Syrien-Konflikt: Wie soll sie eines dieser Lager überstehen?
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Syrien-KonfliktWie soll sie eines dieser Lager überstehen?

«Lulu» hatte ihre Einkäufe gerade beendet, als sie von einem weissen Van abtransportiert wurde. Das war im November. Sie wurde wohl mit vielen anderen in einem Lager inhaftiert.

«Lulu» wird wohl in einem staatlichen Lager in Syrien festgehalten.

«Lulu» wird wohl in einem staatlichen Lager in Syrien festgehalten.

Lulus Mobiltelefon war gegen drei Uhr Nachmittags plötzlich nicht mehr zu erreichen. Das Signal brach im Osten von Damaskus ab, fanden ihre Eltern später heraus.

Ein Mitglied der Familie hatte das Telefon über seine Arbeit bei der staatlichen syrischen Telefongesellschaft zurückverfolgt. In der Nähe liegt ein Gebäude des Nachrichtendienstes der Luftwaffe, einem der am meisten gefürchteten Geheimdienste des Landes.

Eigentlich war die 30-Jährige an jenem Tag im November in Hamra einkaufen, 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Mehrere Augenzeugen sagten den Eltern, drei Sicherheitsleute hätten die Frau dort gezwungen, in einen weissen Transporter einzusteigen. Seitdem fehlt jedes Lebenszeichen.

Lulus Familie geht davon aus, dass sie noch am Leben ist, eingesperrt in einem der zahlreichen Inhaftierungslager der Regierung. Einen Grund für ihre Festnahme nennen die Eltern nicht - vielleicht, sagen sie, weil Lulu wohltätige Arbeit geleistet habe. Das führt in Syrien häufig zum Vorwurf, man kooperiere mit den Feinden von Präsident Baschar al-Assad.

Die Eltern kennen die Vorwürfe gegen Lulu nicht, wissen nicht, wie sie ihre Freilassung erwirken können. Aus Angst vor den Behörden sprechen sie nie vor Fremden oder am Telefon von der Verschleppung. «Lulu» ist ein Spitzname.

Jeden Tag 50 Tote

Inzwischen kommen immer mehr selbst ernannte Vermittler auf Lulus Familie zu, bieten ihnen an, gegen Geld dafür zu sorgen, dass ihre Tochter Kleidung und zusätzliches Essen erhält. Durch Bestechung wollen sie dafür sorgen können, dass ihre Verhöre nicht so hart ablaufen.

«Sie verkaufen einem Luftschlösser», sagt Lulus Bruder. Zwar würde die Familie jeden Betrag für eine Freilassung zahlen, habe aber keine Ahnung, wem sie trauen könne. «Wir wissen nicht, an wen wir uns wenden sollen.»

Der auf Menschenrechte spezialisierte Anwalt Anwar al Bunni erklärt in Damaskus, viele Gefangene würden nicht vor Gericht gestellt und damit nicht vom Justizsystem erfasst. Die Lager seien inzwischen so überfüllt, dass die Gefangenen in ihren verdreckten Zellen nur stehen könnten. Pro Tag erstickten oder verdursteten etwa 50 von ihnen, sagt Bunni.

Lulus Eltern wissen um die Berichte aus den Gefängnissen. Ihre Tochter sei doch so zierlich und wiege kaum 45 Kilo, sagt die Mutter. «Wie soll sie eins der furchtbaren staatlichen Lager überstehen?»

Die syrische Regierung hat einen Bericht über die systematische Folter und Ermordung von 11'000 Häftlingen zurückgewiesen. Wenn die syrische Opposition von fast 50'000 Verschwundenen spricht, die sie nach eigenen Angaben namentlich nennen kann, wiegelt die Regierung ebenfalls ab: Man habe nur eine Liste mit weitaus weniger Namen erhalten, heisst es. Zudem seien die meisten Personen auf ihr nie festgenommen oder schon freigelassen worden.

Schmiergeld oder Verhör

Aber auch wer vorübergehend inhaftiert war, berichtet von Schikanen. Ajman wurde nach eigenen Angaben 2011 zwei Wochen lang festgehalten - dem Jahr, in dem der Aufstand gegen Assad begann. Er sei geschlagen, gedemütigt und psychologisch misshandelt worden, sagt der etwa 50-jährige Mann.

Schliesslich wurde er ohne Anklage freigelassen, aber mit der Aufforderung, Syrien zu verlassen. Wegen seiner Familie und seiner Arbeit sei ihm das nicht möglich, sagt er.

«Erst kürzlich haben sie sich wieder gemeldet und gesagt, ich solle 'auf einen Besuch vorbeikommen, auf eine Tasse Kaffee', aber ich bin nicht hingegangen.» Die Behörden laden so häufig zu Verhören ein, die in Haft übergehen können.

Nun besucht ihn alle paar Monate ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, sagt Ajman. Die Treffen endeten mit einer Schmiergeldzahlung, die ihm etwas Zeit verschaffe. Insgesamt dürfte er inzwischen 3000 Dollar an Bestechungsgeld ausgehändigt haben.

Selbst nach seiner vergleichbar kurzen Haft traut sich Ajman nicht mehr in die Nähe von Regierungsgebäuden, auch nicht zur staatlichen Telefongesellschaft - «nicht einmal, um einen Internet-Anschluss zu bestellen». Stattdessen geht seine Frau. «Ich kann das psychologisch einfach nicht.» (sda)

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