Ukraine-Invasion – «Putin spielt mit dem Atomknopf wie mit einem Schlüsselbund»
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Ukraine-Invasion«Putin spielt mit dem Atomknopf wie mit einem Schlüsselbund»

Kreml-Chef Wladimir Putin drohte im Ukraine-Krieg möglichen Angreifern mit Russlands nuklearer Macht. Experten rechnen deshalb mit grossen politischen Veränderungen.

von
Bettina Zanni
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In seiner Ansprache vor dem Einmarsch der Truppen in die Ukraine erinnerte Kreml-Chef Wladimir Putin daran, dass Russland «eine der mächtigsten Atommächte der Welt» sei.

In seiner Ansprache vor dem Einmarsch der Truppen in die Ukraine erinnerte Kreml-Chef Wladimir Putin daran, dass Russland «eine der mächtigsten Atommächte der Welt» sei.

via REUTERS
«Wir sind in einer Situation, in der sich die beiden Nuklearmächte, die USA und Russland, wieder in einer ungeregelten Konfrontation gegenüberstehen», sagt Matthias Dembinski, Nato- und Sicherheitsexperte.

«Wir sind in einer Situation, in der sich die beiden Nuklearmächte, die USA und Russland, wieder in einer ungeregelten Konfrontation gegenüberstehen», sagt Matthias Dembinski, Nato- und Sicherheitsexperte.

HSFK
«Da die Ukraine nicht in der EU und auch kein Bündnismitglied der Nato ist, halte ich eine Intervention der Nato aktuell nicht für möglich», sagt Sicherheitsforscher Niklas Masuhr.

«Da die Ukraine nicht in der EU und auch kein Bündnismitglied der Nato ist, halte ich eine Intervention der Nato aktuell nicht für möglich», sagt Sicherheitsforscher Niklas Masuhr.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Russlands Präsident weckte weltweit Befürchtungen vor einem Atomkrieg.

  • Die Welt werde wieder in dieselbe Situation zurückgeworfen wie in der ersten Phase des Kalten Kriegs, sagt ein Nato- und Sicherheitsexperte.

  • «Wir werden in einem weniger sicheren Europa leben», sagt ein Sicherheitsforscher.   

Eine der grössten Atommächte ist in die Ukraine eingefallen. Das gab Kreml-Chef Wladimir Putin kurz vor dem Einmarsch unmissverständlich zu verstehen. In seiner Ansprache am frühen Donnerstagmorgen erinnerte er daran, dass Russland «eine der mächtigsten Atommächte der Welt» sei. Es solle «keine Zweifel geben, dass jeder mögliche Angreifer eine Niederlage und bedrohliche Konsequenzen erleben» werde, warnte Putin. Damit weckte er weltweit Befürchtungen vor einem nuklearen Krieg.

Laut dem Chefredaktor der kremlkritischen Zeitung «Nowaja Gaseta» spielt Putin mit dem Nuklearknopf «wie mit dem Schlüsselbund eines teuren Autos». Der russische Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow sagte entsetzt: «Was kommt als Nächstes? Ein atomarer Schlag?»

Die Nato kündigte am Donnerstag an, ihre Truppenpräsenz in Osteuropa zu verstärken. «Wir haben keine Nato-Truppen in der Ukraine und wir haben auch keine Pläne, Nato-Truppen in die Ukraine zu entsenden», sagte Jens Stoltenberg, Generalsekretär des westlichen Bündnisses.

«Nato wird nicht mit Truppen eingreifen»

Putin habe unverhohlen mit einem nuklearen Krieg gedroht für den Fall, dass sich jemand einmischen werde, sagt Matthias Dembinski, Nato- und Sicherheitsexperte am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). Dies sei nicht der einzige Grund, warum sich die Nato nicht in den Krieg einmische. «Bereits zu Beginn des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine stellte die Nato klar, dass sie selbst nicht mit Truppen in den Konflikt eingreifen werde.» Der Krieg bleibe auf die Ukraine beschränkt, vermutet er.

Ähnlich schätzt Niklas Masuhr, Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich, die Lage ein. Die Ukraine sei auf sich alleine gestellt. «Da die Ukraine nicht in der EU und auch kein Bündnismitglied der Nato ist, halte ich eine Intervention der Nato aktuell nicht für möglich.» Die Gefahr eines Atomkriegs steige nicht. «Putins Drohung mit Russlands nuklearem Arsenal ist eine Einschüchterungstaktik, um in der Ukraine freie Hand zu haben.»

Verhältnis verschärfe sich dramatisch

Die Experten rechnen jedoch mit grossen politischen Veränderungen. Laut Matthias Dembinski wird die Welt wieder in dieselbe Situation zurückgeworfen wie in der ersten Phase des Kalten Kriegs. Als Folge des Kriegs in der Ukraine verschärfe sich das Verhältnis zwischen Europa, den USA und Russland dramatisch. Der neue Kalte Krieg werde ebenso wie der erste eine nukleare Dimension haben. «Wir sind in einer Situation, in der sich die beiden Nuklearmächte, die USA und Russland, wieder in einer ungeregelten Konfrontation gegenüberstehen.»

Dadurch gerieten die längst vergessenen Fragen von nuklearer Abschreckung wieder auf die Tagesordnung, sagt der Sicherheitsexperte. Der grundlose Grossangriff Russlands habe den baltischen Staaten das Vertrauen gestohlen. «Daher ist nicht ausgeschlossen, dass sie über Nuklearwaffen als effektivste Abschreckung diskutieren werden.»

«Werden in weniger sicherem Europa leben»

Auch Niklas Masuhr erwartet mittelfristig ein instabileres Verhältnis zwischen der Nato und Russland. «Wir werden in einem weniger sicheren Europa leben.» Dies betreffe auch das nukleare Verhältnis zwischen Russland und der Nato. «In den nächsten Wochen und Jahren wird die Politik wieder viele Debatten über dieses Thema führen und führen müssen.»

Matthias Dembinski ist der Ansicht, dass sich der Westen und der Osten Gedanken darüber machen müssten, wie gemeinsame Leitlinien geschaffen werden könnten, um in dieser Auseinandersetzung die Gefahren einer militärischen Eskalation zu minimieren. «In der Vergangenheit haben beide Seiten gelernt, das Eskalationsrisiko und die Spannungen zu managen.» 

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