Zellen, Arbeit, Sport: Wie hart ist es im Gefängnis wirklich?
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Zellen, Arbeit, SportWie hart ist es im Gefängnis wirklich?

Gefängnisse in der Schweiz seien paradiesisch, heisst es unter Tunesiern. Experten widersprechen: Besonders die U-Haft sei oft eine Zumutung.

von
ann
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Der Rundgang im Freien im Gefängnis La Promenade in La Chaux-de-Fonds.

Der Rundgang im Freien im Gefängnis La Promenade in La Chaux-de-Fonds.

Keystone/Stefan Meyer
So sahen die Zellen in La Promenade früher aus - ein Standard, der noch für viele Zellen gilt.

So sahen die Zellen in La Promenade früher aus - ein Standard, der noch für viele Zellen gilt.

Keystone/Stefan Meyer
Der Platz ist eng, die Toilette ist offen im selben Raum. Da die Schweiz zu wenig Platz und zu viele Strafgefangene hat, müssen sich oft zwei oder mehr Personen so eine Zelle teilen.

Der Platz ist eng, die Toilette ist offen im selben Raum. Da die Schweiz zu wenig Platz und zu viele Strafgefangene hat, müssen sich oft zwei oder mehr Personen so eine Zelle teilen.

Keystone/Stefan Meyer

Junge Tunesier haben laut dem Integrationsexperten Amor Ben Hamida eine idyllische Vorstellung von Schweizer Gefängnissen. Dort sei es schön, man könne duschen und Sport treiben, erzählen sie ihm.

Zwei Strafvollzugsexperten sehen das anders. «In der Theorie stimmt das vielleicht», sagt Peter Zimmermann, Präsident von Reform 91, einer Selbsthilfeorganisation für Strafgefangene. In der Praxis müssten sich aber meistens zwei Personen eine Einer-Zelle teilen.

Der Lohn ist abhängig vom Verhalten

Im Vollzug könne der Gefangene zwar einer Arbeit nachgehen, und wer den entsprechenden Willen zeige, könne auch eine Ausbildung machen. Es gebe Freizeitaktivitäten im Gemeinschaftsraum und Essen im Speisesaal. Auch einen Fernseher habe man in der Zelle. Alle anderen Goodies müsse man sich aber verdienen: «Sport ist in der Regel eine Belohnung für gutes Verhalten, und es gibt lange Wartelisten.»

Wahr sei, dass der Gefangene für seine Arbeit einen Lohn von etwa 400 bis 500 Franken im Monat erhalte – auch abhängig von seiner Leistung und seinem Verhalten. Ein Teil davon gehe aber auf ein Sperrkonto – für die Zeit nach dem Vollzug. «Etwa 200 Franken monatlich bleiben für Einkäufe des täglichen Bedarfs am Kiosk», so Zimmermann.

Die meisten erleben nur U-Haft

Benjamin F. Brägger, Sekretär des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweizer Kantone, hält fest, dass die Gefängnisse in einem Land ein Spiegel des Entwicklungsstands der Gesellschaft seien. Im Vollzug habe die Schweiz einen guten Standard. Kritik gebe es aber für die Situation in der Untersuchungshaft.

Brägger: «Die meisten Straftäter aus dem afrikanischen Raum erleben nur diese Haftform.» U-Haft bedeute in der Regel, sich 23 Stunden lang eine 6 bis 9 Quadratmeter grosse Zelle zu teilen, häufig mit mindestens einem weiteren Gefangenen – inklusive Toilette im Raum, vielfach ohne Lüftung. Brägger: «Ich will mir nicht vorstellen, wie das nur schon riecht.»

Ein schlechter Vollzug schürt Wut gegen den Staat

Man wisse, dass Übergriffe bei einer Mehrfachbelegung einer Zelle vorkommen können. Die Untersuchungshaft sei auch in der Schweiz einschneidend und belastend.

Ausserdem wisse man, dass schlechte Vollzugsbedingungen kontraproduktiv seien und bei den Betroffenen Wut gegen den Staat schürten: «Es verhärtet den Menschen und er kann nicht auf die rechte Bahn kommen.» Beides wolle der Staat nicht.

Gefängnis ist menschliche Behandlung und Erziehung

Das Gefängnis sei vielmehr eine Nacherziehung für Erwachsene. Brägger: «Dabei darf man nicht erniedrigen oder gar peinigen, sondern sollte mit einer menschlichen Behandlung bei den Insassen eine Verhaltensänderung herbeiführen.»

Grundsätzliches zum Gefängnisalltag:

Das sogenannte Normalisierungsprinzip darf heute als allgemein anerkanntes Konzept im Freiheitsentzug der Schweiz bezeichnet werden, heisste es beim Amt für Justizvollzug des Kantons Bern. Darunter wird die Angleichung der Verhältnisse im Gefängnisalltag an jene ausserhalb der Mauern verstanden werden. Insbesondere durch die Schaffung realitätsnaher Anforderungen an die Inhaftierten (Arbeitspflicht, sportliche Aktivitäten, strukturierte Tageprogramme, etc.).

Das oberste Ziel des Strafvollzugs ist die Senkung der Rückfallgefahr. Dies lässt sich nur dann dauerhaft verringern, wenn die Gefangenen nach der Entlassung diejenigen Kompetenzen besitzen, die ihnen ein straffreies Leben ermöglichen können. Der Strafvollzug versucht deshalb auf die Persönlichkeit und das Verhalten des Gefangenen einzuwirken.

Die Freiheitsstrafe besteht darin, dass einem Menschen das Grundrecht auf Freiheit auf bestimmte Zeit entzogen wird. Damit einher gehen bspw. eingeschränkte Selbstbestimmung, Intimität und Kontakt zur Aussenwelt. Diesbezüglich wird man dem Auftrag der Strafe Freiheitsentzug in der Schweiz ganz sicher gerecht und es braucht keine Veränderungen.

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