Mythos entlarvt: Wie gefährlich ist eigentlich Treibsand?
Aktualisiert

Mythos entlarvtWie gefährlich ist eigentlich Treibsand?

Kaum ein Naturphänomen ist derart mit Klischees behaftet wie Treibsand. Immer wieder kommen Menschen darin ums Leben – allerdings nicht so, wie es einem Abenteuerfilme weismachen.

von
kri

In den 1960er-Jahren war ein Abenteuerfilm kein Abenteuerfilm ohne eine dramatische Treibsand-Szene. Selbst Klassiker wie der siebenfache Oscar-Gewinner «Lawrence of Arabia» bedienten sich des beliebten Stilmittels. Der Ablauf war stets derselbe: Opfer gerät in Treibsand, sinkt langsam ein, versucht sich verzweifelt zu retten und beschleunigt damit seinen Untergang. Heute ist das heimtückische Naturphänomen fast gänzlich von den Leinwänden verschwunden. Bisweilen taucht es als Metapher in Überschriften der «Neuen Zürcher Zeitung» auf.

Mit der Realität hatten die Schauerszenen ohnehin nie viel zu tun. Ein komplettes Versinken im Treibsand ist physikalisch unmöglich, da er eine höhere Dichte aufweist als der menschliche Körper. Ein Einsinken bis zur Hüfte oder höchstens zum Brustkorb ist möglich, aber weiter nicht. Egal, wie sehr man strampelt. Kommt hinzu, dass die meisten Filmszenen in der Wüste spielen. Doch ob solcher Trocken-Treibsand in der Natur tatsächlich vorkommt, ist bis heute umstritten. Lediglich unter den künstlichen Bedingungen eines Labor-Experiments konnte er bisher nachgewiesen werden.

Nicht der Treibsand an sich ist tödlich

Der echte Treibsand ist ein zähflüssiges, wackliges Gemisch aus feinem Sand, Tonerde und Wasser. Trockene Sandkörner verdichten sich unter Druck, doch in wässriger Umgebung verschieben sie sich ohne grösseren Widerstand. Die winzigen Poren zwischen den Sandkörnern verhindern einen schnellen Abfluss der Flüssigkeit, was dem Gebilde eine gewisse Stabilität verleiht. Voraussetzung ist genügend Wasser. Treibsand ist deshalb häufig in unmittelbarer Nähe von Gewässern anzutreffen.

Und genau aufgrund dieser Eigenschaft kann er zur Todesfalle werden: Während ein komplettes Einsinken unmöglich ist, kann man heillos stecken bleiben – und in Meeresnähe in der aufkommenden Flut ertrinken. Im August starb so eine 33-jährige Frau an einem Strand in Antigua. Auch an den Wattenmeeren Europas ereignen sich immer wieder solche Unfälle. Wer alleine unterwegs ist, kann zudem an Durst, Unterkühlung oder Erschöpfung sterben.

Manchmal können nur noch Profis helfen

Was also tun, wenn es einen erwischt? «National Geographic» empfiehlt, mit langsamen Schlängel-Bewegungen zwischen Beinen und Treibsand Raum zu schaffen, in den Wasser nachfliessen kann. Das würde die zähe Masse verflüssigen und den Ausstieg erleichtern. Auf keinen Fall sollte man eine Begleitperson bitten, einen herauszuziehen. Erstens besteht die Gefahr, dass diese selbst stecken bleibt. Zweitens ist es höchst unwahrscheinlich, dass jemand die nötige Kraft dazu besitzt. Und drittens würde, wenn doch, das Bein wahrscheinlich abbrechen.

In manchen Fällen helfen nur noch ausgebildete Retter. Mit speziellen Fahrzeugen und Matten können sie sich fortbewegen, ohne selbst einzusinken. Mithilfe einer Wasserpumpe verflüssigen sie anschliessend den Treibsand in unmittelbarer Nähe des Opfers, das schliesslich mit Klettergurt und Winde herausgezogen werden kann (siehe Video unten).

Treibsand in der Morecambe Bay:

(Video: Youtube/BaySearchAndRescue)

Rettungsaktion in der Morecambe Bay:

(Video: Youtube/BBC)

Treibsand in «Lawrence von Arabien»:

(Video: Youtube/LanceWeller)

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