Schuldendebakel: Wie Rating-Agenturen Staaten ruinieren
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SchuldendebakelWie Rating-Agenturen Staaten ruinieren

Mächtige Rating-Agenturen haben einen grossen Anteil an der Finanzkrise. Ihre Beurteilungen waren auch früher schon oft sehr umstritten.

von
Sandro Spaeth

Wenn die grossen Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's laut über die Bonität einzelner Staaten nachdenken, schaut die Finanzwelt gebannt nach New York, wo die beiden Giganten ihre Sitze haben. So auch am Montagabend, als Moody's über eine mögliche Herabstufung der Kreditwürdigkeit der hochverschuldeten EU-Staaten Portugal und Griechenland informierte. Prompt reagierten die Märkte und der Euro verlor einen Tag nach der gigantischen Rettungsaktion gegenüber dem Dollar bereits wieder an Wert.

Moody's überprüft während den kommenden drei Wochen, Portugal auf «A1» zurückzustufen. Noch schlimmer steht es um die Griechen: Ihre Anleihen dürften bald Ramsch-Niveau erreichen. Bei der Beurteilung schätzt Moody's die Fähigkeit und den Willen von Regierungen ein, ihren Schuldverpflichtungen während den nächsten fünf Jahren nachzukommen.

Agenturen spielen Schicksal

Die Einschätzungen der Ratingagenturen sind jedoch umstritten. Als Standard & Poor's Anfang Monat die Kreditwürdigkeit Griechenlands senkte, musste die Agentur viel Kritik einstecken. In einer Schuldenkrise kommt den Beurteilenden eine entscheidende Rolle zu, denn sie bestimmen den weiteren Verlauf der Krise mit. Grund: Senkt die Agentur eine Beurteilung dramatisch, reagiert selbst der Aktienmarkt. Dabei kann ein Rating auch über das Schicksal eines Landes entscheiden: Je mehr die Bonität eines Schuldners zurückgestuft wird, desto teurer wird für den angeschlagenen Staat die Kapitalbeschaffung – die Lage wird noch erdrückender.

Sogar bekannte Ökonomen bezweifelten unlängst den Wert der Ratings und der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) regte an, die Urteile nicht zu ernst zu nehmen. Dass es Standard & Poors's, Fitch und Moody's trotz der Kritik braucht, ist für den Rating-Experten und Buchautor Dr. Oliver Everling klar: «In globalisierten Finanzmärkten mit vielen internationalen Emittenten ist es für Anleger unmöglich, jeden Anleiheschuldner zu kennen», sagte er gegenüber 20 Minuten Online. Gäbe es keine Ratinganturen, müsste man sie erfinden, denn dank ihnen könnten Anleger die Risiken vergleichen.

Big Apple macht die Meinung

Ein Problem sieht Everling aber in der dominanten Stellung der drei tonangebenden Agenturen und steht deshalb seit 20 Jahren für die Schaffung europäischer Agenturen ein. Der Grund: Die Prognosen von Moody's & Co. sind so mächtig, dass sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. «Leider wird die Gefahr eines Meinungsmonopols aus nur drei Ratingagenturen von Politik und Wirtschaft unterschätzt», so Everling. Auch von den europäischen Ablegern der drei grossen Agenturen hält Everling nichts: «Die Ratings werden vom Big Apple aus über den Atlantik gefunkt.»

Auch die 2007 ausgebrochene Hypothekenkrise (Subprime) wirft ein schiefes Licht auf die Ratingagenturen. Sie berieten gegen Entgelt Kunden, damit diese für ihre Anlageprodukte mit verbrieften Hypotheken gute Ratings erhielten. Dabei erteilten die Agenturen selbst dann noch gute Noten, als die Probleme des US-Hypothekenmarkts längst bekannt waren. Haben die Agenturen ihre Qualität seit der Subprime-Krise nun verbessert? Experte Everling meint ja: «Damals wurden neue Finanzinstrumente mit neuen mathematischen Modellen von neu eingestellten Analysten im Schnellverfahren beurteilt.» Zudem sei die Basis für die Beurteilungen von Banken manipuliertes Datenmaterial gewesen.

Mittellose müssen zahlen

Trotz der vom Experten attestierten Verbesserungen ist die Arbeit der Ratingagenturen auch heute nicht über alle Zweifel erhaben. Grund: Die schwächeren Länder müssen den US-Ratingagenturen für ihre Arbeit viel Geld bezahlen. Ihnen bleibt aber nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beissen, denn ohne Rating würde auch das letzte Türchen zum Kapitalmarkt geschlossen. Everling: «Die USA oder Deutschland haben es mit ihren AAA-Ratings hingegen nicht nötig, den Agenturen etwas zu bezahlen.»

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