Blick-Girls «eingebürgert»: Wie Jenny aus Essen Thurgauerin wurde
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Blick-Girls «eingebürgert»Wie Jenny aus Essen Thurgauerin wurde

Ein deutsches Model schafft es ins Finale der «Girl des Jahres»-Wahl – obwohl von Beginn weg klar ist, dass sie nicht gewinnen kann. Der «Blick» habe nicht nur sie reingelegt, sagt sie.

von
A. Mustedanagic
Jennifer bei der «Blick-Girl des Jahres»-Wahl und bei ihrem Job als Fotomodel in Deutschland.

Jennifer bei der «Blick-Girl des Jahres»-Wahl und bei ihrem Job als Fotomodel in Deutschland.

Jennifer hat den «Blick»-Lesern den Kopf verdreht: Mit sagenhaften 33 Prozent aller Stimmen wurde sie im Mai zum «Girl des Monats» gewählt. Der Auftritt als verführerische Lolita bescherte der 21-Jährigen die Startnummer 8 bei der «Girl des Jahres»-Wahl. Im Finale reichte es allerdings nicht unter die Top 6. 20 Minuten Online hat nachgefragt, woran der grosse Coup scheiterte.

Jennifer, nach Ihrem grossen Erfolg im Mai sind Sie im Finale gescheitert. Haben Sie es verpasst, ihre Freunde und Bekannten in Kreuzlingen zu motivieren, für Sie zu stimmen?

Jennifer: Ich habe weder Verwandte noch Freunde in Kreuzlingen. Ich habe überhaupt keinen Bezug zu Kreuzlingen.

Aber im «Blick» steht doch «Jennifer aus Kreuzlingen».

Ich habe noch nie da gewohnt. Ich habe überhaupt noch nie einen Schweizer Wohnsitz gehabt. Ich wohne in Essen.

In Deutschland?

Ja. Ich bin auch keine Promoterin, wie der «Blick» im Steckbrief behauptet. Ich arbeite seit vier Jahren als Fotomodel.

Warum haben Sie gelogen?

Ich habe überhaupt nicht gelogen. Der «Blick» hat das alles gewusst. Mir wurde gesagt, ich solle das aber auf keinen Fall sagen. Ich solle einfach Promotorin angeben, weil ich früher mal als solche gearbeitet habe.

Und warum mussten Sie verschweigen, dass Sie aus Deutschland kommen?

Weil nur Mädchen mit einem Schweizer Wohnsitz mitmachen dürfen. Ich glaube, das steht auch im «Blick».

Haben die Verantwortlichen denn gewusst, dass Sie nicht in der Schweiz leben?

Natürlich, sie haben mir ja alle Dokumente nach Essen geschickt. Auch auf der Einverständniserklärung steht meine deutsche Adresse und mein Bankkonto ist auch eindeutig deutsch.

Wieso kommt ein Model aus Essen auf die Idee, in der Schweiz beim «Blick»-Girl mitzumachen?

Ich wusste zunächst gar nicht, dass es ums «Blick»-Girl geht. Ich habe mich auf eine normale Job-Ausschreibung auf Model-Kartei.de gemeldet.

Model-Kartei.de?

Das ist eine Plattform für Fotografen, Visagisten und Models, die Aufträge suchen oder Aufträge anbieten.

«Blick» hat ein Inserat geschaltet?

Nicht direkt. Es war ein Fotograf. Ich hab mich beim ihm gemeldet. Er hat mir dann erklärt, was für Bilder es werden sollen. Ich nahm an, und erst dann teilte er mir mit, wer der Auftraggeber ist.

Wie?

Er schrieb mir im Message-System auf Model-Kartei.de, dass sein Kunde «Blick» meinen Kontakt will. Sie würden mir einen Fragebogen und einen Vertrag zustellen. Den Mail-Wechsel habe ich noch.

Wunderten Sie sich nicht, dass Sie nicht Ihren richtigen Beruf und Wohnort angeben durften?

Es kam mir schon etwas komisch vor, aber für mich war es letztlich ein Job - ein Shooting wie jedes andere. Ich ging nach Winterthur, liess mich von diesem Fotografen ablichten und schrieb als Wohnadresse – auf Wunsch vor Ort – die Adresse in Frauenfeld auf. Sie gehörte einem Fotografen, bei dem ich einige Tage vor dem «Blick»-Shooting vom 28. Februar gearbeitet hatte.

Wann haben Sie realisiert, dass es ein Problem sein könnte, dass Sie nicht in der Schweiz wohnen?

Es wurde mir einen Tag vor meiner Krönung zum Girl des Monats im Mai bewusst. Damals riefen mich gleich zwei Leute von «Blick» an: Erst die Projektleiterin, dann noch ein anderer Mitarbeiter. Beide betonten, dass ich auf keinen Fall sagen soll, dass ich in Deutschland lebe. Ich solle sagen, dass ich ein halbes Jahr in der Schweiz wohne und dann wieder in Deutschland. Warum sollte es mich stören, wenn es die Verantwortlichen vertuschen?

Erzählen Sie das jetzt alles, weil Sie nicht gewonnen haben und sich rächen wollen?

Es war von Anfang an klar, dass ich nicht gewinnen konnte.

Wie meinen Sie das?

Ich habe nach dem Start der Telefon-Wahl bei «Blick» angerufen, weil man aus Deutschland nicht für mich voten konnte. Weil aber niemand von den Verantwortlichen da war, wurde ich an irgendeine andere Mitarbeiterin verbunden. Sie sagte, ich könne die «Girl des Jahres»-Wahl so oder so nicht gewinnen. Ich sei ja aus Deutschland. Der «Blick» hat mich einfach verarscht. Und ich glaube, das haben sie mit dieser Lana aus Lettland auch gemacht.

Weil alle wussten, dass Lana eine Professionelle ist?

Klar. Ich bin schon an vielen Foto-Shootings gewesen und habe viele Models gesehen: Wenn eine Frau sich ganz nackt auszieht, sich nur mit einer Handtasche oder mit Trauben bedeckt und dann posiert, kann sie nicht zum ersten Mal vor einer Kamera stehen. Das können nur geübte Akt-Models oder eben Frauen, die aus anderen Gründen gewohnt sind, nackt zu arbeiten. Das Mädchen von nebenan zieht nicht einfach so blank.

Feedback

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Der «Blick» und das Girl «von nebenan»

«Jennifer aus Kreuzlingen» ist nicht das einzige Mädchen, das nicht «von nebenan» kommt. Der «Blick» hat kurz vor der «Girl des Jahres»-Wahl die August-Siegerin disqualifiziert. «Lana aus Birsfelden» kommt eigentlich aus Lettland und erklärte in einem Interview mit 20 Minuten Online, dass sie Teilzeit in einem Sex-Club arbeitet. Der «Blick» teilte daraufhin mit, dass sie «unrichtige» Angaben bei den Teilnahmebedingung gemacht habe und schloss sie vom Wettbewerb aus. Die einzige «Professionelle» unter den «Blick»-Girls war sie allerdings nicht. Es wurden 20 Minuten Online zahlreiche weitere Frauen aus dem «Erotik-Business» gemeldet.

Die Wahl zum «Girl des Jahres» hat Ana Aline «aus Rohrschacherberg» gewonnen. Die 22-Jährige verbringt ihre Semesterferien in der Schweiz. Sie lebt und studiert in Brasilien. Ihren Preis – einen Mazda MX5 – will sie fahren, «wenn ich zu Besuch bin» in der Schweiz.

20 Minuten Online stellte dem «Blick» folgende Fragen:

Wussten Sie, dass die Startnummer 8 der Finalrunde nicht aus Kreuzlingen stammt, sondern in Deutschland wohnt?

Wir verlassen uns jeweils auf die von den Frauen bei den Shootings gemachten und persönlich unterschriebenen Angaben.

Was hätte der Blick gemacht, wenn die deutsche Jennifer aus Essen die Wahl zum Schweizer Blick-Girl des Jahres gewonnen hätte?

Wer ins Finale kommt, kann auch Blick-Girl des Jahres werden.

Wieviele SMS-Zusendungen à 1.50 CHF hat Jennifer, die Startnummer 8, im Final-Voting bekommen?

Dazu machen wir keine Angaben.

Gibt es eine notarielle Beglaubigung oder einen Beleg, der die Voting-Zahlen transparent macht und den Vorwurf der Manipulierbarkeit entkräftet?

Es besteht kein diesbezüglicher Vorwurf. Der Rechtsweg ist bei der Wahl ausgeschlossen.

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