Lockerbie-Attentat: Wie sich Gaddafi vom Verdacht freikaufte
Aktualisiert

Lockerbie-AttentatWie sich Gaddafi vom Verdacht freikaufte

Nach dem Bombenanschlag von Lockerbie vor 21 Jahren stand Muammar al-Gaddafi am Pranger. Mit viel Geld und der Auslieferung zweier Agenten hat er sich freigekauft. Jetzt aber wird das Verfahren neu aufgerollt, denn einige Verdächtige wurden nie befragt.

von
Peter Blunschi

Wer ist schuld am Anschlag auf die Boeing 747 der Pan Am, die auf dem Flug von London nach New York am 21. Dezember 1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodiert war? Alle 259 Insassen kamen ums Leben, dazu elf Personen am Boden. Offiziell ist der Fall klar: Nach dreijährigen Ermittlungen wurden Mordanklagen gegen Abdel Basset Ali al-Megrahi, einen libyschen Geheimdienstmitarbeiter und Sicherheitschef der Libyan Arab Airlines (LAA), und Lamin Khalifah Fhimah, einen weiteren Agenten, erhoben.

Das Regime von Muammar al-Gaddafi soll den Anschlag als Racheakt für die US-Luftangriffe vom April 1986 auf Tripolis und Bengasi verübt haben, so die offizielle Version. Der libysche Revolutionsführer wies die Anschuldigung jedoch zurück, worauf die UNO Sanktionen gegen Libyen verhängte. Gaddafi, der damals als weltweit wichtigster Sponsor von Terrororganisationen galt, wurde international isoliert.

Nie Verantwortung übernommen

Nach jahrelangem Tauziehen gab Gaddafi nach. 1999 stimmte er der Auslieferung der beiden Angeklagten zu. Megrahi wurde 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt, Fhimah wurde freigesprochen. 2002 erklärte sich Libyen zudem bereit, den Angehörigen der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar zu zahlen. Viele Beobachter zeigten sich jedoch überzeugt, dass Gaddafi damit nicht seine Schuld eingestehen, sondern sich von den Sanktionen freikaufen wollte. Was auch gelang, nachdem er sich 2003 zusätzlich verpflichtete, auf die Entwicklung von Atomwaffen zu verzichten.

Tatsächlich hat Libyen nie die Verantwortung für das Attentat übernommen, und bis heute gibt es Zweifel an der offiziellen Version. So gerieten unmittelbar nach dem Anschlag auch palästinensische Extremisten unter Verdacht. Eine besonders heisse Spur führt in den Iran. Ayatollah Khomeini soll den Anschlag angeordnet haben als Racheakt für den irrtümlichen Abschuss eines Airbus der Iran Air durch ein amerikanisches Kriegsschiff, bei dem wenige Monate zuvor 290 Menschen getötet wurden.

Mögliche Komplizen gesucht

Nun haben die schottischen Behörden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Allerdings nicht mit dem Ziel, eine neue Spur zu verfolgen, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft von Edinburgh betonte: «Das Verfahren gegen Megrahi wird nicht neu aufgerollt. Es geht nur um die Frage, ob neben Megrahi noch andere in den Fall verwickelt waren.»

Dafür gibt es offenbar Anhaltspunkte. Stuart Henderson, der Leiter der damaligen Ermittlungen, erklärte gegenüber der Zeitung «The Scotsman», man habe acht weitere Leute als dringend Tatverdächtige identifiziert und befragen wollen: «Leider erhielten wir nie die Gelegenheit dazu.» Er zeigte sich erleichtert über die neue Untersuchung, «denn wir haben nie gesagt, dass wir nur hinter Megrahi her waren. Wir wollten seine Bosse.»

Angehörige fordern öffentliche Untersuchung

Die Angehörigen der Lockerbie-Opfer nahmen die Ankündigung mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits begrüssten sie die neuen Ermittlungen. Gleichzeitig befürchten sie jedoch, dass damit ihre Forderung nach einer umfassenden öffentlichen Untersuchung abgewürgt werden soll. Diese soll unter anderem abklären, weshalb das Leben der Opfer damals nicht besser geschützt wurde.

Jim Swire, dessen Tochter ums Leben kam, bezeichnete es in der «Times» als «aussergewöhnlichen Zufall», dass die neuen Ermittlungen ausgerechnet an jenem Tag angekündigt wurden, an dem die Familien von Premierminister Gordon Brown eine «saubere Untersuchung» verlangt hatten.

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