07.10.2014 22:33

Ein Tor fürs GameWie ich wegen «Fifa 15» fast zum Sportfan wurde

«Fifa 15» ist die bisher realistischste Fussballsimulation. Seit ihrer Veröffentlichung sieht unser dem Fussball wenig zugetaner Gameredaktor echte Spiele mit anderen Augen.

von
Jan Graber

Fussball interessierte mich bisher etwa so sehr wie eine Bibelstunde - nämlich überhaupt nicht. Ich wunderte mich höchstens über die beinahe religiöse Verehrung, die dem Sport entgegengebracht wird, und über die menschlichen Abgründe, die sich im Wesen von Hooligans auftun.

Das Desinteresse hält mich indessen nicht davon ab, mit meinem Kumpel hin und wieder einen virtuellen «Fifa»-Match auszutragen. Normalerweise verliere ich. Denn mein Game-Buddy trimmt seine Elf jeweils mit akribischer Detailliebe, wechselt gezielt Feldspieler ein - kennt Stärken, Schwächen und ihre bevorzugten Positionen - und weiss sie richtig einzusetzen. Ich sitze daneben wie ein Analphabet vor einem Buch, ich habe keine Ahnung, wie es zu lesen ist. Aber wie eingangs erwähnt: Bisher hat mich das kaltgelassen.

Erleuchtung mit «Fifa 15»

Bis jetzt. Mit «Fifa 15» ist eine Version des Fussballgames erschienen, die zwar immer näher an eine wahrheitsgetreue Simulation rückt und damit vor allem richtige Fussballfans anspricht. Paradoxerweise aber beginne ich mich als Fussball-Dilettant plötzlich für Aspekte des Rasenspiels zu interessieren. Und zwar auch für Details, die meinen sonstigen Interessen diametral entgegengesetzt sind.

Beim ersten Spielstart muss sich der Spieler für ein Lieblingsteam entscheiden. Da ich kein eigenes hatte, wählte ich den Londoner Klub Chelsea - einfach, weil ein anderer Kumpel Fan dieser Elf ist. Bei jedem Start von «Fifa 15» werden mir seitdem News, die einen Bezug zu meiner Mannschaft haben, geboten. Aber nicht nur das: Auch internationale News sind dabei. Zudem erfahre ich, in welcher Form sich Teams und einzelne Spieler gerade befinden. Ohne den Sportteil in der Zeitung studieren zu müssen - der sonst umgehend im Altpapier landet -, wird mir das Spannendste gefiltert auf dem Silbertablett serviert. Wie ein Blinder werde ich vom Spiel bei der Hand genommen und - so mein Gefühl - von einem Kenner zum Licht geführt. Und damit sehend.

Mehr als nur ein Ballspiel

Damit nicht genug: Die virtuellen Kicker verfügen in «Fifa 15» erstmals über glaubwürdige Bewegungsabläufe: Sie bewegen sich so, wie ich es als Mensch erwarte. Die kantigen Bewegungen erinnern bisweilen zwar immer noch an mechanische Hasen auf Speed, die im Zeitraffer über den Rasen hoppeln. Doch das Verhalten an und für sich ist plausibel. Deshalb kann ich die Reaktionen der Feldspieler antizipieren - ich erkenne Sekundenbruchteile im Voraus, was geschehen wird, weil es geschehen muss.

In die Geheimnisse der Taktik führen mich ausserdem die Einstellungsmöglichkeiten für Spieler und Team ein: Erstmals erfahre ich, welche Rolle es spielt, wenn ein Verteidiger beim Angriff mit nach vorne stürmt oder aber zurückhängt. Ob er einen Mann deckt oder taktisch den Raum klein macht. Die «Ultimate Team»-Funktion lehrt mich auch, wie sehr es auf die Chemie zwischen den Spielern ankommt, ob sie dieselbe Sprache sprechen und sich «blind» verstehen.

Kurz: «Fifa 15» ist das erste Fussballgame, das meine Lust geweckt hat, mehr über den Sport zu erfahren. Zum ersten Mal merke ich, dass Fussball mehr ist als 22 Menschen, die einem Ball hinterherstolpern. Ich sehe echte Fussballspiele am Fernseher neu mit anderen Augen. Der quasi-religiöse Status, das dumpfe Fan-Gehabe und die Gewaltausbrüche einiger Hohlköpfe können mir aber weiterhin gestohlen bleiben.

«Fifa 15» ist für PS4, PS4, Xbox One, Xbox 360 und PC erschienen.

Gametrailer

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