Whistleblower-Prozess: Wie Manning den Antiterrorkampf veränderte
Aktualisiert

Whistleblower-ProzessWie Manning den Antiterrorkampf veränderte

Der Urheber des riesigen Datenlecks wird Jahre hinter Gittern verbringen. Bradley Manning hat Amerikas Krieg gegen Al-Kaida und andere Terrorgruppen verändert - doch kaum so, wie er sich das erhofft hatte.

von
Martin Suter
New York

Am zweiten Tag des Strafverfahrens gegen den Obergefreiten Bradley Manning konnte die Verteidigung bereits punkten. Die Ankläger vor dem Militärgericht in Fort Meade, Maryland, riefen am Dienstag den früheren Hacker Adrian Lamo in den Zeugenstand. Lamo hatte den gleichaltrigen, heute 25-jährigen Datenexperten im Mai 2010 an die Behörden verpfiffen, doch im Kreuzverhör erwies er sich als Mannings erster nützlicher Charakterzeuge.

Lamo wurde von dem damals in Bagdad vereinsamten und mit seiner Homosexualität ringenden Manning kontaktiert und führte mit ihm längere Chat-Konversationen. Im Prozess befragte der Militärstaatsanwalt Ashden Fein Manning zu technischen Umständen des Chats. Doch Mannings Verteidiger David Coombs nutzte die Gelegenheit, den Ex-Hacker über den damaligen Geisteszustand des Angeklagten aussagen zu lassen. Laut Lamo sagte Manning nie, er wolle mit der Publikation der Geheimdaten den Feinden der USA helfen. «Nein, in diesen Worten nicht», sagte Lamo.

Hohe Erwartungen

Dann bezeugte Lamo mit wiederholten «Ja»-Antworten, dass es Manning darum gegangen sei, die Wahrheit herauszufinden und eine weltweite Diskussion über den Irakkrieg auszulösen. Der einstige Gesinnungsfreund bestätigte das vom Verteidiger gezeichnete Bild Mannings als Idealisten ohne verräterische Absichten. Sollte diese Charakterisierung die Richterin Denise Lind überzeugen, könnte sie sich womöglich strafmildernd auswirken.

Was die Wirkung seines Tuns angeht, hegte Bradley Manning damals in Bagdad hohe Erwartungen. In einer vorgerichtlichen Erklärung gab er diesen Januar an, er habe gehofft, in den USA eine «Debatte über die Rolle des Militärs und der Aussenpolitik allgemein und in Bezug auf den Irak sowie Afghanistan auszulösen». Tatsächlich hatte die Veröffentlichung der Geheimdokumente durch WikiLeaks nicht nur positive Konsequenzen.

Bradley Manning vor Gericht

Auslöser des «arabischen Frühlings»?

Schwer beweisbar sind die weltpolitischen Folgen. Manche Kommentatoren behaupten, die WikiLeaks-Enthüllungen hätten den zündenden Funken für die revolutionären Umwälzungen in Tunesien und Ägypten geliefert und insgesamt den «arabischen Frühling» ausgelöst. Immerhin verrieten die von Manning weitergegebenen Depeschen, dass der damalige Präsident Jemens den USA in einer geheimen Absprache Drohnenangriffe in seinem Land erlaubte. Andere diplomatische Kabel enthüllten die Besitztümer der tunesischen Herrscherfamilie, geheime Kontakte von arabischen Regierungen mit Israel und den Luxuskonsum des Ghadafi-Clans.

Es lässt sich spekulieren, dass die teils peinlichen Enthüllungen in der elektronischen Diplomatenpost Barack Obama womöglich in seiner Rückzugsneigung bekräftigten. Der US-Präsident hat im Nahen Osten und in Nordafrika seither nie eine Führungsposition angestrebt. Den Drohnenkrieg gegen die Al-Kaida-Terrororganisation und die Taliban in Afghanistan und Pakistan führt Obama jedoch verstärkt weiter. Dass dabei immer wieder auch Zivilisten getötet werden, dürfte kaum Mannings Vorstellungen entsprechen.

USB-Sticks verboten

Klare Konsequenzen hatte der Datenraub jedoch innerhalb des Militärs und bei der Geheimhaltung. Nach internen Untersuchungen disziplinierte das US-Militär 15 Vorgesetzte Mannings; einer von ihnen wurde degradiert. Noch im Jahr 2010 untersagte das Pentagon allen, die an das geheime Militär-Internet SIPRNet angeschlossen sind, den Gebrauch von beweglichen Speichermedien wie USB-Sticks und CD-ROMs.

Im November desselben Jahres verteilte der damalige Chef des Management- und Budgetbüros, Jacob Lew, ein Memorandum an alle mit klassifizierten Informationen befassten Regierungsstellen. Darin werden sie angewiesen, Sicherheitsteams zu bilden und strikt über die Geheimhaltungsregeln zu wachen. Zuwiderhandlungen, schrieb der heutige Finanzminister Lew, seien «inakzeptabel und werden nicht toleriert.»

«Noch 10 bis 20 Jahre Krieg»

Im gleichen Atemzug ging das US-Justizdepartement energischer denn je gegen Datenlecks vor. Mit allen Mitteln versuchen Staatsanwälte herauszufinden, welche Beamten der Öffentlichkeit geheime Informationen zuspielen. Keine US-Regierung hat so viele Ermittlungen gegen vermutete Urheber von Lecks vorangetrieben. Unlängst kam heraus, dass im Zusammenhang mit solchen Ermittlungen auch die Telefongespräche der Associated Press und des FoxNews-Journalisten James Rosen überwacht wurden. Viele Journalisten werten dieses Vorgehen als illegalen Angriff auf die Pressefreiheit.

Der US-Präsident hat in der letzten Maiwoche in einer Grundsatzrede erklärt, der Kampf gegen den Terrorismus werde künftig nicht mehr als Krieg geführt, für Drohnenangriffe würden höhere Hürden aufgebaut und das Gefangenenlager in Guantánamo Bay werde geschlossen. Es ist jedoch nicht gewiss, dass Obama diese Absichten verwirklichen kann. Michael Sheehan, im Pentagon für Spezialoperationen zuständig, sagte noch Mitte Mai voraus, der weltweit geführte Krieg gegen die Al-Kaida werde «mindestens zehn bis zwanzig Jahre» dauern.

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