Aktualisiert 16.05.2014 11:41

Fiese Checks und blaue Flecken

Wie schwierig ist eigentlich Roller Derby?

Sie geben sich furchteinflössende Namen wie Russian Roulette Babette und verteilen Checks – auf Rollschuhen. Wir haben getestet, wie es sich anfühlt, ein Rollergirl zu sein.

von
Alexandra Stäuble

20 Minuten zu Gast bei den Zürich City Rollergirlz. (Video Lorenz von Meiss und Roland Schäfli)

Da waren sie: Ela NoRegrets, Manta Attack oder Russian Roulette Babette und wie sie alle hiessen. Mit ihren zerrissenen Leggins oder Strümpfen, den farbigen Shorts, viele von ihnen mit Tattoos oder Piercings. Mein Outfit war sekundär, ich hatte mir etwas anderes in den Kopf gesetzt: Ich brauchte einen Namen, einen richtigen Kampfnamen. Einen coolen, starken, furchteinflössenden, mit dem ich die Gegnerinnen in Angst und Schrecken versetzen kann. Vorerst aber nur im Sitzen.

Denn erst mussten die Rollschuhe an meine Füsse. Und schon war sie wieder da: die Angst. «Das ist wie Velofahren. Das verlernt man auch nicht», versuchte mich meine Videocrew aufzubauen. Doch die beiden spürten nicht, was sich unter mir tat – die Hightech-Dinger setzten sich bereits in Bewegung, während ich noch sass. Ich machte mir die Schoner an Knie-, Ellbogen- und Handgelenken fest und dachte plötzlich nicht mehr an den coolen Namen, den ich vor einer Minute unbedingt haben wollte. Die wichtigste Frage war nun: Wie stehe ich auf, ohne dass ich mich gleich wieder hinlege? Das Glück war mit mir.

Bremsen? Hinlegen!

Während ich das Gleichgewicht suchte, kippte mein Oberkörper ständig nach hinten. «Wie stürze ich am besten?», lautete meine erste Frage an meinen Coach Russian Roulette Babette. «Am besten lässt du dich auf ein oder beide Knie fallen.» Gesagt, getan – und es tat nicht mal weh! Doch die sympathische Bernerin war nicht zufrieden: «Streck bloss nie mehr die Finger aus, wenn du mit den Händen den Boden berührst. Dann machst du nämlich zehn Liegestützen.» Warum? «Spätestens wenn dir ein vorbeifahrendes Rollergirl über die Finger fährt, weisst du es.» Autsch!

Nachdem wir auch das mit dem Bremsen – ich erachtete die Variante «hinlegen» als die für mich geeignetste – geklärt hatten, drehte ich die ersten Runden. Den Blick ständig nach hinten gerichtet, aus Angst, von heranbrausenden Rollergirls gecheckt zu werden. Ich hätte es ihnen nicht verübelt, schliesslich stellte ich ein Hindernis dar. Eigentlich hätte ich beim Training mitmachen sollen, doch davon war ich noch weit entfernt.

Blaue Flecken und Muskelkater

Jetzt kommt das, wovor ich wirklich Angst hatte: die Checks. Während ich beim Fahren mein Gleichgewicht zu halten versuchte, zeigte mir Babette, was erlaubt ist. Ich kann euch sagen: Das rumpelt ganz schön! Mit der Hüfte, mit den Schultern und mit dem ganzen Oberkörper erst recht. «Was würde passieren, wenn du mich wettkampfmässig checken würdest?», wollte ich wissen. Babette lachte herzhaft: «Dann würdest du jedes Mal da drüben liegen.» Dann bitte nicht. Ich wollte mir die Schmerzen für den «Ernstkampf» aufsparen. Nach dem Training war nämlich ein kurzes Spiel geplant – mit mir!

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Ich hatte Angst und sah mich am Morgen danach schon unter höllischen Schmerzen, mit blauen Flecken und Schürfungen aufwachen. Meine Rolle: Blockerin innerhalb des Packs. Meine Aufgabe: Die gegnerische «Jammerin» am Vorbeifahren hindern. Mein persönliches Ziel: stehen bleiben. Und dann kam sie angebraust. Ich versuchte mich, so gut es ging, an meinen Mitspielerinnen festzuhalten. Da ich aber das Bremsen nach wie vor nicht im Griff hatte, rollte ich stets davon und so klaffte neben mir meist eine Lücke.

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Keine Chance

Da es mir viel zu schnell ging, war die Gegnerin bereits an mir vorbei, ehe ich mir überlegen konnte, einen Check auszuführen. Was die Sache zudem erschwerte: Während meine Kolleginnen zu retten versuchten, was ich zuvor verbockt hatte, fand ich mich meist auf dem Hosenboden wieder. Immerhin erinnerte ich mich daran, die Finger einzuziehen. Nicht wegen der Liegestützen.

Am Ende machte ich mich mit zehn ganzen Fingern auf den Weg nach Hause. Obwohl der Muskelkater bereits im Anmarsch war und die Füsse schmerzten, war ich zufrieden. Ich hatte Spass am Rollschuhfahren, an den aufgestellten und netten Rollergirls und der schrillen Sportart, die in Zukunft hoffentlich noch viele Frauen begeistern wird. Ich bleibe vorerst beim Rollschuhfahren – ohne Checks. Wenn ihr Interesse habt, dann schaut bei den Zürich City

Rollergirlz rein. Es lohnt sich.

Am Samstag, , bestreiten die ihr drittes Heimspiel des Jahres. Diesmal kämpfen die Rollergirlz gegen die aus Frankfurt in der Sportanlage Fronwald in Affoltern. Um geht es los!

Am Samstag, , bestreiten die ihr drittes Heimspiel des Jahres. Diesmal kämpfen die Rollergirlz gegen die aus Frankfurt in der Sportanlage Fronwald in Affoltern. Um geht es los!

So funktioniert Roller Derby:

Es treten 2 Teams gegeneinander an. Von je 14 Spielern sind jeweils 5 auf der Bahn. Davon ist eine Spielerin die Punktemacherin – sie muss innerhalb von 2 Minuten die Gegnerinnen so oft wie möglich überrunden. Für jede überholte Gegnerin erhält sie einen Punkt. Die anderen rollen langsam und versuchen, die gegnerische Punktemacherin aufzuhalten oder ihrer eignen zu helfen. Legaler Körperkontakt begrenzt sich auf die Hüften, Schultern und den Vorderkörper. Illegal ist Festhalten, Ellbogenschübe, Bein stellen, in den Rücken fahren. Nach Ablauf der 2 Minuten kann die Mannschaft ihre fünf Spielerinnen auswechseln. Das Spiel dauert 2 x 30 Minuten.

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