Aktualisiert 10.08.2013 17:18

Personal-PanneWie Mainz «peinlich» den Anschluss verlor

Im Rhein-Main-Gebiet herrscht Bahnchaos: Mainz wird tagsüber weniger und nachts gar nicht mehr angefahren, weil die Deutsche Bahn nicht genug Mitarbeiter für die Stellwerke hat.

von
phi

Der Infrastrukturminister von Rheinland-Pfalz nennt den Zustand «blamabel, peinlich und absolut nicht hinnehmbar». Ein Mainzer Ratsmitglied spricht von «purer Ignoranz» und ein Lokalblatt warnt: «Es wird alles noch viel schlimmer.» Was die SPD-Politiker Roger Lewentz und Martin Kinzelbach wie auch die «Allgemeinen Zeitung» zur Raserei bringt, ist die Deutsche Bahn, die um Mainz einen grossen Bogen macht. Der Verkehrsknotenpunkt der Rhein-Main-Region wird nachts gar nicht mehr und tagsüber nur noch sehr eingeschränkt angefahren.

Kommuniziert wurden die Ausfälle anfangs nicht. «Es fährt kein Zug nach Nirgendwo», titelte die «Allgemeine Zeitung» am Montag voller Frust: «Ihren Kunden den Grund für das Chaos mitzuteilen, hält die Bahn offenbar nicht für nötig.» Kein Wunder, denn der hat es in sich: «Ein nicht vorhersehbarer hoher Krankenstand in der Urlaubszeit» hat für Personalnot gesorgt. Die Stellwerke in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz können nicht mehr ausreichend besetzt werden.

«Vier Krankheitsfälle reichen aus»

Am Donnerstag schlägt die «Allgemeine» Alarm. Mindestens drei Wochen lang werde der Personalengpass anhalten, weil von 15 Angestellten vier ausfallen und drei Kollegen Ferien hätten. Für den Fraktionschef der Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag ist das ein «unternehmerischer Offenbarungseid»: «Vier Krankheitsfälle reichen aus, um einen Hauptbahnhof einer Landeshauptstadt und einen regionalen Knotenpunkt mindestens einen Monat lang faktisch lahm zu legen», schimpfte Daniel Köbler.

Weil die Ausbildung eines Fahrdienstleiters drei Monate in Anspruch nimmt, kann der Engpass nicht durch Neueinstellungen behoben werden, ergänzte die «Süddeutsche Zeitung». Der Vorstandschef der DB-Netz-AG bat derweil die Kunden um Verzeihung. «Das Thema treibt mich mächtig um», sagte Frank Sennhenn. Und gab zu: «Ja, das ist mir peinlich.»

Bahn-Vorstand muss gehen

Das Debakel um den Bahnhof Mainz hat für die Deutsche Bahn DB personelle Konsequenzen. Wie die «Stuttgarter Zeitung» am Samstag meldet, wird der Vorstand Produktion der DB Netz AG, Hansjörg Hess, per sofort von seinen Aufgaben entbunden. Der Schritt sei zwar schon länger geplant gewesen, sagte Bahnchef Rüdiger Grube. Die aktuellen Ereignisse liessen ihn jedoch dazu bewegen, Hess bereits jetzt freizustellen.

Für das Fussballspiel zwischen Mainz 05 und dem VfB Stuttgart vom Sonntag dürfte das Chaos zwischenzeitlich auch etwas gebremst werden. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt, dass die DB neben einem Sonderzug auch mehr S-Bahnen einsetze - und dass ein auswärtiger Fahrdienstleiter einspringen werde. Damit kann die akute Personalnot kurzzeitig entschärft werden. Immerhin werden aus Stuttgart rund 3200 Fans erwartet. (jam)

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