Aktualisiert 05.08.2008 10:40

TeuerungWie heiss wird der Lohnherbst?

Die Gewerkschaften nutzen die News-Sommerflaute für hohe Lohnforderungen. Das gehöre zum Spiel, beschwichtigt der Arbeitgeberverband. Trotzdem dürfte die Teuerung die anstehenden Salärverhandlungen prägen.

von
Lukas Hässig

Über drei Prozent Jahresteuerung ist ungewohnt für die Schweiz. Das hatten wir letztmals vor 15 Jahren. Kein Wunder also, rühren die Gewerkschaften die Lohntrommel. Travail Suisse, welche die christlichen Angestelltenverbände vertritt, fordert einen Teuerungsausgleich von 2,5 Prozent. Hinzu sollen allgemeine Lohnerhöhungen kommen. Die Lohnkosten würden um gegen 5 Prozent steigen.

«Es ist ein Hohn, immer höhere Gewinnmargen anzustreben, die Aktionäre mit hohen Dividenden zufrieden zu stellen und von den Arbeitnehmenden nun Zurückhaltung zu fordern», sagt Arno Kerst der Gewerkschaft Syna, die zur Travail Suisse gehört.

Die Lohn-Preis-Spirale

Dagegen warnt die Nationalbank (SNB), die für die Preisstabilität im Land verantwortlich ist, vor einer Spirale nach oben. «Wir müssten einer solchen Entwicklung mit einer Verschärfung der Geldpolitik und höheren Zinsen begegnen», sagte SNB-Direktor Thomas Jordan in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Steigende Rohstoffpreise führen zum Kostenschub für Haushalte, höhere Löhnen gleichen diesen aus, führen aber zu mehr Personalkosten bei den Firmen, was in noch höheren Produkt- und Servicepreisen resultiert. Die Ökonomen sprechen von Lohn-Preis-Spirale.

Teuerung heizt Lohndiskussion an

Ruth Derrer Balladore, beim Arbeitgeberverband für Löhne und Arbeitsmarkt zuständig, sieht eine veränderte Ausgangslage in den Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. «Neu ist sicher, dass die Teuerung in den Lohngesprächen von diesem Herbst eine grössere Rolle spielen wird als in den letzten Jahren», sagt die Expertin im Gespräch mit 20 Minuten Online. «Die Frage ist nur: Haben wir es mit einem einmaligen Preisschub zu tun, oder gibt es einen Trend nach oben?»

Gehe man davon aus, dass die Preise für Erdöl und andere Rohstoffe weiter steigen, mache die Forderung nach einem Teuerungsausgleich eher Sinn. Rechne man jedoch mit einer Stabilisierung auf hohem Niveau, handle es sich um einen einmaligen Teuerungsschub, der auch durch gestaffelte Lohnanpassungen über die Jahre ausgeglichen werden könnte, sagt Derrer Balladore.

«Was wir nicht wollen, ist eine Rückkehr zu automatischem Teuerungsausgleich und zu generellen Lohnerhöhungen. Die Honorierung individueller Leistungen hat sich bewährt.»

Firmen geben sich bedeckt

Grosse Firmen lassen sich noch nicht in die Karten blicken. Eine Migros-Sprecherin sagt, es könne Ende Oktober werden, bis ein Resultat von den Lohngesprächen mit den internen und externen Arbeitnehmerorganisationen vorliege. Vor einem Jahr einigte sich die Detailhändlerin, die mit 83 000 Angestellten zu den grössten Arbeitgebern der Schweiz zählt, auf 1,5 bis 2,5 Prozent Lohnerhöhungen.

Bei der Grossbank Credit Suisse waren automatische Erhöhungen, sei es durch Teuerungsausgleiche oder durch generelle Salärrunden, zuletzt kein Thema mehr. «In den letzten Jahren lag das Schwergewicht auf individuellen Lohnerhöhungen», sagt CS-Sprecher Marc Dosch.

Laut Post-Sprecher Mariano Masserini ist das Verhandlungsmandat für die Gespräche mit den internen Gewerkschaften noch nicht definiert. Je nach Halbjahreszahlen, die Ende August vorliegen, ist der Spielraum für Lohnerhöhungen grösser oder kleiner.

Arbeitgeber-Frau Derrer Balladore erwartet keine «Verhärtung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer» in den anstehenden Verhandlungen. «Die Gewerkschaften stellen Forderungen, von denen sie wissen, dass sie nicht realisiert werden können. Das gehört zum Spiel.»

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