«Befreiung» des Donbass – Wie stark ist Russland noch? Militärexperten schätzen die Lage ein

Publiziert

«Befreiung» des DonbassWie stark ist Russland noch? Militärexperten schätzen die Lage ein

Ist der Fokus auf die «Befreiung des Donbass» vor allem Taktik? Russland-Experten schätzen ein, wie stark Russland noch ist – und wie die Ukraine auf die Ankündigung der russischen Armee-Spitze reagieren wird.

von
Lea Gnos
1 / 6
Russische Truppen im umkämpften Mariupol. 

Russische Truppen im umkämpften Mariupol. 

REUTERS
In der Region Donezk, im ostukrainischen Dorf Staromarivka ist die Trennlinie zwischen dem von der Regierung kontrollierten Gebiet und der Enklave, die von den von Russland unterstützten Separatisten kontrolliert wird. 

In der Region Donezk, im ostukrainischen Dorf Staromarivka ist die Trennlinie zwischen dem von der Regierung kontrollierten Gebiet und der Enklave, die von den von Russland unterstützten Separatisten kontrolliert wird. 

via REUTERS
Eine Rakete ist in Kramatorsk, Ukraine, zu sehen.

Eine Rakete ist in Kramatorsk, Ukraine, zu sehen.

via REUTERS

Darum gehts 

  • Die russische Militärführung gibt an, sich mehr auf die Kämpfe um die Kontrolle der Region Donbass im Südosten des Landes zu konzentrieren.

  • Russland-Experte Dr. Alexander Dubowy sieht die russische Armee in keiner schlechten Lage.

  • Laut Marcus Keupp, Militärökonom und Dozent Militärakademie (Milak) an der ETH Zürich, müsse die Ukraine jetzt abwägen, welche Gebiete ihr wichtig sind. 

Die russische Armee will sich nach offiziellen Angaben bei ihrem Vorgehen in der Ukraine künftig auf die «Befreiung» der Donbass-Region im Osten des Landes konzentrieren. Bläst Putin somit zum Rückzug? 

Ist der Fokus auf die «Befreiung des Donbass» vor allem Taktik?

Russland-Experte, Dr. Alexander Dubowy, sagt, im Gegenteil, die Lage von Russland sei gar nicht so schlecht, wie es den Eindruck erweckt. «Die Donbass-Region ist die am stärksten verteidigte Region der Ukraine. Dort befinden sich bis zu einem Drittel der gesamten ukrainischen Streitkräfte. Russland versucht gerade, die Kampfverbände von Kiew abzuschneiden und einzukesseln. Damit würde Moskau einem Militärsieg wesentlich näher kommen und seine Verhandlungsposition stärken. Auch hat Russland bereits wesentliche Teile der Gebiete Cherson und Saporischschja erobert.»

Es ist sicher mehr dahinter als reine Rhetorik, sagt auch Marcus Keupp, Militärökonom und Dozent Militärakademie (Milak) an der ETH Zürich.  «Die russische Armee kommt an vielen Frontabschnitten nicht weiter. Wenn Russland nicht bald einen militärischen Erfolg vorweisen kann, wird es eng für Putin. Die Stadt Mariupol beispielsweise ergibt sich nicht. Putin will dem Volk Ergebnisse präsentieren.»

Wie wird die Ukraine reagieren?

Marcus Keupp sagt, die Ukranier müssten Kräfte abziehen, um die Front zu halten. «Russland kann auf diese Art andere Abschnitte in der Ukraine  schwächen. Die Ukrainer müssen abwägen, welche Gebiete ihnen wichtig sind.» Aus heutiger Sicht sei es unwahrscheinlich, dass die Ukraine auf Donbass verzichtet, sagt Dr. Alexander Dubowy. «Das ist der Grund, warum Wolodimir Selenski ankündigte, alle Verhandlungsergebnisse in einem Referendum bestätigen lassen zu wollen.» Allerdings spricht laut Dubowy nur wenig
für einen Militärerfolg Kiews. «Angesichts hoher Technikverluste auf ukrainischer Seite sind die westlichen
Waffenlieferungen an die Ukraine absolut entscheidend. Der Ukraine fehlen vor allem schwere Waffen. Russland kündigte an, Waffenlieferungen an die Ukraine anzugreifen.»

Wie stark ist Russland noch?

Alexander Dubowy: «Im April sind auch grössere Offensivsoperationen wahrscheinlich. Gut möglich, dass Russland die gesamte Schwarzmeerküste zu erobern versucht. Auch könnte Moskau durch gezielte Angriffe gegen Zivilisten eine Kapitulation der Ukraine erzwingen. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Kreml von den Anfangsforderungen wesentlich abzuweichen bereit ist. Moskau kann Militärverluste einfacher auffüllen als die Ukraine.»

Wie realistisch ist die «Befreiung» des Donbass? 

Marcus Keupp: «Die russische Armee muss mit grossen Kräften angreifen, wenn sie Slovyansk und Kramatorsk erobern wollen. Diese umliegenden Regionen sind die Puzzleteile, die Putin noch fehlen.»

Wie lange könnte der Krieg noch dauern?

Alexander Dubowy: «Ich rechne noch mit einigen paar Wochen. Mehrere Monate sind eher wenig wahrscheinlich. Der aktuelle Abnutzungskrieg wird für beide Seiten über lange Zeit nur schwer durchzuhalten sein. Der 9. Mai ist in Russland ein Feiertag von hoher Bedeutung. Es könnte sein, dass Putin dann das Ende des Kriegs ausrufen wird.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

Deine Meinung