«Fast keine Reserven mehr»: Wie gut ist die Schweiz auf Krieg vorbereitet?
Aktualisiert

«Fast keine Reserven mehr»Wie gut ist die Schweiz auf Krieg vorbereitet?

Schweden bereitet seine Bevölkerung mit einer Broschüre auf den Ernstfall vor. Die Schweiz sei ähnlich bedroht wie das Land im hohen Norden, sagt ein Experte.

von
ehs
1 / 5
Schweden stärkt seine Armee und informiert seine Bürger mittels Broschüre über das Verhalten im Ernstfall. Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers sagt, die Schweizer Armee (im Bild) müsse nachziehen.

Schweden stärkt seine Armee und informiert seine Bürger mittels Broschüre über das Verhalten im Ernstfall. Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers sagt, die Schweizer Armee (im Bild) müsse nachziehen.

VBS/Philipp Schmidli
Die vom Parlament beschlossenen zusätzlichen 1,4 Prozent für das Verteidigungsbudget seien im Vergleich zu den Ausgaben der Nachbarstaaten gering, so Vautravers.

Die vom Parlament beschlossenen zusätzlichen 1,4 Prozent für das Verteidigungsbudget seien im Vergleich zu den Ausgaben der Nachbarstaaten gering, so Vautravers.

Keystone/Georgios Kefalas
Kritische Infrastrukturen wie die Energieversorgung seien in der Schweiz hingegen gut geschützt. «Die Schweiz hat den Fokus darauf gelegt und einen strategischen Plan», sagt Vautravers.

Kritische Infrastrukturen wie die Energieversorgung seien in der Schweiz hingegen gut geschützt. «Die Schweiz hat den Fokus darauf gelegt und einen strategischen Plan», sagt Vautravers.

Keystone/Gaetan Bally

Schweden informiert seine Bevölkerung mit einer Broschüre über das Verhalten im Kriegsfall. Aufgeben sei keine Option, heisst es dort unter anderem. Wie es zur Broschüre kam und wie die Schweiz vorbereitet ist, erklärt der Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers.

Herr Vautravers, Schweden verschickt die Broschüre «If War Or Crisis Comes» an die Bevölkerung. Überrascht Sie das?

In den baltischen Staaten wurden bereits 2011 bis 2012 solche Broschüren abgegeben. In Mitteleuropa ist das aber etwas Neues.

Wieso kommt die Broschüre gerade jetzt?

2015 gab es eine Übung der russischen Luftwaffe mit strategischen Bombern. Zwei Tupolev sollten einen Angriff auf Stockholm simulieren. Die schwedische Luftwaffe hat diese Übung mit weit suchenden Radaren bemerkt. Das Oberkommando der schwedischen Armee wusste also davon, war aber nicht in der Lage, in diesem wichtigen Moment Abfangjäger zu starten. Die Armee bemerkte: Es sei nicht möglich, die Bevölkerung von Stockholm gegen einen solchen Angriff zu schützen. Das führte zu einer politischen Krise.

Wie äusserte sich diese?

Zuvor hatte die schwedische Regierung die Dienstpflicht abgeschafft und den Bestand stark reduziert. Am Schluss gab es nur noch drei Manöverbataillone. Die Armee wurde also auf internationale Friedensförderung orientiert. Territoriale Verteidigung war so nicht mehr möglich.

Was änderte sich nach dem Vorfall 2015?

Danach wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, die Broschüre gedruckt und es wurden grosse Übungen aller Truppengattungen durchgeführt. Die Anzahl Kampfverbände soll auf sieben dieses Jahr beziehungsweise zehn in 2020 erhöht werden. Vor einem Monat wurde eine Übung mit 33'000 Soldaten durchgeführt. 2020 soll eine Alarmübung mit der ganzen Armee stattfinden.

Was kann die Schweiz aus diesem Vorfall lernen?

Die Schweiz ist nicht so viel weiter weg von Russland wie Schweden. Alle haben ein Interesse an einem stabilen Europa. Die einzige Garantie dafür ist eine Balance der Stärke der russischen Streitkräfte und jener Europas. Die Streitkräfte in Nordeuropa sind durch die Friedenspolitik der 90er-Jahre immer kleiner geworden. Nun gilt es, diese Balance wieder zu erreichen. Davon sind wir noch weit weg. Schweden verfügt beispielsweise über Kampfjets, aber keine Langstrecken-Fliegerabwehr-Raketen.

Investiert die Schweiz genug in ihre Verteidigung?

In den letzten fünf bis acht Jahren haben viele europäische Staaten ihre Verteidigungsbudgets erhöht. Das merkt man besonders in Frankreich, Schweden, Norwegen, Polen oder Deutschland. Ein paar Jahre später folgt jetzt die Schweiz mit einer Steigerung auf niedriger Basis. Die vom Parlament beschlossenen zusätzlichen 1,4 Prozent des Verteidigungsbudgets sind gering, im Verhältnis zur Aufrüstung, die unsere Nachbarstaaten betreiben.

Die Armee ist das eine, der Schutz von Infrastrukturen das andere. Wie ist die Schweiz aufgestellt?

Der Schutz der kritischen Infrastruktur ist zentral. Hier ist die Schweiz sehr gut aufgestellt. Sie hat einen strategischen Plan und in der Vergangenheit den Fokus darauf gelegt. Auch Cyber-Angriffe werden vom Bundesrat ernst genommen: Eine Strategie und Mittel wurden geschaffen. Die wirtschaftliche Landesversorgung ist für ein kleines Land wie die Schweiz ohne Hafen ebenfalls ein grosses Thema. Hier sehe ich noch Handlungsbedarf. Bis 1990 hatte die Schweiz grosse strategische Reserven etwa von Nahrungsmitteln oder Treibstoffen. Diese bestehen heute fast nicht mehr.

Schweden setzt auch auf den Wehrwillen und die Information der Bevölkerung. Wie beurteilen Sie die Lage in der Schweiz?

Die Information ist vorhanden. Aber nicht alle Einwohner nehmen sich Zeit dafür. Wann haben Sie diese Themen zum letzten Mal in einer Zeitschrift oder am Fernsehen gesehen? Aber man muss auch sagen: Schon während des Kalten Krieges gab es viele, die nicht wussten, wo der nächste Schutzraum liegt. Diese Fragen muss man ernst nehmen. Hier sind die Kantone gefragt.

Alexandre Vautravers ist Sicherheitsexperte am Global Studies Institute der Universität Genf.

Der Notvorrat

Zum vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) empfohlenen Notvorrat gehören 9 Liter Wasser pro Person, Lebensmittel für rund eine Woche, ein batteriebetriebenes Radio sowie Hygieneartikel. Die Empfehlungen der schwedischen Zivilschutzbehörde berücksichtigen auch die Smartphones: So wird empfohlen, Power Banks fürs Smartphone und Aufladegeräte, die im Auto funktionieren, aufzubewahren. Zudem empfiehlt die schwedische Behörde, Infos etwa zu Versicherungen oder Bankkonten auszudrucken. Ueli Haudenschild vom BWL sagt, im Durchschnitt verfügten Haushalte laut einer Umfrage über einen Vorrat, der etwa zwei Wochen lang reiche. Das sei ein guter Wert. Nur: «Das Bewusstsein für eine Versorgungskrise spielt keine Rolle.» Vorräte würden meist wegen Aktionen gehalten oder um nicht täglich einkaufen zu müssen. Das BWL prüfe nun, welche neuen Kanäle genutzt werden könnten, um über den Notvorrat zu informieren.

Deine Meinung