31.07.2020 18:48

Ed Sheeran im Mental-Health-Interview

«Wie man sich am Zenit seiner Karriere fühlt? Ich fühlte gar nichts»

Für den Dokumentarfilm «Chasing the Present» öffnete sich Ed Sheeran wie selten zuvor. Aus seinen langjährigen Krisen konnte der Popstar positive Schlüsse ziehen.

von
Melanie Biedermann
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So kennen wir den Megastar: Die letzten fünf Jahre waren geprägt von Konzerten vor Millionen von Fans rund um die Welt.

So kennen wir den Megastar: Die letzten fünf Jahre waren geprägt von Konzerten vor Millionen von Fans rund um die Welt.

Instagram/teddysphotos
Ed Sheerans Instagram-Feed ist voll vom immerselben Motiv von zig Tourstopps.

Ed Sheerans Instagram-Feed ist voll vom immerselben Motiv von zig Tourstopps.

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Auch in Zürich stand er mehrfach auf der Bühne.

Auch in Zürich stand er mehrfach auf der Bühne.

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Darum gehts

  • Popstar Ed Sheeran ist Teil des Filmprojekts «Chasing the Present».
  • Die Dokumentation thematisiert unsere Angstgesellschaft und will Auswege aufzeigen.
  • Die Filmemacher veröffentlichten vorab umfangreiches Material von ausgewählten Protagonisten.
  • Ed Sheeran erklärte etwa, wie er lernte, mit seiner Sucht-Persönlichkeit und Depression umzugehen.
  • Welche Lektionen wir von ihm lernen können? Viele! Hier lang.

«Normalerweise dreht sich alles um meine Karriere», erklärt Sheeran. Er habe diesem Interview zugestimmt, weil hier etwas anderes im Fokus stehe. «Es geht mehr darum, wie wir sind, richtig?» Richtig, Ed.

Die Dokumentation «Chasing the Present» will aufklären, wie unsere Gesellschaft in die Mental-Health-Krise schlitterte. In Gesprächen mit Persönlichkeiten, die mit verschiedensten Hintergründen Experten sind, will Filmemacher James Sebastiano Wege aus dieser Krise aufzeigen.

Mit Popstar Ed Sheeran spricht Sebastiano etwa über das gesellschaftliche Streben nach Erfolg sowie dessen persönliche Erfahrungen mit Sucht, Depression und Panikattacken. Die überraschendsten Quotes und Erkenntnisse aus dem Gespräch gibt es hier unten im Überblick. Das knapp 45-minütige Interview ist in voller Länge frei auf Youtube verfügbar.

Alle wollen Erfolg, aber niemand kann damit umgehen

«Geld schafft so viele Probleme», so Sheeran. «Sogar meine Freunde und Familie reagierten seltsam. ‹Das muss doch grossartig für dich sein!› Genau diese Reaktion ist eben nicht grossartig. Alle gehen davon aus, dass jemand, der finanziell erfolgreich ist, keine Probleme hat.»

Dazu kommt: Erfolg wirke wie ein Verstärker auf anderer Leute Unsicherheiten – ein Teufelskreis für den 29-Jährigen. «Weil man mich seltsam behandelte, fing ich selbst an, mich seltsam zu verhalten. Daran sind einige Freundschaften zerbrochen.»

Am Zenit seiner Karriere fühlte Sheeran «gar nichts»

Nach seinen drei ausverkauften Konzerten im Wembley Stadium während der «Multiply»-Tour 2015 fühlte Ed Sheeran statt Glück bloss Leere. «Es war ein Gefühl von ‹na ja und jetzt?›.» Die Folgegedanken waren schwererer Natur: «Wozu das alles? Warum bin ich überhaupt hier?» Sheeran bekannte sich bereits früher öffentlich zu Depressionen. «Meinen Tiefpunkt hatte ich wahrscheinlich während dieser Tour», sagt er rückblickend.

Nach dem Ende der «Divide»-Tour 2019 habe er sich bewusst einen Monat frei genommen, 30 Leinwände gekauft und wieder mit dem Malen begonnen, «jeden Tag ein Bild». Ursprünglich wollte Sheeran Kunst studieren, aber als er sich als Teenager ins Musikmachen verliebte, entschloss er, sie zu seinem Beruf zu machen. «Mit Wembley hatte ich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Inzwischen wurde mir klar, dass ich etwas anderes finden muss, das mich glücklich macht – etwas, das nichts mit meiner Arbeit zu tun hat.»

Für Süchtige gibt es genau eine Lösung: Disziplin

Ed Sheeran bekannte sich über die Jahre zu vielen Süchten, darunter Alkohol, Kokain und Junkfood. «Man nannte mich Two-Dinner-Teddy», erinnert er sich, «ich bestellte zwei Mahlzeiten und ass sie dann auch.» Manchmal bingte er so lange, bis er sich übergab. Dieses Alles-oder-Nichts-Verhalten sei tief in ihm verankert. «Ich sah nie einen Sinn in einem Glas Wein. Wenn, dann will ich zwei Flaschen trinken.»

Inzwischen zählt Sheeran auch das Smartphone zu seinen Abhängigkeiten: «Um 2015 war ich bis zu 19 Stunden am Tag am Handy. Als ich nach der Tour auf Social Media verzichtete, ist mir beim Dinner mit [meiner Frau] Cherry aufgefallen, dass wir uns unterhielten.» Mit dem konstanten Blick aufs Handy sei das nie passiert. Sheerans derzeitige Social-Media-Abstinenz hält seit Weihnachten 2019 an.

Kreativität ist die Gratis-Formel für Glück

«Du musst kein Experte sein, um Freude an etwas zu haben. Das ist ja das Grossartige am Kreativsein: Da entsteht etwas aus dem Nichts.» Ein entscheidender Punkt: «Malen macht mich so glücklich, weil ich meine Bilder niemandem verkaufen will. Wenn du etwas nur für dich tust, urteilt niemand.»

Sheeran legt nach: «Deswegen finde ich Smartphones so gefährlich für Kids. Es wird die Gesellschaft prägen, wenn Achtjährige ihre Zeit lieber auf Tiktok verbringen wollen statt Bilder aus Nudeln und Leim zu basteln. Niemand, der konstant am Handy hängt, ist kreativ.»

Sheeran nennt auch die Gefahr der Like-Kultur: «Wer Selfies postet, auf denen er gut aussieht, will positive Reaktionen, um sich besser zu fühlen. Jedesmal, wenn ich eins sehe, denke ich: ‹Mann, dieser Person muss es heute beschissen gehen.›» Er habe das früher selbst so gemacht, seine Kollegen ebenfalls: «Ein Musiker-Freund meinte neulich, dass es ihm richtig schlecht ging, nachdem einer seiner Posts drei statt vier Millionen Likes kriegte.»

Halt dich nicht mit Dingen auf, die dir nicht gut tun – kurz: cut the bullshit

«Ich teile inzwischen alles in gute und schlechte Energiequellen ein – Dinge oder Leute, die mir Energie geben und jene, die sie saugen. Alles, was mir zu viel abzieht, muss weg», erklärt Sheeran. Das gelte auch für Menschen in seinem näheren Umfeld: «Wenn du schwierige Gefühle mit jemanden teilst und diese Person reagiert negativ, ist sie weder Freund noch Familie.»

Pragmatismus hilft Sheeran auch in Sachen Social Media: «Ich gehe auf die Dreissig zu, mit meinem nächsten Album werde ich kaum mehr 16-Jährige ansprechen. Da kann auch jemand anderes für mich posten.»

Andere Dinge, die ihm gut tun: «Regelmässige Bewegung, ausgewogenes Essen – wenn du fitter bist, siehst du auch einfach besser aus. Dann schaust du vielleicht eines Tages in den Spiegel und findest, oh, vielleicht hasse ich mich heute mal nicht.» In der Natur zu sein, mache ihn ebenfalls glücklich: «Es erinnert dich an daran, dass das Leben gut sein kann; dass es Schönes zu entdecken gibt.»

Wer verletzlich sein kann, bleibt gesund und wird geliebt

Einen Psychiater hatte Sheeran nie, in vielerlei Hinsicht sei die Musik seine Therapie. «Wenn ich Songs schreibe, spreche ich quasi über all den Mist, der mir durch den Kopf geht, mich traurig oder wütend macht. Meine erfolgreichsten Songs sind die, die ich schreiben musste, um mich besser zu fühlen – stell dir vor, deine Gefühle sind ein Vulkan, das muss einfach raus.»

Mit Leuten reden erachtet er dennoch als wahnsinnig wichtig. «Du musst darauf vertrauen, dass deine Freunde und Familie dich lieben und dass du keine Bürde bist, wenn du ab und zu Trost suchst. Du wirst überrascht sein, wie viele schon Ähnliches erlebt haben wie du. Also geh und sprich mit den Leuten.» Zur Erinnerung: Wer nicht zuhört oder kein aufrichtiges Interesse zeigt, ist kein Freund – cut the bullshit.

Der Film

James Sebastiano initiierte «Chasing the Present» aus einem persönlichen Bedürfnis heraus: Der amerikanische Unternehmer leidet seit knapp 20 Jahren an Panikattacken. Vor fünf Jahren machte er sich auf die Suche nach einer Lösung und reiste um die Welt, um mit Menschen zu sprechen, die aus beruflichen oder persönlichen Gründen zu Experten wurden.

Neben Ed Sheeran besuchte der Filmemacher Persönlichkeiten wie den Wissenschafts-Journalisten Graham Hancock, Psychologin Zelda Hall, Holistic-Health- und Yoga-Star Koya Webb oder Comedian Russell Brand.

«Chasing the Present» wurde 2019 an einer Reihe internationaler Filmfestivals ausgezeichnet. Die Dokumentation hat noch kein offizielles Startdatum, Screenings sind für Veranstalter derzeit auf Anfrage verfügbar.

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21 Kommentare
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Happy

01.08.2020, 09:13

Ich, w, 40, weiß, dass ich weder Modelmasse noch ein Modelaussehen habe. Und jetzt? Ich selber finde mich schön so wie ich bin. Ich mag alles an mir und, wenn auch nicht reich, geht es mir sehr gut. Das ist Glück. Kann man nirgendwo kaufen.

Sheila

01.08.2020, 06:38

Find ich toll zu sich selbst stehen zu können und mit all seinen Fehler und Macken. Leider weiss unsere Gesellschaft sowas auch nicht mehr zu schätzen und man wird nur noch am Erfolg gemessen. top oder flop. Sehr traurig, alle Kritiker und hässliche Komentarschreiber sind in der regel neidisch weil sie selbst kein Erfolg verzeichnen. Man muss erfolgreiche Menschen nicht mögen, aber dann schweigt doch einfach statt über diese herzuziehen. Es braucht mehr Mut sich so vor der Welt zu öffnen und Fehler einzugestehen als anonyme Feigheit andere zu kritisieren.

mike the k

01.08.2020, 06:31

der typ spricht mir aus der seele....