Aktualisiert 26.10.2010 11:38

Nebenjobs

Wie sich Studenten über Wasser halten

Ein Grossteil der Studierenden in der Schweiz arbeitet neben dem Studium. Doch lässt sich dabei überhaupt genug verdienen?

von
Patrick Holenstein, Students.ch

Laut dem Bundesamt für Statistik haben fast 80 Prozent der immatrikulierten Studierenden an Schweizer Hochschulen einen Nebenjob. Die meisten arbeiten in klassischen Sparten, zum Beispiel im Gastgewerbe, in Callcentern oder in einem Büro. Allerdings gibt es auch immer wieder nicht alltägliche Jobs.

Schwarzer Humor wurde gefördert

Einen solchen Job hatte Karin, die eben erst ihr Tiermedizin-Studium an der Universität Bern abgeschlossen hat. Während des Studiums präparierte sie für die Dauer eines Jahres Tierkörper. «Die Arbeit hat mir, auch wenn das etwas morbid klingen mag, sehr viel Spass gemacht», erzählt Karin und bedauert, dass der Job befristet war. Sofort wird ihre Leidenschaft für die Tiermedizin spürbar. Bei ihrer Arbeit ging es darum, für das anatomische Institut der tiermedizinischen Fakultät in Bern Präparate für das spätere Plastinieren vorzubereiten.

«Unsere Aufgabe bestand darin, Gewebestrukturen und Organe nach Thema freizulegen, zum Beispiel nach Bewegungsapparat, Bauchhöhle oder Nervensystem. Anfangs kostete es etwas Überwindung, aber bald war die Faszination geweckt und ich konnte kaum mehr aufhören», entkräftet Karin die Frage nach dem Ekel vor dem Job. «Im Team entwickelten wir sogar einen schwarzen Humor», fügt sie lakonisch hinzu.

Erlerntes am Objekt umsetzen

Ein erfreulicher Aspekt an diesem Job war, dass sie gleich den im Studium erlernten Stoff am Objekt umsetzen konnte. «Ein grosser Vorteil waren die flexiblen Arbeitszeiten. Ich konnte meine Einsätze direkt mit dem Professor planen und optimal in den Universitätsalltag integrieren. Dies war nicht bei jedem meiner Nebenjobs der Fall.» Auch die Entlöhnung stimmte: «Während des Jahres, in dem ich am Plastinat-Projekt beteiligt war, konnte ich mein Leben gut finanzieren», erklärt Karin, macht aber gleich deutlich, dass es ihr beim Job um mehr ging. Ihr gefiel der respektvolle Umgang miteinander und mit den Tierkörpern. Doch besonders faszinierte sie die intensive und feinmotorische Arbeit, die viel Geduld und Fingerspitzengefühl erfordert.

Auch Santosh hat einen Job, der Fingerspitzengefühl erfordert, wenn auch eher im zwischenmenschlichen Bereich. Der Ethnologiestudent arbeitet neben dem Studium als Pfleger in einem Heim für schwerbehinderte Menschen. An den Job kam er über Umwege: «Durch die Flexibilität im Studium hatte ich viel Zeit und habe mich stets sozial engagiert. So bin ich auch in den Job gerutscht.» Ergeben hat sich das Jobangebot durch sein Engagement in einem Sommerlager für seinen jetzigen Arbeitgeber. Santosh hat nicht lange gezögert und das Angebot angenommen.

Prozess der Abstumpfung

Der Job beinhaltet sämtliche Arbeiten, die zum Pflegeberuf gehören, vom Umlagern der Patienten, über Waschen bis zum Essenverteilen. Santosh, der beim Militär eine Ausbildung zum Sanitäter gemacht hatte, bereitete die Tätigkeit anfangs etwas Mühe: «Es fiel mir schwer, mich abzuschotten, auch weil ich nie in einer pflegerischen Ausbildung gelernt habe, wie man sich distanziert», berichtet er. Weiter erklärt der Student, dass der Prozess der Abstumpfung jedoch automatisch passiere. «Die Frage ist nur, wie weit du dich abgrenzen darfst und wie weit du eine Beziehung aufbauen musst.» So fügt er noch hinzu, dass es fast nicht zu vermeiden sei, dass man Teile des Jobs in Gedanken nach Hause mitnimmt.

«Wie zufrieden ist er mit seinem Job?» Natürlich sei es beruhigend, dass man sich weniger Gedanken machen müsse, weil ein Job da sei, antwortet Santosh. Seine Entlöhnung ist so hoch, dass er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Er fügt aber hinzu: «Auf die andere Seite ist eine gewisse Hilflosigkeit da, weil du bei Einzelschicksalen nichts weiter tun kannst, als zu pflegen. Das ist schon hart. Zudem hast du keine Chance vorwärts zu kommen.» Besonders schwierig an Santosh's Job sind die Nachtschichten. «Natürlich kommt es vor, dass sich die Anforderungen des Jobs, nicht mit den Ansprüchen des Studiums vereinbaren lassen. Nach einer durchgearbeiteten Nacht ist es schwierig, bei einer Vorlesung aufmerksam zu bleiben.»

Fotografie in der Psychiatrie

Ganz anders erging es Linda. Die junge Bernerin hat soeben ihr Fotografie-Studium an der Zürcher Hochschule für Künste abgeschlossen und sagt: «Ich habe während des Studiums immer gearbeitet und war stets zufrieden mit der Situation.» Einige Jobs konnte sie sogar nutzen, um ihre Ausbildung zu vertiefen. Linda hat immer wieder Fotoaufträge angenommen und beispielsweise auf Hochzeiten fotografiert, für Magazine Portraits oder für Kataloge und Onlineshops Produktaufnahmen gemacht. «Sehr gut gefallen hat mir die Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie», schwärmt Linda. Im medizinischen Betrieb war Linda als Fotografin angestellt und hat Bilder für die Homepage, Broschüren oder den Jahresauftritt gemacht.

Andere Jobs waren dagegen nur da, um Geld zu verdienen. Zu Beginn des Studiums hat Linda Promotion für Kosmetik gemacht, doch das Fachgebiet sagte ihr gar nicht zu. Bald ergab sich die Gelegenheit, Promotionen für Fotokameras zu machen und an Messen und Veranstaltungen über Neuheiten im Kamerabereich Auskunft zu geben. Das kam der gelernten Fotofachangestellten gerade recht. «Die Arbeit hat mir sehr viel Spass gemacht, weil es mein Fachgebiet ist.» Schliesslich bekam sie das Angebot, im Shop eines grossen Kameraherstellers an der Bahnhofstrasse einzusteigen. «Ich war quasi eine Springerin, die 2-3 Mal pro Woche ausgeholfen hat, wenn es nötig war. Der grosse Vorteil war für mich, dass ich die Arbeit stunden- und tageweise planen konnte. Das war ideal neben dem Studium.»

Weichen für die Zukunft gestellt

Für ihr Studium hat Linda den Wohnsitz nach Zürich verlegt. Weil sie fürchtete, selbstständig nicht genug zu verdienen, nahm sie den hohen administrativen Aufwand in Angriff und bewarb sich für ein Stipendium. Doch bevor sie Bescheid erhielt, hatte Linda Arbeit gefunden und verzichtete auf die staatliche Unterstützung. Sie bereut die Entscheidung nicht, betont allerdings, dass es manchmal schon anstrengend und hart gewesen sei, neben dem Studium auch noch für den Lebensunterhalt zu sorgen. «Für mich war die Arbeit jedoch auch ein Ausgleich zum Studieren. Zudem war ich immer zufrieden, weil ich das Gefühl hatte, dass ich dadurch mehr erlebe und immer tolle Leute kennenlerne.» So konnte sie schon während des Studiums ein Netzwerk aufbauen und die Weichen für ihre Zukunft stellen, denn schon heute arbeitet Linda als freie Fotografin.

Jobs des Grauens

Haben oder hatten Sie einen haarsträubenden Nebenjob, um Ihr Studium zu finanzieren? Schreiben Sie es im Talkback und erzählen Sie von Ihrem Horror-Job.

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