Flut an Reisenden: Wie Städte den Touristen-Wahnsinn stoppen wollen
Aktualisiert

Flut an ReisendenWie Städte den Touristen-Wahnsinn stoppen wollen

Horden von Feriengästen verstopfen Amsterdam oder Barcelona. Nun reagieren die Städte. Was das bringt, sagt ein Experte.

von
Dominic Benz
1 / 12
Rund um den Globus tummeln sich immer mehr Touristen.

Rund um den Globus tummeln sich immer mehr Touristen.

AP/Lionel Cironneau
Sie verstopfen Strände, Strassen und Uferpromenaden.

Sie verstopfen Strände, Strassen und Uferpromenaden.

epa/uli Deck
Unter den Touristenmassen ächzt etwa Barcelona. An der Flaniermeile Las Ramblas stehen sich die Touristen gegenseitig auf den Füssen.

Unter den Touristenmassen ächzt etwa Barcelona. An der Flaniermeile Las Ramblas stehen sich die Touristen gegenseitig auf den Füssen.

AP/Emilio Morenatti

Bald gehen die Herbstferien los. Dann beginnt der Reisewahn von Neuem und bringt viele Orte an den Rand des Kollapses: verstopfte Uferpromenaden, überfüllte Strände, ewige Warteschlangen vor den Sehenswürdigkeiten. Mallorca, Amsterdam, Barcelona oder Venedig können die Massen kaum mehr bewältigen. Die Einheimischen stehen kopf: Sie skandieren «Touristen nach Hause», bewerfen die Gäste wie etwa in Palma mit Pferdekot oder drängen sie in Amsterdam von den Velos.

Doch so schnell versiegen die Touristenstörme nicht. Im Gegenteil: Jahr für Jahr bringen Billigflieger, Kreuzfahrtschiffe oder Fernbusse mehr Ferienhungrige in die Orte. Die Welttourismusorganisation UNWTO sieht die Zahl der Reisenden rund um den Globus von derzeit 1,2 Milliarden bis zum Jahr 2030 auf 1,8 Milliarden ansteigen. Einige Städte reagieren und führen Massnahmen ein. Doch was nützen sie? 20 Minuten hat sie Urs Wagenseil, Tourismusexperte an der Hochschule Luzern, vorgelegt.

•Beschränkungen für Unterkünfte

Massnahme: Gesetze sollen Hotels und Vermieter von privaten Unterkünften einschränken. Paris hat etwa Airbnb stark reguliert, Palma de Mallorca hat das Vermieten von Wohnungen über die Plattform ganz verboten. In Amsterdam dürfen ab 2019 Wohnungen nur noch für maximal 30 Tage im Jahr an Touristen vermietet werden. Im Stadtzentrum dürfen zudem keine neuen Hotels gebaut werden. Das ist auch in Barcelona der Fall.

Das sagt Experte Wagenseil: Das Hotel-Verbot ist verständlich, hat aber Nachteile. Die Hotels werden einfach an der Grenze des Zentrums gebaut. Auch Airbnb-Unterkünfte werden dann ausserhalb vermietet. Dadurch werden aber die Wege für Touristen länger und es entsteht mehr Verkehr, den keiner will. Es ist keine Lösung, sondern eine Verlagerung der Probleme. Eine drastische Erhöhung der Hotelzimmer-Preise wird nur wenig bringen, weil Reisen mehrere Kostenteile umfasst. Zu dem wäre es gegen die freie Marktwirtschaft und daher ein No-go.

• Touristengebühr

Massnahme: Feriengäste müssen für ihren Aufenhalt Gebühren zahlen. Das machen bereits viele Städte so. Seit 2016 zahlen Touristen auf Mallorca eine Abgabe. Dabei handelt es sich um eine Art Ökosteuer zur Erhaltung der Insel.

Das sagt Experte Wagenseil: Die Abgabe ist berechtigt. Doch das schreckt kaum ab. Auch eine deutliche Erhöhung würde kaum was bringen. Das hat das Beispiel in Arosa vor rund 15 Jahren gezeigt: Dort hat man die Kurtaxe im Sommer verdoppelt. Die Gäste sind dennoch gekommen. Sie nehmen die Abgaben in Kauf. Mit solchen Gebühren lässt sich der Massentourismus jedenfalls nicht stoppen.

• Teurere Flugtickets und Kerosin-Steuer

Unter den Airlines tobt seit langem ein erbitterter Preiskrieg. Die Folge: Touristen können zum Spottpreis um die Welt fliegen, was den Massentourismus befeuert. Die Vielfliegerei belastet aber auch die Umwelt. In der Schweiz fordern daher Aktivisten Ticketabgaben und eine Kerosin-Steuer. Das soll klimafreundliche Transportmittel wie Züge fördern.

Das sagt Experte Wagenseil: Ticketpreise müssten stark steigen, damit die Nachfrage spürbar sinkt. Höhere Preise sind aber kurzfristig eher unwahrscheinlich, langfristig hingegen ein denkbares und notwendiges Szenario. Nur braucht es dann eine globale Lösung. Allfällige Steuern führen zu einer Ungleichbehandlung gegenüber Touristen, welche etwa mit dem Auto anreisen. Denn auch das Autofahren und das Produzieren und Importieren von Nahrungsmitteln belastet das Klima. Man müsste also konsequent überall solche Abgaben einführen. Mit Steuern auf Flugtickets würde das Reisen sicher verteuert, aber die Problematik wäre nicht vom Tisch.

• Touristenströme umlenken

Massnahme: Horden von Touristen verstopfen Eingänge zu Sehenswürdigkeiten und überlasten Strassen. In der italienischen Cinque Terre fordern Gemeinden eine Einführung von roten Ampeln. Sie sollen die Touristenströme auf den Wanderwegen regulieren. Venedig hat Drehkreuze bei der Brücke Ponte della Costituzione installiert. Zudem gibt es Kontingente bei den Tickets für die Sagrada Família in Barcelona oder die Stadtburg Alhambra in Granada.

Das sagt Experte Wagenseil: Solche Steuerelemente bringen punktuell Entlastung. Auch dynamische Preise für Sehenswürdigkeiten können helfen. Wenn etwa der Eintritt frühmorgens billiger ist und in Stosszeiten teurer. Lenkmassnahmen haben aber auch zur Folge, dass es dann an anderen Orten und Zeiten mehr Leute hat. Das Problem wird somit nur verlagert.

• Touristen kontingentieren

Massnahme: Die kroatische Stadt Dubrovnik will mit Kontingenten die Massen in den Griff kriegen. Die Zahl der Besucher ist auf höchstens 8000 pro Tag beschränkt. Auch in Thailand oder Italien sollen an gewissen Stränden nur noch eine gewisse Zahl an Badegästen und Booten zugelassen sein.

Das sagt Experte Wagenseil: In Dubrovnik kann man das machen, weil die Stadt nur wenige Eingangstore hat. Auch bei Inseln kann man das noch recht gut steuern. Praktisch unmöglich ist das bei klassischen Städten, welche Hunderte von Zugängen haben. Zudem gäbe es einen Kampf um die Zutrittsrechte. Es ist dann vielleicht so wie bei einem Konzert von Ed Sheeran: Man muss sich zu einer gewissen Zeit ein Ticket schnappen, damit man überhaupt reinkommt. Spontanes Reisen würde so ziemlich eingeschränkt.

«Es muss nicht immer der Times Square sein»

Wie kann man als Reisender Verantwortung übernehmen? Robert Zenhäusern vom Schweizer Tourismus-Verband gibt Tipps:

Respektieren

Etwa in Mallorca haben die Einheimischen gegen den Massentourismus demonstriert. Zenhäusern rät: «Respektieren Sie die Anliegen der lokalen Bevölkerung.» Dasselbe gelte für die Natur (z.B. Korallenriffs) und für kulturelle Denkmäler (z.B. Machu Picchu).

Entdecken

Der Experte empfiehlt, auf Entdeckungsreise zu gehen – oder das eigene Land zu erkunden. «Es gibt noch mehr zu sehen als den Times Square oder die Kathedrale von Notre-Dame.»

Informieren

Es mache keinen Sinn, selber Teil des Problems zu werden, so Zenhäusern. «Wenn Sie im Voraus wissen, dass einst malerische Dörfer einem Disneyland gleichen, muss man nicht dorthin gehen.» Darum sei es ratsam, sich vor der Reise zu informieren.

Subjektivieren

Der nächste Tipp: Die Perspektive der Einheimischen einnehmen. «Sie würden auch nicht wollen, dass Ihre Heimatstadt zu einem Vergnügungspark für Selfie-geile Touristen wird», so Zenhäusern.

Entschleunigen

Es sei zu überlegen, ob es wirklich die gewünschte Erholung bringe, wenn man das millionste Sonnenuntergangs-Selfie von Santorini poste, so Zenhäusern. Stattdessen empfiehlt er, zu entschleunigen und auch mal Zelt- oder Veloferien zu machen.

No FOMO

Keine Fear of missing out, sagt der Experte. Denn was nütze es schon, an den Drehort von «Game of Thrones» zu pilgern, um dann enttäuscht zurückzukehren? «Trauen Sie sich, nicht immer dem Mainstream zu folgen.»

Deine Meinung