Aktualisiert 14.10.2011 13:30

«Get out the vote!»Wie man in letzter Minute Wahlen gewinnt

Teure Plakate? Inserate mit flotten Sprüchen? Anbiedernde E-Mails? Alles für die Füchse, sagt Louis Perron. Der Kampagnenspezialist weiss, worauf es im Schlussspurt ankommt.

von
Ronny Nicolussi

Wir befinden uns in der heissen Phase des Wahlkampfs – trotzdem ist er total lau. Warum?

Louis Perron: Die SVP ist heuer nicht auf Touren gekommen. Und die anderen Parteien wissen sowieso nicht, was Wahlkampf ist.

Ein hartes Urteil!

Die BDP und die GLP als neue Parteien haben es nicht nötig, und die FDP und die CVP haben keine Wahlkampf-Tradition. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurden nette Plakate gedruckt. Dann begann die SVP mit echtem Wahlkampf und pflügte damit die politische Schweiz um. Der Erfolg bei den Wahlen setzte sich auch 2003 und 2007 fort. Die anderen Parteien versuchen seither aufzuholen. Der Abstand zur grössten Partei ist aber immer noch erheblich. Ein Wahlkampf hat viel mit Strategie, Themenmanagement und Zielgruppen zu tun. Es ist wie eine Guerilla-Attacke. Dies widerspricht der Funktionsweise und dem Selbstverständnis einer Schweizer Traditionspartei diametral.

Was kann eine Partei jetzt noch tun, um Wähler zu gewinnen?

Vielleicht sollten wir damit anfangen, was nicht mehr möglich ist: Was man verpasst hat, hat man verpasst! Von der Idee, jetzt noch Wählerpotential aufbauen und erweitern zu können, muss man sich sofort verabschieden.

Frontalinterview mit Christan Levrat

Was liegt also noch drin?

Die eigenen Wähler mobilisieren! In den USA spricht man von «get out the vote». Das bedeutet, das eigene Wählerpotential dazu zu bringen, seine Stimme auch wirklich abzugeben. Bei Parlamentswahlen kann jede Partei ein Erdbeben auslösen, ohne neue Wähler zu überzeugen. Es reicht, wenn sie es schafft, den eigenen Wählern einzuheizen. Wenn eine grosse Partei im Schlussspurt 50 000 Wähler zusätzlich mobilisieren kann, steht sie am 23. Oktober als Gewinnerin da.

Frontalinterview mit Christophe Darbellay

Wie macht man das?

Das A und O ist zu wissen, wer die eigenen Wähler sind. Wenn Politiker in der Schweiz von Zielgruppe sprechen, sagen sie immer, sie wollten die Jungen und die Nichtwähler ansprechen. Eine Zielgruppe muss aber geografisch wie soziodemographisch definiert sein. Man braucht die Postleitzahl der Wähler, die Telefonnummer, die E-Mail-Adresse. Eine Zielgruppe können Männer mit hohem Einkommen oder verheiratete Frauen sein.

Frontalinterview mit Ueli Leuenbergen

Wie findet ein Politiker denn seine Wähler?

In den USA gehen die Leute bereits Monate im Voraus von Haus zu Haus, um potentielle Wähler zu identifizieren. Ein Obama kennt seine Wähler mit Namen. Sein Kapital ist eine Liste mit 14 Millionen E-Mail-Adressen von Unterstützern, mit welchen er direkt kommunizieren kann. Schweizer Politiker bezeichnen immer noch die Menschen, die an der Delegiertenversammlung im Sääli sitzen, als ihre Basis.

Frontalinterview mit Fulvio Pelli

Das Sääli soll keine gute Basis sein?

Die Energie, die es braucht, damit jemand eine Wahlliste verändert, ist riesig. Deshalb ist die Zielgruppenorientiertheit, die Botschaft «weshalb ich und nicht der andere», bei Personenwahlkämpfen viel wichtiger. Dabei ist bemerkenswert, dass ein Kandidat bei Nationalratswahlen gar nicht so viele Stimmen braucht, um gewählt zu werden.

Frontalinterview mit Toni Brunner

Wie viele denn?

Im Kanton Zürich mit 800 000 Wahlberechtigten reichen beispielsweise 20 000 Wähler, um auf der Liste der FDP gewählt zu werden. Für einen SP-Sitz in Bern reichen 17 000 Wähler und im Kanton St. Gallen, der rund 300 000 Wahlberechtigte hat, sind es auf der CVP-Liste gar nur 14 000 Wähler.

Aber man muss schon auch eine Botschaft haben, oder?

Selbstverständlich! In der Schlussphase geht es darum, diese zuzuspitzen, zu schärfen – wie wenn man durch ein Fernrohr blickt und scharf stellt. Es geht darum, die Trennlinien klar zu machen. Weshalb sollen wir gewählt werden und nicht die anderen? Viele Wähler sind bereit, verschiedene Parteien zu wählen. Wenn A, B oder C gleich daherkommen, gehen die meisten jedoch gar nicht wählen.

Nennen Sie ein Beispiel!

Das beste Beispiel war die Kampagne der SVP vor vier Jahren. Nachdem die Partei mit «Blocher stärken, SVP wählen!» bereits eine klare Botschaft hatte, gelang es ihr, nach den Krawallen in Bern mit der totalen Zuspitzung auf die Person Christoph Blochers ihre Wähler zu mobilisieren. Das war «get out the vote», wie es im Bilderbuch steht.

Klingt alles sehr einfach.

Wahlkämpfe sind in der Tat eine einfache Sache. Aber es gibt jeden Tag hundert Versuchungen, es komplizierter zu machen.

Vorausgesetzt, sie verfügen über das nötige Kleingeld.

Finanzielle Mittel werden überschätzt. Geld allein identifiziert noch keine Leute und vermittelt auch keine Message. Zwar braucht man einen gewissen Grundstock. Gute Botschaften kann man aber auch mit wenig Geld vermitteln. Der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann mobilisierte seine Wählerschaft vor vier Jahren über Facebook mit dem Thema Islam. So macht man Wahlkampf. Die 200 000 Franken, die gewisse Politiker heute für Plakate mit Sprüchen wie «eine starke Stimme in Bern» hinblättern, sind hingegen für die Füchse.

Was braucht es noch – neben Facebook?

Eigene Netzwerke, Vereine, Verbände, Bewegungen sind ebenso nützlich. Die effizientesten Wahl-Lobbyisten bei Personenwahlkämpfen sind übrigens die Bauern.

Gehen wir mal davon aus, dass diese Vorarbeit nicht gemacht wurde. Was dann?

Dann wird es sehr schwierig, der Streuverlust gross. Massenhafte E-Mails bringen wenig. Der Clou beim Mobilisieren ist, die eigene Zielgruppe möglichst persönlich anzusprechen. Im Vorfeld von Obamas Wahl zum Präsidenten gab es Zehntausende Freiwillige, die persönliche Briefe an ihr Umfeld schrieben.

Briefe?

Ja, Briefe, Mails, SMS, Anrufe oder auch automatische Botschaften auf Telefonbeantworter. Das wirkt, wenn es Inhalt hat und nicht wie Propaganda daherkommt.

Mit Botschaften auf Telefonbeantwortern könnten aber auch genervte Gegner mobilisiert werden.

Deshalb ist es ja so wichtig, dass man genau weiss, wer die eigenen potenziellen Wähler sind.

Und weshalb führen nicht alle Politiker Wahlkampf nach Lehrbuch?

Viele haben das gar nicht nötig. Sie werden quasi im Schlafwagen gewählt. Kämpfen tun nur Bisherige, die gefährdet sind, oder Kandidaten, die sich Chancen ausrechnen, knapp gewählt zu werden.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.