Skandal, Skandal: Wie Politiker zu Fall gebracht werden
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Skandal, SkandalWie Politiker zu Fall gebracht werden

Der Zürcher SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger strauchelte über eine Geschichte, die nichts mit Politik zu tun hat. Er ist nicht der erste aussichtsreiche Bundesratskandidat, dem das passiert.

von
Simon Hehli

Es ist die Hochsaison der Wühlmäuse: Vor Bundesratswahlen graben sie sich tief in die berufliche und private Vergangenheit der Kandidaten – und bringen nicht selten Erstaunliches ans Tageslicht. Das muss jetzt Bruno Zuppiger schmerzlich erfahren: Er soll sich jahrelang aus einer Erbschaft bedient haben, wie die «Weltwoche» berichtet. Diese Enthüllung hat den Kandidaten Zuppiger nun zu Fall gebracht.

Im Gegensatz zu den USA, wo bereits die Kandidatenküren der Demokraten und Republikaner jeweils zu Schlammschlachten ausarten, verlaufen die Schweizer Bundesratswahlen meistens gesittet. Doch manchmal fahren politische Gegner die grossen Geschütze auf, um unliebsame Kandidaten zu loszuwerden.

Nacktbild von Kandidatin Brunner tauchte nie auf

Besonders fies waren 1993 die Angriffe auf Christiane Brunner. Die Genferin sollte als erste Sozialdemokratin in den Bundesrat einziehen. Doch dann wurde der angeblich liederliche Lebenswandel der Geschiedenen zum grossen Thema. In einem Schreiben drohten anonyme Kreise mit der Veröffentlichung eines Nacktfotos Brunners. Und warfen ihr vor, sie habe in den 80er-Jahren eine – damals noch illegale – Abtreibung vorgenommen.

Brunner wehrte sich juristisch gegen die Anwürfe, das Nacktbild tauchte nie auf. Doch der politische Schaden liess sich nicht mehr beheben: Die Bundesversammlung wählte anstelle von Brunner ihren Parteikollegen Francis Matthey, der auf Druck der SP letztlich Ruth Dreifuss Platz machte. «Auch wenn sich Anschuldigungen im Nachhinein als falsch erweisen, können sie an Politikern hängen bleiben und ihren Ruf ramponieren», sagt der St. Galler Politologe Silvano Moeckli.

Steineggers wilde Ehe kostete Stimmen

Die Liste von prominenten Politikern, die auch aufgrund «pikanter» ausserpolitischer Aktivitäten den Sprung in den Bundesrat nicht schafften, ist lang. Der spätere FDP-Präsident Franz Steinegger lebte 1989 in sogenannt wilder Ehe mit seiner ehemaligen Anwaltspraktikantin. Geschieden war er noch nicht. «Deshalb verlor ich Stimmen», sagte Steinegger im Rückblick. Er unterlag im Rennen um die Nachfolge von Elisabeth Kopp gegen Kaspar Villiger.

Der diesen Herbst zurückgetretene Bündner SVP-Ständerat Christoffel Brändli verscherzte sich seine Bundesrats-Chancen im wahrsten Sinne des Wortes: In einer Männerrunde machte er sich in den 90er-Jahren über die Figur von Bundesrätin Dreifuss lustig. Die SP-Frau hatte bei der Wiederwahl ein schlechtes Ergebnis erzielt, weshalb Brändli kalauerte: «Man nennt sie in Bern jetzt Reziprökli: weniger Stimmen, mehr Gewicht!»

Der Spruch kostete Brändli die Unterstützung vieler Frauen im Parlament, so dass es der ursprüngliche Favorit im Jahr 2000 nicht aufs Kandidatenticket der SVP schaffte. Dazu trug auch seine Rolle bei der Bündner Olympia-Kandidatur bei: Brändli hatte seine Tätigkeit gegen aussen als ehrenamtlich verkauft, obwohl er dafür mehrere Zehntausend Franken kassierte. «Mit Heckenschützen muss man leben», kommentierte Brändli die Vorwürfe gegen ihn.

Vorwurf im dümmsten Moment

1995 galt der Glarner Sozialdemokrat Werner Marti als heisser Anwärter auf die Nachfolge von Otto Stich. Im dümmsten Moment – ähnlich wie jetzt bei Zuppiger – sah sich Rechtsanwalt Marti mit dem Vorwurf der Veruntreuung konfrontiert. Sein früherer Kanzlei-Partner erklärte öffentlich, Marti habe 1987 bei seinem Ausscheiden aus der Kanzlei mehr als 200 laufende Rechtsfälle mitgenommen und die Honorare dafür eingestrichen. Marti einigte sich schliesslich aussergerichtlich mit dem Ex-Partner und wurde auch vor Gericht freigesprochen. Doch in den Bundesrat schaffte es Moritz Leuenberger – nicht der Glarner.

1987 musste der Genfer Sozialdemokrat Christian Grobet in der parteiinternen Nomination René Felber den Vortritt lassen – auch weil er mit einer Jugendstrafe einen Tolggen im Reinheft vorwies. Als «Mutprobe» hatte Grobet in seiner Gymnasiumszeit zusammen mit Kollegen Nobelwohnungen, Autos und Läden ausgeräumt.

Ein aktuelles Beispiel ist der Zuger SVP-Regierungsrat Heinz Tännler. Linke Kreise versuchten, ihm einen Strick daraus zu drehen, dass er von 2004 bis 2007 Direktor der Fifa-Rechtsabteilung gewesen war. Der Fussballverband sei «bekanntlich in Sachen Korruption nicht über jeden Verdacht erhaben», schrieb der abgewählte grüne Nationalrat Jo Lang in einem offenen Brief ans Parlament. Die Wahl eines «ehemaligen Fifa-Kopfes in den Bundesrat» sei deshalb mit Risiken verbunden. Die SVP-Fraktion entschied sich für Zuppiger.

Der aktuelle Angriff auf Zuppiger ist nicht das erste Mal, dass die «Weltwoche» in die Bundesratswahlen eingreift. Im Juli 2010 warf das Blatt der SP-Kandidatin Jacqueline Fehr eine Schein-Trennung aus karrieretechnischen Gründen vor. Ihr Mann Maurice Pedergnana hätte als Banker zu einer Hypothek für die linke SP-Frau werden können, insinuierte die «Weltwoche». Gewählt wurde Simonetta Sommaruga. Darauf hatte die «Weltwoche»-Geschichte keinen Einfluss mehr. Im «Fall Zuppiger» sieht das jetzt ganz anders aus.

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