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«Time-Out»Wie man die Hockeyspieler schützen könnte

So schlimm war es noch nie: In 10 NLA-Runden holten sich neun Spieler eine Gehirnerschütterung. Dabei müsste das mit den richtigen Massnahmen nicht so sein.

von
Klaus Zaugg
Robin Grossmann (HCD) gegen Patrik Bärtschi ZSC Lions). Das mittlerweile hohe Tempo im Eishockey bringt mehr Gefahr bei den Checks.

Robin Grossmann (HCD) gegen Patrik Bärtschi ZSC Lions). Das mittlerweile hohe Tempo im Eishockey bringt mehr Gefahr bei den Checks.

So schlimm war es noch nie: Im Schnitt ist diese Saison pro Runde bereits mehr als ein Spieler durch eine Gehirnerschütterungen ausgefallen. Zuletzt hat es Langnaus Anton Gustafsson erwischt. Und niemand unternimmt etwas. Dabei gäbe es wirkungsvollen Gegenmassnahmen.

Das Eishockey bezahlt einen hohen Preis für ein schnelleres und dynamischeres Spiel. Im Sommer 2005 kreierte die NHL «Null-Toleranz» – die konsequente Anwendung des Regelwerkes - die inzwischen von allen Ländern des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF) und damit auch von der Schweiz übernommen worden ist. Die Spieler bekommen seither «freie Fahrt»: Das Halten und Haken in der neutralen Zone sind verschwunden, das Tempo ist so hoch wie nie.

Hinzu kommt, dass die Spieler grösser, schwerer, beweglicher, kräftiger und schneller geworden sind und bei Checks in viel höherem Tempo aufeinanderprallen («Big Bang»). Die zerstörerische Aufprallenergie erhöht sich im Quadrat zur Geschwindigkeit.

Der Check, einst das Mittel, um einen Gegenspieler vom Puck zu trennen, führt nun oft dazu, dass der Gegenspieler nicht nur die Scheibe, sondern auch gleich das Bewusstsein verliert. Hin und wieder auch dann, wenn der Check korrekt oder nahezu korrekt ausgeführt worden ist.

Zehn Gehirnerschütterungen in neun Runden

In der neuen Saison sind neun Runden gespielt und bereits zehn NLA-Spieler durch Gehirnerschütterungen ausgefallen. Nur einer (Sandy Jeannin) hat sich die Verletzung im Training zugezogen. Die Opfer: Christian Dubé, Tristan Vauclair, Sandy Jeannin (Fribourg), Martin Steinegger, Thomas Preissing (Biel), Félicien Du Bois (Kloten), Martin Höhener (SC Bern), Kevin Hecquefeuille (Servette), Patrick Geering (ZSC Lions) und Anton Gustafsson (SCL Tigers).

Was ist dagegen zu tun? Eine Regeländerung (Verbot von Checks) steht nicht zur Debatte. Die Checks sind ein zentraler Bestandteil des Spiels. Eishockey ohne Checks wäre wie eine stürmische Liebesaffäre ohne Sex.

Vergessen wir alle theoretischen Empörungen und konzentrieren uns auf die realistischen Möglichkeiten.

Zur Einleitung ein etwas unkonventionelles Beispiel. Die Strassen sind in den letzten Jahrzehnten breiter und die Autos schneller geworden. Um Raserei zu verhindern, werden mehr Radarkontrollen gemacht und Temposünder werden rigoros bestraft. Um die Sicherheit zu erhöhen, wird die Ausstattungen der Autos laufend verbessert (ABS, Sicherheitsgurten, Airbags). Dieses Beispiel können wir durchaus aufs Hockey übertragen. Gehirnerschütterungen können zwar nicht ausgeschlossen werden. Eishockey ist ein Hochrisiko-Sport. Aber es ist möglich, durch verschiedene Massnahmen die Anzahl der Gehirnerschütterungen stark zu reduzieren.

Mögliche Massnahmen

Einmal geht es darum, Gehirnerschütterungen zu verhindern, die durch Fouls verursacht werden. Die Erfahrung aus verschiedenen Ligen zeigt, dass es in Spielen, die von zwei Heads geleitet werden, weniger schlimme Fouls gibt: Wenn vier statt nur zwei Augen ein Spiel überwachen, dann erhöht sich das «Rechtsbewusstsein» der Spieler. Es ist die gleiche Wirkung die Radarfallen im Strassenverkehr haben.

Schiedsrichterchef Reto Bertolotti hat genügend qualifizierte Refs zur Verfügung, um jedes NLA-Spiel durch zwei Headschiedsrichter leiten zu lassen. Aber die Klubs wollen es nicht. Weil der Mehraufwand jeden Klub diese Saison zusätzlich 15 000 Franken kosten würde. «Wir haben ein Konzept vorgelegt» sagt Bertolotti. «Aber die Klubs haben aus Kostengründen abgelehnt.» Es ist ein Irrsinn: Den Klubs ist die Sicherheit und Gesundheit ihrer Spieler nicht 15 000 Franken pro Saison wert. Es wäre nun eben am Verband (Swiss Ice Hockey), die Gesamtkosten (rund 180 000 Franken pro Saison) aufzubringen, damit jedes NLA-Spiel durch zwei Headschiedsrichter geleitet werden kann.

Angemessene Strafen unabdinglich

Der zweite Schritt ist die konsequente Bestrafung der Sünder. Nach wie vor gibt es im «Machosport» Eishockey diese dümmliche Verharmlosung, ja Verherrlichung von unkorrekten Checks und den Sündern. Weil im Machosport Hockey jeder «taff» sein will. Und nach wie vor ist die Bestrafung zu milde wie zuletzt im Fall von Josh Holden, der seinen Gegenspieler Christian Dubé als Wiederholungstäter verletzt hat und mit lediglich acht Sperren davongekommen ist.

Wird ein Check als verletzungsgefährdet und irregulär erkannt, müssen die Strafen höher ausfallen. Dazu ist es an der Zeit, dass die Klubs sich endlich dazu durchringen, dass eine Sperre auch automatisch, wie in der NHL, zu einem Ausfall der Lohnzahlung während der Dauer der Sperre führt. Nur wenn die Bestrafung auch finanziell schmerzhaft ist, findet ein Umdenken der Spieler statt, und hin und wieder wird sich einer überlegen, ob es sich tatsächlich lohnt, einen Gegenspieler mit Anlauf übers halbe Feld über den Haufen zu fahren.

Es ist auch an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, die Spieler hätten nicht gelernt, sich richtig zu verhalten und sich so vor Checks zu schützen. Es stimmt zwar, dass die Ausbildung in diesem Teilbereich verbessert werden kann – aber gegen Checks, die den Spieler blindlings treffen («blindside checks») kann sich kein Spieler der Welt schützen.

Option: Bauliche Massnahmen

Ein weiterer wichtiger, bis heute viel zu wenig beachteter Aspekt: Es gibt bauliche Massnahmen, die das Eishockey sicherer machen können. In den NHL-Arenen und in immer mehr europäischen Stadien (unter anderem in der Hartwall-Arena, in der 2012 die WM gespielt wird) werden Banden und Plexiglas eingebaut, die beim Aufprall federnd nachgeben und damit viel Aufprallenergie absorbieren. Banden und Plexiglas sind in unseren Stadien hingegen steinhart (nur jene im Hallenstadion und in Genf geben leicht nach) und die Ursache für viele Gehirnerschütterungen. Einzelrichter Reto Steinmann, der sich intensiv mit dem Phänomen Gehirnerschütterungen befasst, fordert seit langem andere Banden. Zwar erleiden Spieler auch bei Checks auf offenem Eis Gehirnerschütterungen – aber mit entsprechenden Banden fallen wenigstens jene weg, die durch den Aufprall an den Banden und dem Plexiglas entstehen. Der Einwand, der Einbau neuer Banden sei zu teuer, ist eine billige Ausrede: In den 1970er Jahren haben wir in der Nationalliga das Hallenobligatorium durchgesetzt.

Hysterie fehl am Platz

Die Gehirnerschütterungen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen aus der Welt schaffen. Hysterie ist auch fehl am Platz. Eine mittel- und langfristige Verbesserung bringt einzig und alleine die konsequente Umsetzung der Massnahmen, die realistisch sind. Es wäre Aufgabe der Verbands- und Ligaführung, diese Massnahmen energisch und tatkräftig voranzutreiben. Das ist leider bis heute immer noch nicht der Fall.

Eine Verbesserung wird es wahrscheinlich erst geben, wenn sich die Versicherungs-Unternehmen intensiv der Problematik annehmen und entsprechende Massnahmen einfordern.

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