Täglicher Alkoholkonsum: Wie junge, fleissige Schweizer zu Alkis werden
Aktualisiert

Täglicher AlkoholkonsumWie junge, fleissige Schweizer zu Alkis werden

Jeden Abend ein Glas Wein oder ein Bier – für viele junge Schweizer ist das Alltag. Diese Art des Alkoholkonsums birgt laut Experten eine grosse Gefahr.

von
Tanja Bircher
Viele junge Schweizer und Schweizerinnen trinken regelmässig Alkohol. Das kann gefährliche Folgen haben.

Viele junge Schweizer und Schweizerinnen trinken regelmässig Alkohol. Das kann gefährliche Folgen haben.

Montag: Veronika steht vor dem Kühlschrank, die Hand am Türgriff. «Ich hatte heute einen strengen Tag und habe mir ein Glas Wein verdient», denkt sie sich.

Dienstag: Veronika ist bei ihrer Mutter zum Abendessen eingeladen, die ein aufwändiges Mahl zubereitet und eine Flasche Bordeaux geöffnet hat. «Zu einem feinen Essen gehört ein Glas Wein», sagt sie. Veronika wollte heute eigentlich nichts trinken, aber «jä nu».

Mittwoch: Veronika bekommt ein Mail: «Wir gehen heute nach der Arbeit alle noch auf ein Bier, kommst du auch?» Wer will denn schon langweilig sein? Nach kurzem Zögern antwortet sie «Okay.»

Donnerstag: Veronika trifft am Abend eine Freundin, die sie seit Monaten nicht mehr gesehen hat. «Zur Feier des Tages trinken wir einen Prosecco», sagt sie. «Also gut.»

Freitag: Veronika geht in den Ausgang. Samstag: Veronika geht in den Ausgang. Sonntag: Veronika isst bei den Eltern ihres Freundes zu Abend, eine Flasche Chianti steht auf dem Tisch.

«Man muss gleich viel trinken wie der Nachbar»

Veronika ist 27 Jahre alt und frei erfunden. Doch sie ist dennoch real, ihr Alltagsleben entspricht dem vieler junger arbeitstätiger Menschen in der Schweiz, wie Sucht-Experten gegenüber 20 Minuten bestätigen. Ein Apéro hier, eine Einladung dort, und ohne es zu merken oder zu wollen, hat man jeden Abend Alkohol getrunken. Wenn man einmal Nein zu einem Bier sagt, heisst es: «Sei doch nicht so ein Langweiler.»

Diese Kombination aus Gewohnheit und gesellschaftlichem Druck sei sehr gefährlich, sagt Christoph Schwejda, Leitender Arzt und Chefarzt ad interim des Kompetenzzentrums Forel Klinik in Zürich und Ellikon an der Thur. «In der Schweiz wird erwartet, dass man gleich viel trinkt wie der Nachbar.»

«Die schleichende Sucht ist die gefährlichste»

Bei 60 Prozent der Alkoholiker spiele die Genetik eine wichtige Rolle. «Diese Menschen vertragen den Alkohol gut, sie mögen die Wirkung, beginnen nicht zu lallen, fühlen sich im betrunkenen Zustand wohl – und sie bekommen keinen oder nur einen sehr harmlosen Kater», sagt Schwejda. Die anderen 40 Prozent würden aufgrund von psychischen Problemen oder sozialem Druck trinken.

«Veronika hat von beidem etwas. Sie verkörpert eine von drei Typen von potenziellen Alkoholikern.» Sie vertrage dank ihrer körperlichen Veranlagung viel Alkohol und geniesse das Gefühl des Beschwipst-Seins. Ausserdem lasse sie sich von ihren Freunden schnell zu einem Bier überreden, da sie nicht als Langweilerin dastehen wolle.

«Veronika ist noch nicht süchtig, aber sie kann es ganz einfach werden.» Denn: Veronika werde von der Gesellschaft für ihr Verhalten nicht verurteilt und hinterfrage sich selbst deshalb auch nicht. «Die schleichende Sucht ist die gefährlichste» sagt Schwejda.

«Man findet immer Gründe, um zu trinken»

Eines Tages sitzt Veronika zu Hause auf dem Sofa, sie ist allein, hatte keinen strengen Tag, keine Einladung und trinkt trotzdem. «Ist doch egal, ich brauch keinen Grund, ich hab jetzt einfach Lust darauf», denkt sie sich. Nach vier Wodka-Tonic torkelt sie die Treppe hinunter und fühlt sich schuldig. Françoise Vogel, Leiterin der Integrierten Suchthilfe Winterthur, kennt dieses Phänomen. «Wenn der Alkohol wirklich zur Gewohnheit wird, gibt es immer Gründe, wieso man genau heute auch einen Drink braucht.»

Auch Sandra Kuntsche von Sucht Schweiz sagt, die Regelmässigkeit berge die grösste Gefahr. «Natürlich kommt es darauf an, wie viel und was jemand trinkt. Ein Glas Wein am Abend schadet niemandem – obwohl auch dieses nicht jeden Abend sein sollte.» Besonders gefährlich werde es, wenn sich– wie bei Veronika – ein exzessives Verhalten entwickle.

Veronika sei ein typisches Beispiel für eine potenzielle Alkoholikerin, weil sie kinderlos sei und abgesehen von ihrem Job nicht viele Verpflichtungen habe. «Eine Veränderung im Lebensumfeld hat oft einen positiven Einfluss auf solche Trinkgewohnheiten», sagt Kuntsche. Wer beispielsweise einen neuen Partner, einen neuen Job oder Kinder habe, fokussiere stärker darauf und habe schlicht keine Zeit mehr für Alkohol.

Der wichtigste Schritt zum Aufhören

Veronika geht vorsichtig die Treppe runter, mit der Hand fährt sie stützend der Wand entlang, alles dreht sich, sie verfehlt einen Tritt und stürzt zu Boden. In diesem Moment entscheidet sie, dass sie aufhören will mit dem täglichen Trinken.

Aber wie? Vogel sagt: Den wichtigsten Schritt habe sie schon gemacht. «Man muss zuerst überhaupt realisieren, dass man zu viel trinkt, und sich eingestehen, dass man sich damit schadet.» Der nächste Schritt sei, sich bewusst für mindestens zwei Tage in der Woche zu entscheiden, an denen man keinen Alkohol trinkt. «Wenn man das nicht schafft, muss man sich Hilfe suchen.»

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