Aktualisiert 03.04.2014 12:05

ExpertenstreitWie schlimm steht es um Menschen in Fukushima?

Der Atomunfall von Fukushima in Japan hat nach UNO-Einschätzung das Krebsrisiko für die Bevölkerung nicht erhöht. Andere Experten behaupten das Gegenteil.

von
fee

Die Reaktion nach dem Atomunfall in Japan hat die Bevölkerung vor Schlimmerem bewahrt. Zu diesem Ergebnis kommt das UNO-Komitee für die Folgen von Strahlung (UNSCEAR) in seinem am Mittwoch veröffentlichten Abschlussbericht (als PDF hier herunterladbar).

Entscheidend ist nach UNO-Angaben die schnelle Evakuierung der Region rund um das havarierte Atomkraftwerk gewesen. «Ohne die Massnahme wäre die Dosis für die Bevölkerung zehnfach höher gewesen», sagte der Vorsitzende des Komitees, Wolfgang Weiss, in Wien.

Fukushima – jetzt wirds richtig gefährlich

Es gibt auch Ausnahmen

80 Experten aus 18 Ländern hatten das Risiko für Schilddrüsenkrebs, Brustkrebs, Leukämie und Geburtsmissbildungen untersucht. Bei der Katastrophe im März 2011 war nach einem Tsunami das Atomkraftwerk Fukushima ausser Kontrolle geraten.

«Die Menschen sind zu Recht beunruhigt über mögliche Gesundheitsfolgen für sich und ihre Kinder», sagte UNSCEAR-Chef Carl-Magnus Larsson. Die Daten und Einschätzungen liessen jedoch keinen signifikanten Anstieg der Krebsrate erwarten. Ausnahme sei eine Gruppe von Kindern, die grösserer Strahlung ausgesetzt gewesen sei. Unter diesen etwa 1000 Kindern sei die Gefahr von Schilddrüsenkrebs in Einzelfällen «theoretisch» erhöht.

Bruchteil der Strahlendosis von Tschernobyl

Bis im Sommer 2013 sind nach Angaben des Berichts die Schilddrüsen von 175'000 Kindern aus der Region um Fukushima untersucht worden. Zwar seien in 40 Prozent der Fälle Zysten entdeckt worden. Angesichts einer gleich hohen Rate von Veränderungen bei Kindern, die in ganz anderen Gebieten leben, sei das Ergebnis jedoch nicht alarmierend.

Die Experten betonten erneut, die Strahlendosis habe nur einen Bruchteil der Menge des Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986 betragen. Darüber hinaus habe ein Verbot des Verkaufs bestimmter Lebensmittel wenige Tage nach dem Unglück dazu beigetragen, die Strahlenbelastung zu minimieren.

Kritik von Greenpeace

Die Umweltorganisation Greenpeace reagierte mit grosser Skepsis auf den Bericht und sprach von «Vertuschung». «Auch eine geringe Erhöhung der Radioaktivität hat gesundheitliche Folgen», sagte Heinz Smital, Fukushima-Experte von Greenpeace.

Die Benutzung von Wirksamkeitsgrenzwerten sei überholt, sagte Smital. «Es ist eine Verharmlosung, die den Menschen nicht weiterhilft.» Die Räumung des Gebiets um das Kraftwerk sei teils zu spät erfolgt.

Auch die Ärzteorganisation IPPNW geht von mehreren Zehntausend zusätzlichen Krebserkrankungen aus. «Wie damals nach der atomaren Katastrophe von Tschernobyl werden die Risiken für die Menschen in den kontaminierten Gebieten vertuscht, verharmlost und verschwiegen», sagte der stellvertretende Vorsitzende Alex Rosen.

Auch die UNSCEAR räumte ein, dass jenseits der statistisch erkennbaren Entwicklung in Einzelfällen eine Krebsgefahr nicht auszuschliessen sei, hiess es. «Wir haben nie gesagt, es besteht ein Nullrisiko», sagte Weiss.

Psychische Leiden

Nach Einschätzung der Wissenschaftler leiden die Menschen in Japan psychisch und sozial etwa unter der Evakuierung oder einer Stigmatisierung. Der Einfluss des Unglücks auf die Gesundheit beschränke sich nicht auf Strahlenfolgen, betonte Larsson. Im Bericht wird daran erinnert, dass während der Räumung des Gebiets 50 Spitalpatienten gestorben waren.

Die Experten haben auch die Folgen für die Natur in einem Umkreis von 100 Kilometern zu Land und 30 Kilometern im Meer unter die Lupe genommen. Langfristig sind demnach keine Veränderungen des Ökosystems zu befürchten.

Die Autoren schränken aber ein, dass der Effekt von radioaktivem Grundwasser, das immer noch ins Meer sickere, weitere Studien benötige. «Es gibt noch viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen», sagte Larsson.

(fee/sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.