Cyber-Terror: Wie gefährlich sind die IS-Hacker für die Schweiz?
Aktualisiert

Cyber-TerrorWie gefährlich sind die IS-Hacker für die Schweiz?

Nicht nur TV-Sender, sondern auch der Verkehr oder die Stromversorgung könnten durch Cyber-Terroristen lahmgelegt werden. Wie verletzlich ist die Schweiz?

von
J. Büchi
Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes (Melani) beobachtet jeden Tag Cyberangriffe auf die Schweiz.

Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes (Melani) beobachtet jeden Tag Cyberangriffe auf die Schweiz.

Frankreichs Premierminister Manuel Valls sprach von einer Attacke auf die Meinungsfreiheit: Am Mittwochabend legten mutmassliche Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den kompletten Sendebetrieb der französischen Fernsehsendergruppe TV5 Monde lahm: Das Unternehmen verlor jegliche Kontrolle über seine Sender, seine Website und seine Konten in sozialen Netzwerken. In den darauffolgenden Stunden griffen die IS-Hacker wahllos weitere Websites an. Darunter auch solche in der Schweiz, wie Recherchen von 20 Minuten zeigten. Sind diese Angriffe erst der Anfang? Wie gefährlich können die Cyber-Terroristen für die Schweiz und den Westen werden?

Laut Bernhard Tellenbach, Dozent für Informationssicherheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, können Hacker grundsätzlich alles lahmlegen, was von Computern gesteuert wird: Strom- und Wasserversorgung, den Zahlungsverkehr, Verkehrssysteme und Flughäfen. Eine Sabotage ist laut Tellenbach selbst bei Systemen möglich, die nicht mit dem Internet verbunden sind. «Dies hat beispielsweise der in die iranische Atomanlage Natanz eingeschleuste Computerwurm Stuxnet gezeigt.»

Jeden Tag Angriffe auf die Schweiz

Terroristen seien an Angriffen mit möglichst grosser Sichtbarkeit interessiert, so Tellenbach: «Wenn Strom und Wasser nicht mehr fliessen, der Verkehr stillsteht oder die Bancomaten nicht mehr funktionieren, kann das bei entsprechender Grösse der betroffenen Region eine Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern.» Besonders gefährlich wäre laut dem Experten ein kombinierter Angriff aus klassischem Terrorismus und einem Hackerangriff auf kritische Infrastrukturen. Davor warnte kürzlich die Sicherheitsexpertin Myriam Dunn-Cavelty im Interview mit 20 Minuten: «Terroristen könnten etwa am Bellevue-Platz mitten in Zürich eine Autobombe zünden und gleichzeitig das Verkehrssystem und die Notfallorganisation lahmlegen.» Die Opfer des Anschlags könnten in einem solchen Fall nicht abtransportiert oder medizinisch versorgt werden.

Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes (Melani) beobachtet in der Schweiz jeden Tag Cyberangriffe. Der stellvertretender Leiter Max Klaus sagt: «Die theoretische Möglichkeit von Angriffen auf die Stromversorgung oder andere computergesteuerte Systeme besteht.» Weil solche Attacken aber ein hohes Mass an Insiderwissen voraussetzten, seien sie sehr viel schwieriger durchzuführen als einfache Angriffe auf Websites oder Fernsehsender. Klaus betont zudem, die Betreiber der kritischen Infrastrukturen in der Schweiz – inklusive Energieversorger – seien sehr gut vor Cyberangriffen geschützt.

«Firewall noch nie durchbrochen»

Beim Energiedienstleister Axpo, der Zahlungssystem-Betreiberin Six Group und dem Flughafen Zürich heisst es auf Anfrage, es komme vor, dass Hacker versuchten, in die IT-Systeme einzudringen. Axpo-Sprecher Tobis Kistner beruhigt jedoch: «Es kam noch nie vor, dass die Firewall durchbrochen und Schaden angerichtet werden konnte.» Auch Jürg Schneider von der Zahlungssystem-Betreiberin Six Group sagt: «Selbstverständlich werden die Sicherheitsvorkehrungen laufend überwacht, überprüft und an die aktuelle Bedrohungslage angepasst.»

Die Sensibilität für die von Cyberangriffen ausgehende Gefahr habe in den vergangenen Jahren zugenommen, betont auch Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling. «Entsprechend ihrer Wichtigkeit kontrollieren wir alle IT-Systeme intensiv, damit wir sofort sehen, wenn irgendwo eine Sicherheitslücke auftreten sollte.» Derzeit gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass die Schweiz speziell im Fokus von Cyberangreifern stünde. Bei Melani heisst es, die Schweiz sei diesbezüglich «nicht besser oder schlechter gestellt» als andere Staaten.

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