Atomwaffen: Wie Israel lernte, die Bombe zu lieben
Aktualisiert

AtomwaffenWie Israel lernte, die Bombe zu lieben

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu boykottiert den Atom-Gipfel in Washington. Er befürchtet unangenehme Fragen und hat allen Grund dazu.

von
Peter Blunschi
Der Reaktor von Dimona, das Zentrum der israelischen Atomforschung.

Der Reaktor von Dimona, das Zentrum der israelischen Atomforschung.

Offiziell verfolgt Israel eine Politik der «nuklearen Zweideutigkeit»: Man gibt nicht zu, dass man im Besitz von Atomwaffen ist, lässt aber durchblicken, dass man darüber verfügt. Dabei weiss die Welt spätestens seit 1986 Bescheid. Damals hatte sich Mordechai Vanunu, ein Techniker im Atomforschungszentrum Dimona in der Wüste Negev, nach Australien abgesetzt und gegenüber britischen Medien Details des Atomprogramms enthüllt.

Die Rache folgte sofort: Der Geheimdienst Mossad entführte Vanunu zurück nach Israel, wo er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Auch nach seiner Entlassung 2004 wird er vom Staat drangsaliert: Er darf das Land nicht verlassen und keinen Kontakt mit Ausländern haben. Die meisten Israelis halten Mordechai Vanunu für einen Verräter – obwohl es durchaus in ihrem Sinn ist, dass die Feinde in der Region über Israels Fähigkeit Bescheid wissen, auf einen Angriff notfalls mit Atomwaffen zu reagieren.

Schon 1967 zwei Atombomben

Bereits Staatsgründer David Ben Gurion war aus diesem Grund entschlossen, ein eigenes Arsenal aufzubauen. Dabei baute er auf Hilfe aus Frankreich:1952 wurde der erste Forschungsreaktor geliefert, und bereits während des Sechstagekriegs 1967 soll Israel über zwei einsatzbereite Atombomben verfügt haben. Wie viele es heute sind, ist unklar. Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter sprach von mindestens 150 nuklearen Sprengköpfen, eine Studie der US-Armee aus dem Jahr 1999 geht von bis zu 500 aus.

Ein Einsatz kann mit Flugzeugen oder Trägerraketen erfolgen, und seit Deutschland drei U-Boote geliefert hat, verfügt Israel auch in diesem Bereich über Optionen, vor allem über die Zweitschlagskapazität – die Möglichkeit, einen nuklearen Erstschlag mit Atomwaffen beantworten zu können. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht, Israels Politiker pflegen entsprechende Fragen nicht zu beantworten, auch nicht Staatspräsident Schimon Peres, der als treibende Kraft bei der Entwicklung des Atomprogramms gilt.

Nuklearwaffen gegen Iran?

Israel hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet und unterzieht sich keinen Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Aus diesem Grund hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auch seine Teilnahme am Atom-Gipfel vom Montag in Washington abgesagt. Ägypten und die Türkei wollen Israel offenbar auffordern, den Atomwaffensperrvertrag zu unterschreiben. Lieber riskiert Netanjahu ein weiteres Zerwürfnis mit US-Präsident Barack Obama, als sich dieser Konfrontation zu stellen.

Denn Israel glaubt angesichts der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm mehr denn je, auf sein Arsenal angewiesen zu sein. Viele Israelis sind überzeugt, dass der Iran nicht nur an Atombomben bastelt, sondern diese auch gegen Israel einsetzen will. Ein möglicher Präventivschlag gegen iranische Atomanlagen ist deshalb ein Dauerthema, und 2007 berichtete die «Sunday Times», die israelische Luftwaffe haben den Einsatz von taktischen Nuklearwaffen in einem solchen Fall geübt.

Saddams Angst vor dem Gegenschlag

Dabei ist die Doktrin der «nuklearen Zweideutigkeit» bislang aufgegangen. Das zeigt das Beispiel Irak. 1981 hatte die israelische Luftwaffe einen fast fertigen irakischen Atomreaktor zerstört und damit möglicherweise verhindert, dass Saddam Hussein Atomwaffen entwickelt. Im Golfkrieg 1991 feuerte der irakische Diktator Raketen auf Israel, doch die waren nicht wie befürchtet mit chemischen, sondern mit konventionellen Sprengköpfen bestückt. Als Saddams Schwiegersohn sich später nach Jordanien absetzte, nannte er den Grund dafür: «Wir hatten Angst vor einem atomaren Gegenschlag durch Israel.»

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