Verdacht auf Scheinehe: «Wie oft haben Sie Sex? Wann das letzte Mal?»
Aktualisiert

Verdacht auf Scheinehe«Wie oft haben Sie Sex? Wann das letzte Mal?»

Um eine Scheinehe aufzudecken, hat der Staat verschiedene Methoden. Eine davon ist die Befragung der Eheleute. Wie diese abläuft, weiss Reporterin Qendresa Llugiqi aus eigener Erfahrung.

von
Qendresa Llugiqi
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Den wahren Grund, warum wir befragt worden sind, kennen wir beide bis heute nicht. War unsere Wohnung zu klein für zwei Personen? Lag es daran, dass mein Mann (27) bereits verheiratet war und wir noch während dem Scheidungsprozess zusammenkamen? Hat sich jemand bei der Behörde gemeldet, der uns nicht zusammen sehen wollte oder sonst aus irgendwelchen Gründen unsere Beziehung anzweifelte?

Solche Fragen kamen auf, als die Einladung der Polizei nach unserer Eheschliessung ins Haus flatterte. Schon beim Durchlesen zog sich mein Magen zusammen. Obwohl man weiss, dass man sich aufrichtig liebt, jahrelang befreundet war, bevor man eine Beziehung einging, und zusammen durch gute und schlechte Zeiten gegangen ist, fühlt man sich durch den Unterton des Briefes in eine Ecke gedrängt – zusammen mit wahren Verbrechern.

Etwas Gutes hatte der Brief dennoch: Wir wussten endlich, warum die Aufenthaltsbewilligung meines Mannes nicht so rasch erneuert wurde wie sonst.

Tausend Gedanken

Die Befragung fand kurze Zeit später statt. Eine junge Polizistin führte sie durch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie uns schon vom Moment der Begrüssung an genau unter die Lupe nahm. Mein Partner wurde als Erster zur Befragung gebeten.

Allein zurückgelassen, dachte ich an all die Dinge, die er und ich zusammen bis dahin erlebt hatten. Augenblicke des grossen Glücks, Momente der tiefen Trauer. Wir haben alles zusammen überstanden. Und obwohl ich wusste, dass unsere Liebe echt ist, hatte ich Angst. Immer wieder ging mir durch den Kopf: «Eine Einzelperson wird über unser Schicksal entscheiden. Was, wenn sie uns nicht richtig einschätzen kann?»

Fragen über Fragen

Dreieinhalb Stunden musste ich mit all meinen Gedanken draussen allein zurechtkommen. Als mein Mann dann endlich heraustrat, wirkte er müde. Als er mich erblickte, strahlte er. Doch irgendwie lenkte die Polizistin, die ihm auf Schritt und Tritt folgte, meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich hatte das Gefühl, dass sie nur zwischen uns stehen blieb, damit wir uns nicht austauschen konnten.

Dann war ich dran. Ich durfte gegenüber der Polizistin Platz nehmen, und während sie etwas auf ihrem Laptop vorbereitete, erklärte sie mir, dass das Migrationsamt des Kanton St. Gallen sie beauftragt habe, uns zu überprüfen. Dafür musste sie mir einige Fragen stellen. Ich mag mich nicht an alle erinnern, aber ich weiss noch, dass es rund 130 Fragen waren (eine Auswahl ist in der Bildstrecke festgehalten) und ich vier Stunden lang mit ihr zusammen sass. Von kleinen Details bis zu höchst intimen Informationen: Ich musste alles mit ihr teilen.

Eine Wildfremde erfährt alles über mich

Einige Fragen hatten es in sich: «Wie oft haben Sie Sex? Wann das letzte Mal?» oder «Wie schlafen Sie / Wie schläft Ihr Ehepartner?» Meine Freunde wissen, dass ich ein ziemlich offener Mensch bin. Mit ihnen spreche ich über alles – auch über Sex. Aber einer Wildfremden solche Details verraten? Ein seltsames Gefühl. Ich fühlte, wie meine Backen heiss wurden. Auch die Frage, wie ich schlafe, liess mich rot werden. Denn ich konnte mir vorstellen, was mein Mann geantwortet hat. Peinlich, peinlich.

Irgendwie überlebte ich die Befragung. Zum Schluss durfte ich mir alle Dokumente noch einmal anschauen und musste sie unterschreiben. Die Beamtin meinte noch: «Viele Fragen hätte ich selbst nicht beantworten können. Ich glaube nicht, dass Sie und Ihr Partner sich Sorgen machen müssen, denn Sie haben ziemlich ähnlich geantwortet.» Als ich rauslief, wollte ich nur noch in die Arme meines Mannes genommen werden und nie wieder eine Menschenseele sehen, so erledigt war ich.

Mein Mann und ich haben nie wieder etwas von der Polizei gehört. Nach dem Gespräch wurde seine Aufenthaltsbewilligung rasch erneuert.

Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bei Scheinehen

Wem eine Scheinehe nachgewiesen wird, der muss mit Konsequenzen rechnen. «Bei Erhärtung des Verdachts auf eine Scheinehe und Vorliegens der notwendigen Beweismittel verfügt das Migrationsamt des Kantons Zürich einen Widerruf der entsprechenden ausländerrechtlichen Bewilligung und weist die Person(en) aus der Schweiz weg», erklärt Patrice Robert, Stellvertretender Kommunikationsbeauftragter des Migrationsamtes des Kantons Zürich. Gleichzeitig werde Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich wegen Täuschung der Behörden erstattet.

Laut Robert kann man zu einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe verurteilt werden. Wer mit unrechtmässiger Bereicherungsabsicht oder für eine Vereinigung oder Gruppe handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung dieser Tat zusammengefunden hat, kann sogar zu einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe verurteilt werden.

«Scheinehen können nicht direkt bewiesen werden»

Laut Patrice Robert, Stellvertretender Kommunikationsbeauftragter des Migrationsamtes des Kantons Zürich, lassen sich Scheinehen nicht direkt beweisen, aber es gibt Indizien. Diese können etwa darin bestehen,

- dass dem Ausländer die Wegweisung drohte

- dass er ohne Heirat keine Aufenthaltsbewilligung erhalten hätte

- die Umstände der Heirat

- die kurze Dauer der Bekanntschaft

- mangelhafte Kenntnisse der familiären Verhältnisse des Partners

- ein grosser Altersunterschied zwischen den Ehegatten

- sowie die Tatsache, dass die anwesenheitsberechtigte Person zu einer sozialen Randgruppe gehört, aus der häufig Partner für Scheinehen stammen (Anmerkung der Redaktion: etwa Sozialhilfebezüger).

Laut Robert kann eine Scheinehe anhand verschiedener Methoden aufgedeckt werden. Beispielsweise durch Befragungen der Beteiligten und von Auskunftspersonen, Ermittlungsaufträge an die Polizei, Beizug von Amtsberichten und Urkunden oder einen Augenschein.

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