordneten die Zahl der IS-Kämpfer mit rund 10'000 beziffert, schreibt die Zeitung. Doch schon am Tag darauf sprach die CIA von 20'000 bis 31'000 IS-Dschihadisten im Irak und in Syrien.

Das Gefühl, beim Phänomen IS handle es sich um etwas Neues, Aussergewöhnliches und Gefährliches, wird mit drei Merkmalen in Zusammenhang gebracht. Bei allen drei bringen Skeptiker Zweifel an:

Gefahr 1: Der Islamische Staat ist auf dem Vormarsch

Die Geländegewinne des IS in Syrien und im Irak übertreffen bei Weitem das, was die Al Kaida je zustande gebracht hatte. Die Terrormiliz droht, nach Kurdistan im Norden und nach Bagdad im Süden vorzudringen. Doch Nahostexperte Ramzy Mardini von der Denkfabrik Atlantic Council glaubt nicht daran. Unter dem Titel: «Die Bedrohung durch den Islamischen Staat wird übertrieben» schreibt Mardini in der «Washington Post»: «Die Grenzen seines Territoriums haben mehr oder weniger ihr Maximum erreicht.» Irgendwo sonst im Nahen Osten habe der IS wegen seiner Ruchlosigkeit kaum Chancen, auf Akzeptanz zu stossen.

Gefahr 2: Westliche IS-Mitglieder tragen den Terror nach Hause

Mehrere tausend Dschihadisten mit europäischen und etwa hundert mit US-amerikanischen Pässen kämpfen für den IS. «Sie brauchen», schrieben die US-Senatoren John McCain und Lindsey Graham, «nur ein Flugticket, um in US-Städte zu reisen.» In Bezug auf die USA sei das «vor allem ein Hype», schreibt Al-Kaida-Experte Peter Bergen auf CNN.com. Laut seinem Ko-Autor David Sterman von der New America Foundation hat bisher nur ein in Syrien ausgebildeter Dschihadist versucht, in den USA aktiv zu werden. Doch weil Monet Abu Salha in Florida keine Mitstreiter fand, kehrte er nach Syrien zurück, wo er bei einem Selbstmordattentat starb. Ein tödlicher Anschlag sei bloss dem zurückgekehrten Terroristen Mehdi Nemmouche gelungen, der in Brüssel im jüdischen Museum vier Menschen tötete.

Gefahr 3: Die Brutalität des IS macht ihn zum Risiko

Die Videos der Ermordungen von inzwischen drei westlichen Geiseln haben die US-Öffentlichkeit so sehr erschüttert, dass laut einer Umfrage 90 Prozent der Amerikaner den IS als ernsthafte Bedrohung der USA ansehen. Für Nick Gillespie von der Zeitschrift «Reason» ist das der typische «Bedrohungs-Hype», der schon immer dummen Kriegen der USA vorausging. Nicht einmal 9/11 habe zu einer massiven Zunahme terroristischer Anschläge im Westen geführt, schreibt Gillespie auf The Daily Beast.

Jetzt rabiat gegen den IS vorzugehen, sei kontraproduktiv, glaubt Paul Pillar, der früher die CIA-Abteilung für Terrorabwehr leitete. Dadurch laufe man Gefahr, das Interesse des IS geradezu auf die Vereinigten Staaten zu lenken. Die USA könnten die Organisation zwar schwächen, sagt Pillar zur «Post», aber «es wird einen Rache-Faktor geben».

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