Aktualisiert 23.06.2018 17:44

Ab in den Süden

Wie lange hat man per Autostopp nach Locarno?

Daumen raus und auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen: Günstiger als Fernbusse und SBB ist nur Autostopp. Doch wie weit kommt man per Anhalter durch die Schweiz? Wir haben es getestet.

von
Sandro Büchler
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Mehr als eine Stunde warte ich in Stans an der Autobahneinfahrt. Zum Glück nimmt mich Jean mit nach Altdorf.

Mehr als eine Stunde warte ich in Stans an der Autobahneinfahrt. Zum Glück nimmt mich Jean mit nach Altdorf.

20min
Auf dem Gotthardpass treffen Andreas und ich auf Wanderer und Lamas. Noch immer liegt auf dieser Höhe teils Schnee.

Auf dem Gotthardpass treffen Andreas und ich auf Wanderer und Lamas. Noch immer liegt auf dieser Höhe teils Schnee.

20min
Die Fahrt über die Gotthard-Passstrasse war an diesem Tag prächtig

Die Fahrt über die Gotthard-Passstrasse war an diesem Tag prächtig

20min

Es ist Punkt 10 Uhr, als ich in Zürich vor der Autobahneinfahrt mein Kartonschild mit der Zieldestination Locarno in die Höhe halte. Ich habe den Rucksack gepackt, Brötchen, zwei Flaschen Wasser. Geschlagene 40 Minuten beschleunigen die Autos an mir vorbei. In vielen Fahrzeugen sitzt nur eine Person.

Kurz bevor ich erste Zweifel am Experiment habe, hält Fabienne an. Ich bin froh, dass es endlich losgehen kann. Sie sind zu dritt unterwegs mit einem Mobility-Auto nach Unterägeri, wo die Studentinnen der Hochschule der Künste einen Film drehen werden. Ehe sie mehr von ihrem Filmprojekt erzählen können, endet meine Mitfahrgelegenheit bereits wieder. In Zug steige ich aus.

In Stans dauert es länger

Keine fünf Minuten später hält Felix an. Er ist Karosseriespengler und nimmt wenn immer möglich Autostöppler mit. Er ist auch schon im Ausland per Anhalter gereist und findet, dass man dabei immer auf spannende, offene Leute trifft. Während wir über die Fussball-WM diskutieren, fahren wir am Vierwaldstättersee entlang bis nach Stans. Felix muss weiter, empfiehlt mir aber, mich direkt beim Einbieger zur Autobahn zu positionieren.

Dort warte ich. Ich harre eine ganze Stunde aus. Niemand hält an. Es ist Mittag, die Sonne brennt mir auf den Kopf. Zum Glück habe ich mich eingecremt, sonst hätte ich längst einen Sonnenbrand. Nebenan ist eine Tankstelle. Ich hole mir Wasser, geniesse den kurzen Augenblick im klimatisierten Shop. Reisende frage ich, ob sie Richtung Süden fahren – ohne Erfolg.

Die Rettung und ein Geschenk

Entmutigt und verschwitzt stelle ich mich wieder an meinen Platz von vorhin. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Tag denke ich ans Aufgeben. Wieso nimmt mich niemand mit? Liegt es an meiner Kleidung? Wirke ich verzweifelt? Mit Filzstift schreibe ich zusätzlich Gotthard auf mein Kartonschild. Das wirkt: Jean hält an und sagt, er könne mich mitnehmen. Erleichtert steige ich ein.

Jean zaubert eine Caprisonne hervor und schenkt sie mir. Eine tolle Geste! Er vertreibt Süsswaren im Aussenhandel, telefoniert mit zwei Kunden, die er am Nachmittag trifft, anschliessend ertönt Pink Floyd aus den Boxen. Obwohl er es eilig hat, fährt er mich extra zur Raststätte. Da seien meine Chancen grösser, dass mich jemand mitnimmt.

Ab über den Gotthard

Es dauert nicht lange, da hält ein Auto an, lässt die Scheibe runter. Darin sitzt Andreas, 50-jährig. Nach Bellinzona fahre er. Jackpot, denke ich und steige ein. Wir kommen ins Gespräch. Andreas ist Finanzberater und hat am Abend einen Termin im Tessin. Weil es vor dem Gotthard-Tunnel Stau hat, fahren wir über den Pass. Während wir uns in die Höhe schlängeln, erzählt Andreas von seinen Autostopp-Erlebnissen in Neuseeland.

Es brauche schon etwas Mut, um als Anhalter zu reisen. Man sei sich einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Schreckensmeldungen würden viele vom Autostoppen abhalten. Seiner Tochter würde er es nicht erlauben, wenn der Sohn es tun würde, sähe Andreas hingegen kein Problem.

Auf der Passhöhe ist es kühler

Die Fahrt über den Gotthardpass ist prächtig. Die Schweiz zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Atemberaubende Landschaften, an einigen Orten liegt noch Schnee, die Seen glitzern verführerisch. Kurz vor der Passhöhe treffen wir auf Lamas am Strassenrand. Oben angekommen, legen wir eine Pause ein, viele Touristen tun es uns gleich. Es ist angenehm kühl. Nach einer Toiletten-Pause und einer Gazzosa nehmen wir wieder Fahrt auf.

Gelato am Ziel

Wir sausen ins Tessin, diskutieren über Politik, Tinder und das Verkehrsaufkommen in der Schweiz – die Zeit verfliegt. Andreas und ich verstehen uns gut. So gut, dass er mich kurzentschlossen bis nach Locarno fährt. Am Ziel angekommen, tauschen wir Nummern aus, ich solle ihn besuchen kommen.

Dankbar und glücklich laufe ich an den See. Ich gönne meinen Füssen ein Bad im Lago Maggiore, dazu ein Gelato. La Dolce Vita kommt mir in den Sinn: Das ist Leben! Ich schlendere weiter auf die Piazza Grande. Ein Bier und Strom für mein Handy sind vor der Rückfahrt noch nötig.

Eine intensive Reise

Fazit: Sechs Stunden und 30 Minuten hat meine Fahrt per Autostopp von Zürich nach Locarno gedauert. Mit dem Zug zurück dauert es etwas mehr als zwei Stunden. Doch per Autostopp ist das Erlebnis viel intensiver, man spricht mit wildfremden Leuten und gewinnt neue Freunde.

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