Entwicklungsprojekt: Wie Schweizer Ziegen-Sperma Nordkorea hilft

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EntwicklungsprojektWie Schweizer Ziegen-Sperma Nordkorea hilft

Die Schweiz hat sich in Nordkorea mit Entwicklungsprojekten viel Respekt verschafft. Die Bevölkerung isst plötzlich Ziegenfleisch und Kartoffeln. Dennoch wird das Programm gekürzt.

von
Antonio Fumagalli
Nordkoreanische Kinder in einer Tagesschule. Essen sie gar Kartoffeln, die von der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert wurden?

Nordkoreanische Kinder in einer Tagesschule. Essen sie gar Kartoffeln, die von der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert wurden?

Wenn Felix Abt durch Nordkorea reist, stechen ihm immer wieder die vielen «Schweizer» Ziegen ins Auge: «Früher sah man die weniger. Nun kann man vielerorts Geissenfleisch, -milch und -käse kaufen», sagt der äusserst landeskundige Geschäftsmann (siehe Box). Wie die Schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) auf Anfrage erklärt, wurden die Tiere zwar nicht lebendig ins Land gebracht, aber eine von ihr mandatierte Organisation kreuzte Anfang der Nullerjahre die lokal vorherrschende Rasse mit Samen von Schweizer Ziegen. Die «neuen Ziegen» haben sich offenbar prächtig fortgepflanzt. «Mittlerweile sind es über das ganze Land verteilt rund zwei Millionen. In den Köpfen vieler Leute werden sie wegen des Engagements des Bundes mit der Schweiz assoziiert», so Abt.

Die lokale Bevölkerung trinkt aber nicht nur vermehrt Geissenmilch, sie isst nun auch plötzlich Kartoffeln. «Die Pflanzen wurden mit Hilfe der Schweiz in den Neunzigerjahren eingeführt und die Produktion hat sich innerhalb weniger Jahre vervielfacht. In Nordkorea spricht man von einer eigentlichen ‹Kartoffelrevolution› », sagt Abt. Die Bevölkerung habe dadurch ihre Essgewohnheiten umgestellt und verzichte nun häufiger aufs Grundnahrungsmittel Reis.

Für Abt sind solche Landwirtschaftserzeugnisse «schöne Beispiele für erfolgreiche Entwicklungsprojekte der Schweiz». Anders als Hilfslieferungen in Form von Gütern ermögliche diese Art von Entwicklungszusammenarbeit nachhaltige Resultate, die von Bevölkerung und Regierung gleichermassen geschätzt würden. «Die Schweiz wird in Nordkorea sozusagen als Grossmacht wahrgenommen. Sie hat bei den Behörden ein hervorragendes Image», so Abt. Ein Trumpf, der gerade im Umgang mit einer unberechenbaren Machtgilde wie derjenigen von Pjöngjang von unschätzbarem Wert ist.

Budget wird gekürzt

Die Schweiz ist aber daran, diesen zumindest teilweise aus der Hand zu geben. In Einklang mit einem Bundesrats- und Parlamentsentscheid von 2008 hat das DEZA per 1. Januar dieses Jahres seine Aktivitäten in Nordkorea redimensioniert. Die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit wird aufgegeben, weitergeführt wird hingegen die humanitäre Hilfe. Das Budget wird jährlich um rund 2 Millionen Franken gekürzt.

Initiant der Motion, die letztlich den Teilrückzug der Schweiz aus Nordkorea in die Wege leitete, ist CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Er würde auch heute – gut fünf Jahre nach dem Einreichen des parlamentarischen Vorstosses – noch gleich handeln: Man müsse die Motion in Zusammenhang mit der Fokussierung der Entwicklungszusammenarbeit auf einige Schwerpunktländer sehen. Es bringe nichts, das Geld mit der Giesskanne zu verteilen, sagt der Zuger.

Effiziente Hilfe - oder doch nicht?

Pfister hatte im Jahr 2008 die Gelegenheit, Nordkorea einen Besuch abzustatten – allerdings auf einer geführten Tour. «Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass viele Projekte nicht viel bringen. Auf jeden Fall hatte ich nicht den Eindruck, dass das Schweizer Geld der lokalen Bevölkerung effizient zukommt», so Pfister. Nationalratskollege Christian Wasserfallen (FDP), auch er ein Nordkorea-Reisender, widerspricht – er bedauert den Teilrückzug der DEZA. «Für mich gilt das Grundprinzip ‹Hilfe zur Selbsthilfe›. Das darf auch mit den neuen Strukturen nicht in Frage gestellt werden», sagt der Berner gegenüber der japanischen Tageszeitung «Yomiuri».

Auch Felix Abt kann die Redimensionierung des DEZA-Engagements in Nordkorea nicht nachvollziehen. Die Kürzung des Budgets werde man zum Beispiel eindrücklich an Projekten wie der Pyongyang Business School, die er in Zusammenarbeit mit der DEZA ins Leben rief, merken. Sie bildete bewusst keine Studenten, sondern Unternehmensleiter, aus – was laut Abt «eindrückliche Effizienzsteigerungen» in den betroffenen Betrieben zur Folge hatte. Wegen des fehlendes Geldes – insbesondere auch von Seiten privater Unternehmen – kann sie im neuen Jahr nicht mehr weitergeführt werden, so der ehemalige Schuldirektor. «Hier hat ein Franken Schweizer Steuergeld mit Sicherheit mehr bewirkt als in anderen Entwicklungsländern.»

Sieben Jahre in Nordkorea

Felix Abt kennt das Nordkorea der letzten Jahre wie wohl kein anderer Schweizer: Von 2002 bis 2009 lebte der Geschäftsmann in Pjöngjang und leitete dort unter anderem die ABB-Vertretung und die Pyongyang Business School. «Ich kenne ein paar einflussreiche Leute bei den Behörden. Sie wussten, dass ich kein Spion bin, ich hatte also viel Handlungsspielraum», sagt der gebürtige Aargauer. Ein ausführliches Interview zu seinen Erfahrungen im abgeschotteten Land lesen Sie demnächst auf 20 Minuten Online. (fum)

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