Wie man Glasburgen baut
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Wie man Glasburgen baut

Man stelle sich einen wunderschönen Strand vor, der sich viele Kilometer entlang der Küste erstreckt. Klares blaues Wasser schwappt sanft an das mit Glas bedeckte Ufer. Aua?

Keineswegs! Das Glas fühlt sich an wie Sand und besteht aus kleinen Körnern, die im Sonnenlicht glitzern. Angesichts der andauernden Erosion an Floridas Stränden will man im Landkreis Broward County jetzt recyceltes Glas nutzen, um damit abgetragene Sandstrände wieder aufzufüllen.

Das Glas wird dafür zu Granulat verarbeitet und mit gewöhnlichem Sand gemischt. Befürworter dieser Methode sagen, es sei völlig natürlich, Glas auf Stränden zu verteilen, da Sand ein Hauptbestandteil von Glas ist. «Im Grunde nehmen wir das Material und bringen es dahin zurück, wo es hingehört», sagt Phil Bresee, der Recycling-Beauftragte von Broward County.

Der Vorteil dieser Methode: «Man reduziert die Menge an Abfall, die zu unseren Deponien gebracht wird, und erzeugt Material, das für unsere Strände genutzt werden könnte», sagt Paden Woodruff von der Umweltschutzbehörde Floridas. Ausserhalb der USA - beispielsweise in Neuseeland und auf der Karibikinsel Curacao - wurde recyceltes Glas bereits an Stränden genutzt. In den USA ist diese Methode jedoch noch nicht zum Einsatz gekommen.

Sand ist im südlichen Florida wertvoll. Denn die Mehrzahl der Strände in Broward County, die sich auf einer Länge von rund 39 Kilometern erstrecken, wird als stark erodiert eingestuft - so wie mehr als ein Viertel von Floridas gesamter Küstenlinie. Jedes Jahr werden daher im sonnenreichsten Staat der USA rund 59 Millionen Euro für die Instandhaltung der Strände ausgegeben.

Der Sand, mit dem abgetragene Bereiche von Stränden wieder aufgefüllt werden, wird normalerweise vom Meeresgrund heraufbefördert und über Rohre an den Stand geleitet. Seit 1970 gewann man so alleine in Broward rund 13 Millionen Tonnen Sand. Diese Menge reicht aus, um das Empire State Building mehr als zwölf Mal komplett mit Sand auszufüllen.

Um vor der Küste liegende Riffs zu schützen, ist jedoch die Abtragung von Sand an neuen küstennahen Stellen verboten worden. Sand wird also knapp. Zusätzlich führt die Tatsache, dass Sand nun in Gebieten gewonnen werden muss, die weiter draussen im Ozean liegen, gemeinsam mit gestiegenen Treibstoffkosten zu einem enormen Preisanstieg.

Im Landkreis Broward plant man, rund 15.600 Tonnen des Glasgranulats pro Jahr herzustellen. Diese Menge reicht nicht aus, um die Sandknappheit zu beheben. Allerdings könne man so erodierte Bereiche auffüllen, bevor sich die Situation verschlimmere, sagt Bresee.

Zufall brachte Idee auf

Die Idee, Glaskörnchen als Sandersatz zu nutzen, gründet auf unbeabsichtigten Auswirkungen einer marinen Mülldeponie vor Nordkalifornien. Seit 1949 sei hier Abfall - darunter auch viel Glas - über eine Klippe ins Meer geschüttet worden, sagt Charles Finkl, ein Meeresgeologe aus Boca Raton im Süden Floridas. Während sich das organische Material im Laufe der Jahre zersetzt habe, sei das Glas zerbrochen und in der Brandung glatt geschliffen worden, so Finkl. «Man spricht von einem Glasstrand und die Leute stellen sich scharfe Glasscherben vor. Aber es ist ganz anders», sagt Finkl.

Wie teuer das Glasprojekt für Broward County wird und ob es überhaupt realisierbar ist, ist noch unklar. Bisher haben der Staat Florida und der Landkreis Broward 600.000 Dollar (440.000 Euro) in Tests investiert. Im vergangenen Jahr untersuchte man die Auswirkungen des Glasgranulats auf Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt des Untergrunds. Labortest haben zudem gezeigt, dass der künstliche Sand keine negativen Auswirkungen auf Flora und Fauna hat.

Derzeit wartet man in Broward auf die Erlaubnis, die Glaskörnchen in der Brandungszone testen zu dürfen. Doch es gibt auch kritische Stimmen: «Es ist unmöglich, alle Konsequenzen, die ein derartiges Vorgehen auf die Natur hat, vorherzusehen», sagt Dennis Heinemann von der Meeresschutzbehörde. «Es wird immer unvorhergesehene Auswirkungen geben.»

Ein Beispiel für solche unerwarteten Folgen ist vor der Küste von Broward County zu finden. Der Landkreis und der Staat Florida geben derzeit Millionen aus, um rund 700.000 alte Reifen zu bergen, die in den 70er Jahren vor Fort Lauderdale im Meer versenkt wurden. Dort sollten sie aneinander gebunden ein künstliches Riff erzeugen. Eigentlich ein guter Plan. Jedoch lösten sich die Verbindungen zwischen den Reifen, diese scheuerten über den Meeresgrund und beschädigten natürliche Korallenriffe. (dapd)

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