Aktualisiert 17.02.2020 13:16

Der Star ist zurückWie Ibrahimovic seine alte Liebe wiederbelebt

Der Schwede kam im Januar nach Mailand. Nun hat das Team plötzlich wieder Erfolg. Dabei hilft er nicht nur mit seinen Toren.

von
Marcel Rohner

Der bisherige Höhepunkt der Ibrahimovic-Rückkehr: «Ibra» trifft im Derby gegen Inter. (Video: Youtube/Serie A)

Der Löwe baut sich vor der rotschwarzen Wand auf. Der Blick ist starr. Die Leute in der Kurve jubeln ihm zu. Es ist sein Moment, er hat ihn angekündigt: Zlatan Ibrahimovic, der Fussballer, der sich selbst gerne als Löwen, König oder Gott bezeichnet. Neben ihm steht Rafael Leão. Er scheint angetan von seinem neuen Mitspieler, der sich im Mailänder San Siro zelebrieren lässt. So zumindest ist sein Blick zu deuten, ein Fotograf drückte im richtigen Moment ab.

Leão ist ein aufstrebender junger Stürmer aus Portugal. Das Bild mit ihm, dem Ivorer Franck Kessié und Ibrahimovic ging in Fussballitalien viral. Oft ist es mit diesem Kommentar versehen: «Lebensziel: Finde eine Person, die dich so anschaut, wie Leão Ibrahimovic.» Dem 20-Jährigen gefiel das, er postete es gleich selbst auf Instagram. Und er schrieb: «Früher spielte ich mit ihm auf der Playstation, heute assistiere ich ihm.» Sekunden bevor das Bild geschossen wurde, hatte Leão Ibrahimovics Tor vorbereitet.

Es ist nur ein Bild, und Leãos Beitrag auf dem sozialen Netzwerk ein Jux. Doch es sagt viel aus darüber, was bei der AC Milan gerade passiert. Da wurde ein 38-Jähriger verpflichtet, die Strategie, dass man auf junge Spieler setzt, kurzerhand über den Haufen geworfen und Krzysztof Piatek, der eigentliche Stammspieler im Sturmzentrum, zu Hertha Berlin geschickt. Einige Misstöne waren da, als Ibrahimovic kam. Sie gingen in den Jubelstürmen der Fussballromantiker unter.

Ibrahimovic wartete vier Jahre auf Revanche-Foul

Der Schwede war gegenüber Marco Materazzi nachtragend.

Er wollte jubeln wie ein Gott

Ibrahimovic ist für die Rossoneri ein Relikt, das an gute Zeiten erinnert. Er führte Milan 2011 zur bisher letzten italienischen Meisterschaft, wurde 2012 Torschützenkönig. Dann wechselte er nach Paris, ging zu Manchester United und kam über Los Angeles Galaxy zurück nach Mailand. Zum Abschied schrieb er den US-Amerikanern eine Nachricht: «Ihr könnt jetzt wieder Baseball schauen gehen.» Und den Italienern sagte er: «Ich bin bereit, vor der Kurve wie ein Gott zu jubeln.» Wo Ibrahimovic ist, sind die grossen Töne nicht weit.

Sieben Spiele hat der Schwede nun bestritten in diesem Jahr. Er kann mithalten, spielt oft durch und rennt für seine Position und sein Alter gar ausserordentlich viel: 8,7 Kilometer pro Spiel. Bereits als er gegen Sampdoria zu seinem Debüt kam, ging ein Ruck durch die Mannschaft. So, als würde jeder Ibrahimovic helfen wollen, sein erstes Tor zu erzielen. 19 Mal schoss Milan in diesem Spiel auf das Tor, elfmal davon in den 35 Minuten, in denen Ibrahimovic auf dem Platz stand. Auch finden die Mitspieler Ibrahimovic mit ihren Pässen öfter als Vorgänger Piatek. Als dieser im Dezember gegen Bologna letztmals über 90 Minuten spielte, kamen 32 Pässe zu ihm. Bei Ibrahimovics erstem Einsatz über die volle Distanz waren es zehn mehr. Es spricht für die Präsenz des Schweden. Und spielt er nicht, gibt er auf der Bank gerne mal den Co-Trainer.

Mittlerweile hat Ibrahimovic drei Tore erzielt und eines vorbereitet. Eine gute, aber keine herausragende Bilanz, er ist sich mehr gewohnt. Die Resultate aber sprechen für ihn. Milan hat seit seiner Ankunft nur ein Spiel verloren: das Derby gegen Inter Mailand. Ibrahimovic hatte das 1:0 vorbereitet und zum 2:0 getroffen, eine katastrophale zweite Halbzeit kostete sein Team den Sieg.

Er macht die Kritisierten besser

Ibrahimovic hat etwas bewegt in Mailand. Im Onlineshop gab es wegen den Trikots mit der Nummer 21 Lieferengpässe, das Stadion wird von Spiel zu Spiel besser gefüllt. Und die Teamkollegen schwärmen. Wie eben Leão, oder auch Hakan Calhanoglu. Der Türke sagte in einem Interview mit der Sportbild: «Er sagt mir klipp und klar, was ich gut, aber vor allem auch was ich schlecht mache. Zlatan zeigt mir meine Fehler auf und es juckt ihn kein bisschen, ob mir passt, was er moniert.» Der Club sei für ihn reizvoller geworden.

Gerade Calhanoglu war einer, der sich in der Hinrunde mit ganz viel Kritik herumschlagen musste. Wie mit der ganzen Mannschaft ging es mit dem Türken in den vergangenen zwei Monaten aufwärts. Dreimal traf er im Januar und Februar, in der ganzen Hinrunde waren es zwei Treffer. Oder Ante Rebic: Der Kroate ist ausgeliehen von Frankfurt und war eigentlich schon auf halbem Weg zurück nach Deutschland, jetzt ist er statt Transferflop ein Leistungsträger. Seit er mit Ibrahimovic stürmt, hat er in fünf Serie-A-Spielen viermal getroffen. Davor ist ihm kein einziges Tor gelungen.

Das ist auch Zlatko Dalic aufgefallen. Er ist der Trainer von Rebic, wenn dieser mit der kroatischen Nationalmannschaft unterwegs ist. «Durch Ibrahimovic hat Rebic auf der Aussenbahn mehr Platz», erklärt er der «Gazzetta dello Sport». Auf Ibrahimovic konzentriert sich meist mehr als ein Gegner. Darum könne Rebic auch die Laufwege gehen, die von ihm verlangt werden.

Beendet er sogar den Fluch der Nummer 9?

Gleiches Phänomen gab es in Mailand übrigens schon in der Saison 2011/12 zu sehen. Da schoss Antonio Nocerino als Mittelfeldspieler elf Tore für Milan. Sein Stern verglühte nach Ibrahimovics Abgang so schnell wie er aufgegangen war. Vor Ibrahimovics Wechsel sagte er: «Die Spieler müssen jetzt 300 Prozent geben, er wird die Latte für sich und seine Kollegen höher setzen.»

Ibrahimovic hat einen Vertrag bis in diesem Sommer, es besteht eine Option auf Verlängerung um ein Jahr. Mit Filippo Inzaghi fordert das eine Legende des Clubs bereits jetzt. Gemeinsam mit Ibrahimovic hat er 2012 eine Lücke im Mailänder Angriff hinterlassen, die nie gefüllt werden konnte. Inzaghis Nummer 9 wurde gar zum Fluch. Neun Spieler trugen dieses Trikot seither, sie erzielten in 197 Spiele magere 44 Tore. Wer, wenn nicht Ibrahimovic, könnte diesen Fluch beenden?

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