Aktualisiert 28.07.2016 09:47

GewerberäumeWie man aus einem Büro legal Wohnraum macht

Kein Wohnraum, nirgends. Eine Lösung wären leerstehende Gewerberäume. Wohnen ist dort verboten, aber so klappt es vielleicht trotzdem.

von
Daniela Gschweng
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Im Juni besuchten wir Leser Reto*, der in einem umgebauten Lagerraum wohnt. Seine Situation hat im Kommentarbereich für Diskussionen gesorgt.

Im Juni besuchten wir Leser Reto*, der in einem umgebauten Lagerraum wohnt. Seine Situation hat im Kommentarbereich für Diskussionen gesorgt.

Facebook / Vlad Art
Darf man das überhaupt? Und falls ja unter welchen Bedingungen?

Darf man das überhaupt? Und falls ja unter welchen Bedingungen?

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So einfach ist das nicht: Man kann eine Umnutzung beantragen, falls der gewünschte Raum bereits in einer gemischten Zone liegt. Gewerbezone? Keine Chance.

So einfach ist das nicht: Man kann eine Umnutzung beantragen, falls der gewünschte Raum bereits in einer gemischten Zone liegt. Gewerbezone? Keine Chance.

Keystone/Gaetan Bally

Eine Leerstandsquote von beinahe null, horrende Mietpreise, Menschenaufläufe, wenn doch irgendwo etwas frei wird: Die Wohnungssituation in Städten wie Basel und Zürich ist mehr als schwierig. Vor allem für diejenige, die nur wenig für die eigenen vier Wände bezahlen können.

Warum nicht wenigstens vorrübergehend eines der Büros beziehen, die teilweise jahrelang nicht genutzt werden? In Basel standen bei der jüngsten Erhebung 2015 rund 61'000 Quadratmeter Büro und 18'000 Quadratmeter Ladenfläche leer. Zum Wohnen müssten sie erst umdeklariert werden, so will es das Baurecht.

Umgewandelt wird selten – weil es teuer ist

Umwandlungen gibt es aber eher selten. In Basel beispielsweise wird eher auf Nachverdichtung und Neubauten gesetzt, wenn es darum geht, mehr Wohnraum zu schaffen. «Das hat mehrere

Ursachen», sagt Regula Küng, Leiterin der Fachstelle Wohnraumentwicklung Basel-Stadt.

Wohnungen müssen strengeren Vorschriften genügen als Büros. «Das Umwandeln von Büros ist keine günstige Angelegenheit und zwingen kann man den Vermieter dazu nicht», sagt Küng. Das gelte vor allem für attraktive Standorte wie die Basler Innenstadt.

Vermieter entschieden sich eher dafür, ein Büro noch eine Weile leerstehen zu lassen und hofften auf einen passenden Mieter. Und Büros, gibt die Stadtentwicklerin zu bedenken, brauche es eben

auch in einer Stadt, in der die Anzahl der Arbeitsplätze ständig steige. Umgewandelt werde zwar, aber in einem sehr kleinen Rahmen. «Das Potenzial liegt in Basel bei 400 bis 600 Wohnungen in den nächsten zwölf Jahren», umreisst sie.

Aufwendig, aber nicht unmöglich: der bürokratische Weg

Wer viel Eigeninitiative aufbringt oder genügend verzweifelt ist, versucht vielleicht trotzdem in ein Büro oder einen Lagerraum einzuziehen – was erst einmal verboten ist. Chancen, dass es trotzdem klappt, gibt es aber doch.

Die erste: Der Eigentümer stellt ein Umnutzungsgesuch. Dazu muss er in einem Antrag darlegen, dass die zukünftige Wohnung den Bauvorschriften genügt. Das frühere Büro wird dann als Wohnraum eingetragen. Dieser bürokratische Weg ist aufwendig, kann sich aber lohnen.

Wer in einem reinen Industriegebiet wohnen will, hat grundsätzlich Pech. Dort dürfen, so Küng, nicht einmal Wohncontainer für Flüchtlinge aufgestellt werden. Die einzige Ausnahme sind Abwartswohnungen. Gute Chancen hat, wer in einem Mischgebiet wohnen will, in dem es sowohl Gewerbe wie auch Wohnungen gibt. Am einfachsten geht eine Umwandlung bei Räumen, die schon einmal als Wohnung genutzt wurden oder in einem Wohnhaus liegen, wie ehemalige Arzt- und Anwaltspraxen.

Viel Papier und ein grenzwertiger Tipp

«Wenn alle Unterlagen vollständig sind, wir das Gesuch innerhalb von drei Monaten bearbeitet», gibt die Medienstelle des Baudepartements Basel Auskunft. Das Gesuch gehe dabei durch «etwa ein Dutzend Amtsstellen» im Kanton. «Es ist empfehlenswert, sich beim Antragstellen von einer Fachperson helfen zu lassen», sagt der Mediensprecher des Baudepartements Basel-Stadt, Marc Keller. Genau bei der Vollständigkeit liege nämlich oft das Problem. Sein Tipp an alle Ambitionierten und Verzweifelten, die keinen Architekten oder Bauingenieur an der Hand haben: «Im Kanton Basel kann man sich auch vorab kostenlos beraten lassen.»

Etwas grenzwertig ist der Tipp eines Fachmanns, der sich mit der Materie auskennt: Wer sich nicht auf einen Wohnort festlegt, kann auch «Teilzeitwohnen» – in einem Atelier zum Beispiel. Dieses gilt als Gewerberaum. Das heisst, man darf sich dort nicht «überwiegend» aufhalten.

Oder sehr viel Durchhaltevermögen

«Ein-, zweimal die Woche im Atelier oder im Büro zu übernachten ist aber nicht verboten, dreimal auch nicht. Viermal, nun ja», gibt der Architekt Auskunft. «Es wird selten kontrolliert.» Namentlich genannt werden will er nicht. Nach wie vor, warnt er, sei das «Wohnen» im Atelier illegal. Die Verantwortung trage der Vermieter.

Wer sich das Recht, in einem Gewerberaum zu wohnen, durch Hartnäckigkeit erwerben will, kann ebenfalls erfolgreich sein. Allerdings bräuchte er dazu sehr viel Geduld: ein Gewohnheitsrecht gibt es nach Auskunft des Baudepartements Basel erst nach 30 Jahren.

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