Aktualisiert 14.12.2009 13:42

Verwirrung im System

Wie Notenbanker die Welt narren

Was passiert, wenn der US-Notenbankchef sagen würde: «Ich sehe schwarz für die Wirtschaft.»? Die Börsen würden weltweit kollabieren. Was machen also die Vertreter von Notenbanken in diesem Dilemma? Sie sprechen in Rätseln, die zahlreiche Interpretation zulassen und verhindern, dass sich die Märkte in eine klare Richtung bewegen.

von
Werner Grundlehner

Ein Meister dieses Fachs war Alan Greenspan, der ehemalige Gouverneur der amerikanischen Federal Reserve. In meist Stunden dauernden Ansprachen gelang es ihm jeweils, nichts Handfestes zu sagen. Der Notenbanker sprach so verklausuliert, dass der Interpretationsspielraum gross war. Manchmal war jedoch selbst das bereits zu deutlich. Am 3. Januar 2001 meinte Greenspan: «In Zeiten des Wechsels – von hohem, unbeständigem zu moderatem Wachstum – ist die Wirtschaft offensichtlich anfällig auf unerfreuliche Vorkommnisse, die in Boom-Zeiten ohne Folgen absorbiert würden.» Allein in den USA legten die Börsen als Reaktion an diesem Tag 740 Milliarden Dollar an Wert zu. Denn viele Kommentatoren lasen aus den sibyllinischen Worten massive Zinssenkungen heraus.

Conundrum statt «ich bin ratlos»

Mitunter sagen Notenbank-Direktoren auch in vielen Worten, dass sie eigentlich nicht wissen, wohin die Entwicklung geht. So beschreibt es zumindest Privatebankier Konrad Hummler im jüngsten seiner legendären Anlagekommentare. Als Greenspan 2005 beispielsweise vor einer seltsamen Konstellation im Zinsgefüge stand, sprach er von einem «Conundrum». Darunter versteht man eine logisch hergeleitete Widersprüchlichkeit, die sich einer einfachen Auflösung entzieht. Greenspan hätte demzufolge auch sagen können, er sei ratlos. Aber das wäre für die Finanzmärkte und seinen Ruf zu nachteilig gewesen.

Hummler weist darauf hin, dass die damalige Zinskonstellation den Grundstein für die Finanzkrise legte. Im Moment stehen die Notenbanken wieder vor einem vergleichbaren Rätsel, schreibt Hummler: «Die kräftig gestiegenen Aktienkurse suggerieren ein Ende der Rezession und einen happigen Aufschwung, während die Obligationenmärkte ganz andere Signale aussenden.»

Worte ohne Taten

Auch Greenspans-Nachfolger Ben Bernanke pflegt die Tradition der unklaren Statements: Immer wieder betont Bernanke in jüngster Zeit, er wolle einen starken Dollar. Mit entsprechenden Taten hat es der oberste Dollarhüter allerdings nicht eilig – im Gegenteil: Bernanke will die Nullzinspolitik des Fed beibehalten, bis sich die US-Wirtschaft wieder vollends erholt hat. Sind die Zinsen in einem Land tief, fliessen Gelder in andere Regionen mit attraktiveren Verzinsungen und die Währung des Tiefzinslandes leidet.

Auch die Schweizer könnnen's

Was die Amerikaner können, dass kann auch die Schweizer Nationalbank (SNB). Beispielsweise mit Erklärungen zur Einschätzung des Schweizer Frankens und der Notwendigkeit einzugreifen: So war ein Referat von Vizedirektor Philipp Hildebrand zu Jahresbeginn nur so zu deuten, dass eine Intervention der SNB, um eine weitere Frankenaufwertung zu verhindern, kurz bevorstehe. Einen Tag später meinte Jean-Pierre Roth, Chef des Direktoriums, jedoch, dass die Notenbank zufrieden sei mit dem komfortablen Niveau des Frankens.

Diese gegensätzlichen Meinungen sorgen dafür, dass sich der Markt nicht zu sicher fühlt und nicht alle in die gleiche Richtung spekulieren. Denn dies hätte auch zur Folge, dass die Massnahmen der SNB kaum Wirkung zeigen würden. Mit anderen Worten: Indem sie andauernd Unsicherheiten schüren, verhindern Notenbanken den Kollaps der Marktsysteme.

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