Experten ordnen ein: Wie realistisch ist die «No-Covid»-Strategie?
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Experten ordnen einWie realistisch ist die «No-Covid»-Strategie?

Eine neue Bewegung fordert einen monatelangen Lockdown. Ein Infektiologe, eine Psychologin und ein Ökonom erklären, wo die Probleme liegen.

von
Leo Hurni
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Ist das die Lösung für die Pandemie? Die «No-Covid» Strategie fordert, dass die täglichen Fallzahlen sozusagen auf Null sinken sollen. Erreicht werden soll das mit harten Massnahmen.

Ist das die Lösung für die Pandemie? Die «No-Covid» Strategie fordert, dass die täglichen Fallzahlen sozusagen auf Null sinken sollen. Erreicht werden soll das mit harten Massnahmen.

20min/Sandro Spaeth
So soll das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt werden. Das Haus verlassen dürfte nur, wer einen triftigen Grund dazu hat.

So soll das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt werden. Das Haus verlassen dürfte nur, wer einen triftigen Grund dazu hat.

Tamedia AG
Vorteil der ganzen Sache: Hat eine Region vier Wochen lang keine Corona-Fälle mehr, wird sie zur grünen Zone. Dort gibt es dann keine Beschränkungen und das alltägliche Leben kann normal stattfinden. 

Vorteil der ganzen Sache: Hat eine Region vier Wochen lang keine Corona-Fälle mehr, wird sie zur grünen Zone. Dort gibt es dann keine Beschränkungen und das alltägliche Leben kann normal stattfinden.

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Darum gehts

  • Verfechter der «No-Covid»-Strategie wollen die Pandemie mittels harten Massnahmen beenden.

  • Auch in der Schweiz gibt es Unterstützer dieser Strategie.

  • Ein Infektiologe, ein Wirtschaftler und eine Psychologin sagen, wo die Knackpunkte bei der Umsetzung liegen.

Kein Ausgang, keine Restaurantbesuche, keine private Treffen – und das monatelang. Geht es nach den Vertretern der «No-Covid» Strategie, soll dies schon bald Realität werden. Sie fordern, dass es erst wieder Massnahmen-Lockerungen gibt, bis die Fallzahlen mehrere Wochen lang auf einem sehr tiefen Niveau verharren. «Der Verzicht soll mit etwas belohnt werden, was uns zur Zeit fehlt: Einem Ziel» sagt der Schweizer «No-Covid»-Unterstützer Simon Gehren dazu.

Das sagt der Infektiologe

«Aus infektiologischer Sicht sei eine Strategie ‹mit Coronavirus›, wie es viele europäische Länder machen, allerdings realistischer als die ‹No-Covid›-Strategie», erklärt Infektiologe Philippe Eggimann vom Universitätsspital Lausanne . Er räumt aber ein: «Man muss sehen, dass gewisse Länder wie Australien, China oder Taiwan die Corona-freie Strategie erfolgreich verfolgt haben. Das ermöglicht ihnen, jetzt praktisch ohne Einschränkungen zu leben.» In europäischen Ländern sehe man hingegen, dass die Strategie «Leben mit Covid» die Wellen der Pandemie nicht wirksam verhindere oder kontrolliere.

Problem der «No-Covid»-Strategie sei aber, dass sie die Pandemie nicht unter Kontrolle bringe, wenn sie nicht von allen Ländern der Welt angewendet werde. «Die Geschichte der letzten Jahrtausende legt nahe, dass dieses ehrgeizige Ziel nicht erreichbar ist. Die Strategie ‹Leben mit Coronavirus› ist ebenfalls ungewiss, aber wahrscheinlich realistischer.» Denn Mutationen im Virus könnten die Wirksamkeit der Immunisierung durch Infektionen oder Impfung einschränken. «Es kann deshalb notwendig sein, die gesamte Bevölkerung regelmässig gegen neu auftretende Coronavirus-Stämme zu impfen, ähnlich wie wir es mit der Grippe tun.»

Das sagt der Ökonom

Gesundheitsökonom Willy Oggier sieht die Umsetzung der No-Covid-Strategie ebenfalls kritisch. «Natürlich klingt die Idee interessant, wenn damit die Pandemie auch wirklich besiegt werden könnte. Rein finanziell wäre dies dann wohl machbar, aber dies ist gerade nicht gesichert. Ausserdem ergeben sich mehrere Probleme», ist Oggier überzeugt.

Zum einen sei die Schweiz und auch insbesondere der Gesundheitssektor auf Grenzgänger angewiesen. Alleine im Tessin habe man mehrere tausend Grenzgänger, die in den Schweizer Spitäler arbeiten. Eine hundertprozentige Abschottung sei also schwer durchsetzbar. Zudem glaubt Oggier nicht, dass die Leute bereit dazu wären, jetzt mehrere Monate in den Lockdown zu gehen. Ein wichtiger Anhaltspunkt für die anfallenden volkswirtschaftlichen Kosten sei zudem, wie viele erwerbsfähige Leute von einem schweren Krankheitsverlauf betroffen seien. «Je jünger diese Leute sind, desto mehr lohnt es sich rein ökonomisch betrachtet, die Pandemie schnellstmöglich zu beenden. Denn junge Leute haben mehr Erwerbsjahre vor sich.» Schwere Verläufe bei jüngeren Menschen gelte es daher im Auge zu behalten.

Das sagt die Psychologin

«Wir sehen bereits jetzt, dass psychische Probleme teilweise stark zugenommen haben. Bei einem längeren Lockdown wäre zu erwarten, dass das weiter ansteigt, wenn nicht gleichzeitig für die besonders belasteten Menschen mit gezielten Massnahmen gegengesteuert würde», sagt Urte Scholz, Gesundheitspsychologin an der Universität Zürich. Dass mit der «No-Covid» Strategie ein klares Ziel präsentiert wird, sei aus psychologischer Sicht hilfreich. «Es hilft, wenn die Massnahmen klar, nachvollziehbar und möglichst einheitlich kommuniziert werden. Dazu gehört es, die Etappenziele und das Endziel darzulegen und die Notwendigkeit der dazu erforderlichen Massnahmen gut und verständlich zu erklären.»

Gewisse Gruppen würden unter den harten Massnahmen allerdings mehr leiden als andere. Das seien vor allem Kinder und Jugendliche, sozial schwächere Menschen, Frauen, Menschen, die bereits vor der Pandemie mit psychischen Problemen zu tun hatten und nicht zuletzt alle Berufsgruppen, die aufgrund der anhaltenden Massnahmen um ihre Existenz kämpften. «Bei einem mehrmonatigen Lockdown würden sich die vorhandenen Probleme und Belastungen weiter verschlimmern, sofern nicht entsprechende Unterstützungsangebote für die verschiedenen Zielgruppen hochgefahren würden.»

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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