Wer gegen wen?: Wie im Schwingen gemauschelt wird

Aktualisiert

Wer gegen wen?Wie im Schwingen gemauschelt wird

Geht eigentlich beim Schwingen alles mit rechten Dingen zu? Ja. Aber aber ein ganz besonderer Modus wirkt für den Laien verdächtig.

von
Klaus Zaugg

Es ist das mysteriöseste Machtzentrum des Sports. Um dieses Gremium ranken sich mehr Legenden als um das FBI. Seine Sitzungen sind geheimer als jene des sowjetischen Politbüros unter Obmann Josef Stalin. Und es beeinflusst seinen Sport stärker als Bernie Ecclestone die Formel 1. Dabei ist die Bezeichnung so uncool und holprig, als handle es sich um eine Unterabteilung des Bundesamts für Statistik: Einteilungskampfgericht. Diesem Gremium verdankt das Schwingen die Attraktivität. Aber eben auch den bösen Ruf, es werde gemauschelt.

Wenn in einem Kampfsport der Sieger aus über 200 Einzelkämpfern am Abend des zweiten Tages feststeht, wenn sich die Spannung während der zwei Tage aufbaut und sich schliesslich in einem Finale, dem sogenannten Schlussgang, entladen soll, dann muss eben eingeteilt werden. Es ist nicht möglich, dass jeder gegen jeden kämpft. Wer gegen wen kämpft, entscheidet dieses legendäre Einteilungskampfgericht.

Sechs sehr mächtige Männer

Sechs Männer mit Stimmrecht sitzen beim Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf in diesem Gremium: die technischen Leiter (Sportchefs) der fünf Teilverbände Bern, Nordostschweiz, Südwestschweiz, Nordwestschweiz und Innerschweiz plus der technische Leiter des eidgenössischen Gesamtverbandes.

Diese Männer sind unerbittliche Rivalen und mit allen Wassern gewachsen. Sie vertreten beim Eidgenössischen mit allen Mitteln das Interesse ihres Teilverbandes. Sie versuchen alles, damit ihre Schwinger möglichst einfache Gegner erhalten.

Diese Einteilung läuft nach zwei einfachen Grundsätzen. Erstens: Es sollen immer die Besten, jene mit den meisten Punkten aus den bisherigen Kämpfen, gegeneinander antreten. Zweitens: So lange wie möglich sollen es aber nicht zwei Schwinger aus dem gleichen Teilverband sein. Um die Paarungen der zweiten Ranglistenhälfte gibt es kaum je eine Diskussion. Gefeilscht wird nur um die für den Ausgang des Fests entscheidenden Kämpfe. Der Präsident schlägt die Paarung vor, die Mitglieder des Einteilungskampfgerichts können Einwände erheben.

Es gibt kaum Unbesiegbare

Diese Einteilung ist so entscheidend, weil nur selten ein Schwinger so stark, so böse und so überlegen ist, dass er ein Eidgenössisches gewinnt, egal welche Gegner ihm das Einteilungskampfgericht zuweist. Unbesiegbare sind rar. Auch in Burgdorf gibt es keinen unbesiegbaren Titanen. Schwinger sind nicht in Gewichtsklassen unterteilt. Je nach Grösse, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit bevorzugen sie völlig unterschiedliche Kampfstile.

Es gibt Gegner, die einer aufgrund seiner Kampfweise einfach nicht besiegen kann, andere, die ihm dafür perfekt liegen. Wenn beispielsweise der Vertreter der Berner im Einteilungskampfgericht alles über seine und die gegnerischen Schwinger weiss, dann kann er blitzschnell seinem Favoriten jenen Gegner zuschanzen, gegen den er die grössten Siegeschancen hat.

Als Käser den Favoriten Hasler besiegte

Stans 1989 bleibt auf alle Zeiten das klassische Beispiel, wie ein Eidgenössisches durch die Schlauheit der Einteilungskampfrichter entschieden worden ist. Im Schlussgang wird der haushohe Favorit Hasler Eugen sensationell vom Berner Käser Adrian besiegt. Aber es ist eine logische Sensation. Für die Berner sitzt der schlaue Metzgermeister Seiler Heinz im Einteilungskampfgericht.

Käser ist nur den Bernern ein Begriff. Er liegt nach dem ersten Tag lediglich auf dem 65. Rang. Er hat nun im fünften und sechsten Gang relativ leichte Gegner, punktet und steht am Sonntag nach sechs Kämpfen plötzlich in der Spitzengruppe. Klar ist, dass Käser nun im siebten Durchgang einen starken Gegner bekommen muss. Es gibt einen ganz unangenehmen Gegner: den ungelenken Zwei-Meter-Riesen Clemens Jehle vom nordostschweizerischen Teilverband. Der ehemalige Judoka ist technisch unbeholfen. Aber er ist so kräftig, dass er jedem einen Gestellten (ein Unentschieden) abtrotzen kann. Die Vertreter aus der Südwest-, Nordwest- und Innerschweiz im Einteilungskampfgericht sträuben sich dagegen, ihre Favoriten im zweitletzten Durchgang gegen Jehle antreten zu lassen.

Der schlaue Seiler aber hat nichts dagegen, seinen Käser gegen Jehle laufen zu lassen. Er weiss, dass der technisch brillante Käser den Riesen Jehle leichter fällen kann als einen wendigen, technisch starken Gegner. Und wenn er den Riesen fällt, ist die Maximalnote sicher und der Schlussgang möglich. Käser fällt Jehle wie einen Baum, zieht in den Schlussgang ein und wird als 18-Jähriger der jüngste Schwingerkönig der Geschichte.

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