Falsche Twitterer: Wie Propaganda-Bots die Welt beeinflussen
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Falsche TwittererWie Propaganda-Bots die Welt beeinflussen

Programmierte Roboter posten propagandistische Aussagen online. So manipulieren sie die US-Wahlen, aber auch die Flüchtlingsdebatte in der Schweiz.

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Hinter rund 20 Prozent der Twitter-Nutzer stecken Roboter, die programmiert wurden, propagandistische Aussagen zu posten. Damit beeinflussen sie das Weltgeschehen.

Hinter rund 20 Prozent der Twitter-Nutzer stecken Roboter, die programmiert wurden, propagandistische Aussagen zu posten. Damit beeinflussen sie das Weltgeschehen.

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Social Bots – Roboter also, die im Auftrag von Firmen, Interessengruppen und auch Terrororganisationen Tweets veröffentlichen – verbreiten sich derzeit rasant. Der deutsche Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt zur «SonntagsZeitung»: «Die sozialen Netzwerke werden von Bots regelrecht unterwandert.»

Sein Job ist es, solche Roboter zu analysieren und zu jagen – eine schwierige Aufabe. Denn bei gewissen Tweets ist nicht klar, ob es sich um eine Aussage eines echten Menschen oder eben eines Bots handelt. Ein Beispiel: «Es gibt keine andere Lösungen als die Wiederherstellung unserer Grenze durch Zäune. Alles andere ist Lavendel.»

Roboter folgen Trump und Clinton

Das Problem liegt darin, dass Roboter die Verhaltensmuster von Menschen immer besser kopieren. Nebst Aussagen mit klaren politischen und propagandistischen Meinungen posten sie auch belanglose Fotos auf Facebook oder retweeten Nachrichten auf Twitter.

Hinter wie vielen Nutzern in Wahrheit Roboter stecken, ist nicht klar. Schätzungen gehen von rund 20 Prozent aus. 39 Prozent der Follower von Donald Trump sollen laut US-Forschern gefälscht sein, 41 Prozent sind es sogar im Fall von Hillary Clinton.

Bots können die Demokratie gefährden

Doch auch in der Schweiz machen Bots in sozialen Netzwerken Werbung für Politiker. Hegelich hat für die «SonntagsZeitung» die Twitter-Profile der vier grossen Schweizer Parteien unter die Lupe genommen. Demnach sind zwischen 15 und 40 Prozent aller Follower Bots oder inaktive User. Der SP folgen laut den Resultaten Hegelichs am meisten Roboter.

Dass programmierte Aussagen wie «die arabischen Männer sind keine Flüchtlinge, sondern Eindringliche» verstörend sind, weil sie erstens rassistisch und zweitens von einer Maschine stammen, liegt auf der Hand. Doch Forscher der Indiana Universtity gehen noch einen Schritt weiter: In einem Fachartikel, den sie 2015 veröffentlichten, kommen sie zum Schluss, dass Bots sogar die Demokratie gefährden, in Notsituationen Panik auslösen und die Börse beeinflussen können.

15'000 Bots bereits entlarvt

Genau wie Menschen können auch Bots Nachrichten erfinden, online stellen und weiterverbreiten. Je öfter diese Tweets oder Post angeklickt und geteilt werden, desto grösser wird ihre Glaubwürdigkeit und desto grösser auch ihre Macht. Menschen beginnen sich danach zu richten. Weiter kommt dazu, dass sich auch Analysten und Meinungsforscher auf Aussagen im Netz stützen, um Trends festzustellen. Gefälschte Aussagen von Bots verzerren diese und vermitteln ein falsches Bild.

Hegelich leitet an der Uni Siegen das Projekt «Social Media Forensic» und hat mit seinem Team eine Methode entwickelt, um die Maschinen zu entlarven. Dank eines Algorithmus können die Profilbilder der potenziellen Bots analysiert werden.

Sobald klar wird, das mehrere Profilbilder aus derselben Bilddatenbank stammen, deutet dies auf einen Bot hin. Denn die meisten Maschinen klauen sich ihre Profilbilder irgendwo im Internet zusammen. Bereits 15'000 Bots konnte Hegelich auf diese Weise auffliegen lassen.

Flüchtlingsdebatte wird manipuliert

Bei seinen Analysen hat der Deutsche auch herausgefunden, in welchen Ländern welche Themen von Robotern gepusht werden. In Deutschland versuchen sie beispielsweise die Flüchtlingsdebatte zu beeinflussen. «Es muss davon ausgegangen werden, dass auch in der Schweiz Bots in die politische Debatte im Netz eingreifen und sie verfälschen», sagt Hegelich.

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