ABB: Wie kann ein Finanzchef 100 Millionen Fr abzügeln?
Aktualisiert

ABBWie kann ein Finanzchef 100 Millionen Fr abzügeln?

Ein Betrüger sorgt bei der ABB in Südkorea für einen Millionenverlust. Experten erklären, wie es möglich ist, dass ein solcher Betrag verschwindet.

von
P. Michel
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Hat unmittelbar eine umfassende Untersuchung eingeleitet: ABB-CEO Ulrich Spiesshofer, nachdem bekannt wurde, dass der südkoreanische Finanzchef im Verdacht steht, 100 Millionen Franken veruntreut zu haben. Weitere bekannte Betrugsfälle sehen Sie in der Bildstrecke.

Hat unmittelbar eine umfassende Untersuchung eingeleitet: ABB-CEO Ulrich Spiesshofer, nachdem bekannt wurde, dass der südkoreanische Finanzchef im Verdacht steht, 100 Millionen Franken veruntreut zu haben. Weitere bekannte Betrugsfälle sehen Sie in der Bildstrecke.

Keystone/Walter Bieri
ABB: 100 Millionen FrankenDer Finanzchef des südkoreanischen Ablegers wird verdächtigt, Unterlagen gefälscht zu haben, um Unternehmensgelder in der Höhe von 100 Millionen Franken abzuzweigen. Er soll dabei auch mit Dritten zusammengearbeitet haben.

ABB: 100 Millionen FrankenDer Finanzchef des südkoreanischen Ablegers wird verdächtigt, Unterlagen gefälscht zu haben, um Unternehmensgelder in der Höhe von 100 Millionen Franken abzuzweigen. Er soll dabei auch mit Dritten zusammengearbeitet haben.

Keystone/Walter Bieri
Siemens: 1,3 Milliarden EuroDer deutsche Konzern hatte zwischen 1999 und 2006 rund 1,3 Milliarden Euro für Schmiergeldzahlungen ausgegeben, um lukrative Geschäfte an Land zu ziehen. 2008 gab ein Siemens-Manager zu, dass dazu Geld aus «schwarzen Kassen», darunter auch in der Schweiz,  abgezweigt wurde.  Etwa 300 Mitarbeiter waren involviert.

Siemens: 1,3 Milliarden EuroDer deutsche Konzern hatte zwischen 1999 und 2006 rund 1,3 Milliarden Euro für Schmiergeldzahlungen ausgegeben, um lukrative Geschäfte an Land zu ziehen. 2008 gab ein Siemens-Manager zu, dass dazu Geld aus «schwarzen Kassen», darunter auch in der Schweiz, abgezweigt wurde. Etwa 300 Mitarbeiter waren involviert.

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Der südkoreanische Ableger des Schweizer Technologiekonzerns ABB wurde um 100 Millionen Franken erleichtert: Der dortige Finanzchef hatte Unterlagen gefälscht und wird verdächtigt, mit Dritten zusammengearbeitet zu haben, um Unternehmensgelder zu veruntreuen.

Dass etwas beim Tochterunternehmen in Südkorea nicht stimmt, fiel dem Konzern am 7. Februar 2017 auf, nachdem der Täter untergetaucht war. Auf Anfrage teilt ABB mit, dass wegen der «ausgeklügelten Vorgehensweise» des Finanzchefs die kriminellen Machenschaften trotz höchster Kontrollstandards nicht auffielen. Eine 100-prozentige Sicherheit gegen kriminelle Energien gebe es nicht, heisst es bei ABB.

Betrug wurde erst bekannt, als der Täter abtauchte

Laut dem Beratungsunternehmen KPMG ist in Südkorea besonders Bestechung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge sowie Veruntreuung von Firmengeldern ein Problem. «Von einem Konzern wie ABB darf man erwarten, dass er auch in korrupten Ländern höchste Standards durchsetzt», sagt Geschäftsführer Martin Hilti von Transparency International.

Dass eine Einzelperson 100 Millionen Franken oder in anderen Fällen (siehe Bildstrecke) gar noch mehr wegschaffen konnte, erklärt Philippe Fleury, Leiter Forensik von KPMG Schweiz, mit fehlenden Kontrollmechanismen. «Oftmals sind die Täter im höheren Kader tätig und ihre Management-Kollegen vertrauen ihnen blind.» Sie hätten zudem meist Zugriff auf sensible Daten im Unternehmen, wodurch dubiose Transaktionen nicht auffielen. Somit sei es möglich, dass auch grosse Beträge ungehindert verschwinden könnten.

Das ergaunerte Geld taucht nur selten wieder auf

Die Chance, dass ein durch Wirtschaftskriminelle geprelltes Unternehmen sein Geld wieder zurückerhält, ist laut Fleury eher gering. «Aus vergleichbaren Fällen wissen wir, dass das Geld sehr rasch weggeschafft wird und nur selten wieder auftaucht.» Laut Hilti von Transparency International versuchen die Täter ihr Geld zu verstecken, etwa über Offshore-Konstrukte und verschlungene Banktransaktionen. Oftmals werden sie dabei von Akteuren aus der Schweiz unterstützt. «Andere verprassen das Geld direkt für ihren aufwendigen Lebensstil.»

Hier sollten die Unternehmen laut Fleury ansetzen: «Das Management aber auch die Mitarbeiter müssen die Augen offenhalten: Wenn der Bürokollege plötzlich mit Geld um sich wirft, sollte das gemeldet werden.» Darum brauche es in den Unternehmen interne Whistleblowing-Stellen.

Kollektivunterschrift oder Alarm bei verdächtigen Buchungen

Peter Cosandey, Experte für Wirtschaftskriminalität, rät den Unternehmen, auf Kollektivunterschriften zu beharren. So kann eine Person im Alleingang keine Zahlungen auslösen. Wichtig sei auch die Funktionentrennung, sagt Cosandey: Der Buchhalter darf nicht gleichzeitig die Zahlungen tätigen. Zudem könnten heute datenbasierte Lösungen dafür sorgen, dass Alarm ausgelöst werde, sobald in der Finanzabteilung auffällige Buchungen getätigt werden. Aber auch für Cosandey ist klar: «Die Betrügerei gänzlich zu unterbinden, ist nicht möglich – sonst müsste sich ein Unternehmen auf jeden Mitarbeiter einen Kontrolleur leisten.»

Mann, 50, selbstherrlich

Laut Untersuchungen von KPMG ist der typische Wirtschaftskriminelle in der Schweiz zwischen 46 und 55 Jahre alt und Mitglied des Kaders. 82 Prozent der Täter sind männlich. Und sie kennen die Strukturen des Unternehmens: 36 Prozent der Täter sind seit mindestens sechs Jahren für das Unternehmen tätig. Obwohl jeder fünfte Betrüger als selbstherrliche Persönlichkeit beschrieben wird, macht er auf die meisten Kollegen einen guten Eindruck: Wirtschaftskriminelle werden dreimal häufiger als freundlich denn als unfreundlich wahrgenommen. (pam)

Manager betrügen am meisten

Im vergangenen Jahr verursachten Wirtschaftskriminelle in der Schweiz einen Schaden von 1,4 Milliarden Franken. Laut einer Untersuchung von KPMG lag der Betrag 2015 noch bei 280 Millionen Franken. In 58 Prozent der Fälle sind Mitglieder des Managements in Betrügereien verwickelt, in 21 Prozent der Fälle planten sie die Tat zusammen mit Angestellten. Die Motivation dafür lag oft in der Finanzierung eines aufwendigen Lebensstils oder um den Konkurs der eigenen Firma zu verhindern. (sda)

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