Libyen-Affäre: Wie hätte Gaddafi reagiert?

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Libyen-AffäreWie hätte Gaddafi reagiert?

Eine Aktion zur Befreiung der Schweizer Geiseln in Libyen hätte mit Sicherheit eine libysche Reaktion provoziert. Wie die ausgesehen hätte, ist unklar.

Ronny Nicolussi
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Ronny Nicolussi

Während sich die einzelnen Bundesräte darüber streiten, wer wann was über eine mögliche Geiselbefreiung gewusst oder eben nicht gewusst haben soll, wird eine Frage ausser acht gelassen: Welche Konsequenzen hätte eine solche Aktion für die Schweiz gehabt?

Für Albert Stahel, Dozent für Strategische Studien am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, ist klar, dass Gaddafi eine Befreiung Max Göldis und Rachid Hamdanis nicht untätig hingenommen hätte: «Der libysche Staatschef hätte in der Folge Polemik gemacht und versucht, auf wirtschaftlicher oder politischer Ebene Sanktionen zu bewirken.»

Andere Optionen hätte Gaddafi laut Stahel jedoch nicht gehabt. «Über Terroranschläge hätten wir uns keine Gedanken machen müssen», zeigt sich der Militärexperte überzeugt. Gaddafi wäre damit international definitiv an den Pranger gestellt worden. Dabei stehe er ja schon seit Lockerbie im Abseits. Auch der Einsatz von «unabhängigen» Extremisten wäre demnach keine Option gewesen. Stahel sagt: «Bei Bombenanschlägen gibt es immer Spuren, die schnell zu den Tätern führen.» Und dies lasse Rückschlüsse zu.

Die Rache der Libyer

Mit Racheaktionen hat Muammar Gaddafi seine Erfahrungen: Bei der Explosion von Plastiksprengstoff an Bord eines PanAm-Jumbos über der schottischen Ortschaft Lockerbie kamen am 21. Dezember 1988 sämtliche 259 Flugzeuginsassen ums Leben. Zudem wurden elf Einwohner Lockerbies getötet. Für den Anschlag wird der libysche Geheimdienst verantwortlich gemacht. Die meisten Opfer waren US-Amerikaner. Der Anschlag wird als Rache der Libyer auf die «Operation El Dorado Canyon» interpretiert, bei der amerikanische Kampfflugzeuge zwei Jahre zuvor Ziele in Tripolis und Bengasi bombardiert hatten.

Mehr als über die Konsequenzen macht sich Stahel Gedanken über die Erfolgsaussichten, die eine Befreiungsaktion in Libyen gehabt hätte: «Kommandoaktionen gehören zu den grössten Herausforderungen.» Keine Truppe der Schweizer Armee wäre derzeit dazu fähig, auch nicht das Armee-Aufklärungsdetachement 10 (AAD 10). Deshalb müsse eine neue Einheit aus sämtlichen bisherigen Eliteeinheiten konzipiert werden, die explizit auf solche Einsätze hin trainiere. Stahel denkt an 50 bis 100 Mann, wie er 20 Minuten sagte.

Fehlende Schiffe und Flugzeuge

Ähnlich schätzt die Situation auch der deutsch-israelische Militärexperte David Schiller ein. Für ihn braucht es aber noch mehr Soldaten. Alleine bei einer Aktion, wie sie die Situation in Tripolis erfordert hätte, braucht es primäre Einsatzkräfte zwischen 80 und 120 Mann plus Reserve, wie Schiller in der Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens sagte. Denn neben den beiden Geiseln hätte die gesamte Botschaft evakuiert werden müssen. Aber nicht nur fähige Soldaten, auch Transportschiffe und Grossraumflugzeuge fehlen der Schweiz für solche Einsätze. Vorläufig wäre die Schweiz also auf die Hilfe von Verbündeten angewiesen.

Selbst wenn eine Militäraktion gestartet worden wäre, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht – wie die obige Bildstrecke zeigt.

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