19.11.2020 04:49

Corona-PatientenWie steht es wirklich um die freien Intensivbetten?

Die schwankenden Zahlen zu den Intensivbetten sorgen für Verunsicherung. Die Lage bleibt angespannt – doch Besserung ist in Sicht.

von
Bettina Zanni
Daniel Graf

Darum gehts

  • Kürzlich gab es schweizweit noch 34 freie zertifizierte Intensivpflegeplätze. Danach waren alle wieder belegt.

  • Sind keine zertifizierten Betten mehr frei, fangen nicht zertifizierte Betten den Engpass auf.

  • Beim IPS-Personal sind die Grenzen hingegen schneller erreicht.

  • «Die Lage ist angestrengt in den Intensivstationen. Es wird sehr, sehr viel gearbeitet», sagte Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst.

  • Dennoch zeigen sich die Behörden optimistisch.

«Vollständige Auslastung zertifizierter und anerkannter Intensivbettenkapazitäten» – diese Medienmitteilung der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) sorgte am Dienstag für Aufregung. Gleichzeitig betonten die Behörden an Pressekonferenzen wiederholt, es seien noch Kapazitäten vorhanden, im Notfall könnten die Plätze noch aufgestockt werden.

Gibt es noch genug Betten auf den Intensivpflegestationen (IPS)?

Aktuell verfügen die Intensivstationen in der Schweiz über 876 zertifizierte Intensivplätze für Erwachsene. Am Dienstagmorgen gab es laut Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst, schweizweit noch 34 freie zertifizierte IPS-Plätze. Um 12.30 Uhr waren alle wieder belegt. Die Zahl kann sich ständig ändern.

Wo werden neue Patienten behandelt, wenn alle zertifizierten IPS-Plätze belegt sind?

Auch diese Patienten erhalten einen Platz auf der Intensivstation, jedoch einen nicht zertifizierten. Am Dienstag um 12.30 Uhr standen laut Andreas Stettbacher schweizweit 240 zusätzliche und damit nicht zertifizierte Intensivbetten zur Verfügung.

Worin besteht der Unterschied zwischen zertifizierten und nicht zertifizierten IPS-Betten?

Zertifizierte und anerkannte Intensivbetten erfüllen spezielle Kriterien der Zertifizierungskommission Intensivstationen und gewährleisten höchste intensivmedizinische Behandlungsqualität. Das heisst: Die personellen Ressourcen, die Ausrüstung, das Gebäude und die Einrichtung sowie die Strukturen und die Organisation der Intensivstation entsprechen den modernen Anforderungen an die Intensivmedizin.

Die Intensivstation muss zum Beispiel «strategisch günstig» innerhalb des Spitals liegen, etwa in der Nähe von Operationssälen. Auch muss das Bett eine externe Herzmassage erlauben und über zwei Sauerstoffanschlüsse verfügen. Die Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin umfassen rund 20 Seiten.

Was passiert, wenn auch sämtliche nicht zertifizierten IPS-Betten belegt sind?

Ein Covid-Patient liegt im Schnitt rund vierzehn Tage auf der Intensivstation. Die Behandlungsplätze können zwar weiter ausgebaut werden. «Limitierend wird aber das Personal sein», sagte Andreas Stettbacher.

Welche Kantone stossen bei den IPS an ihre Grenzen?

«Am Dienstagmorgen wurden in mehr als einem Drittel der Kantone die zertifizierten Intensivplätze als vollständig ausgelastet gemeldet», sagte Andreas Stettbacher. In einem knappen Drittel der Kantone hätten die zusätzlich geschaffenen IPS-Betten belegt werden müssen.

In der Genferseeregion und im Espace Mittelland überschritt die Auslastung der IPS-Betten laut Stettbacher zeitweise schon die 80-Prozent-Marke. Aus stark ausgelasteten Regionen müssen zunehmend Intensivpatienten in andere Regionen verlegt werden.

Ist das Personal bereits am Kämpfen?

«Die Lage ist angestrengt in den Intensivstationen. Es wird sehr, sehr viel gearbeitet», sagte Andreas Stettbacher. Auch Gerald Meyer, Pfleger auf der Intensivstation im Kantonsspital St. Gallen, sagt gegenüber «FM1Today»: «Normalerweise ist ein Pfleger für einen Intensivpatienten zuständig. Aktuell haben wir rund drei Patienten gleichzeitig, die voll beatmet werden müssen.»

Die SGI schrieb am Dienstag in einer Medienmitteilung: «Es ist von allergrösster Wichtigkeit, die Covid-19-Pandemie jetzt einzudämmen und nicht dringende Eingriffe und Behandlungen schweizweit zu verschieben, um Qualitätseinbussen in der intensivmedizinischen Behandlung zu verhindern.»

Was passiert, wenn das Personal nicht mehr alle Patienten behandeln kann?

Kommt es tatsächlich so weit, muss triagiert werden. Das Alter, eine Behinderung oder Demenz stellt per se kein Triagekriterium dar. Solche Faktoren könnten aber ein Indiz sein für einen schlechten körperlichen Allgemeinzustand einer Person. «Um dies besser bewerten zu können, berücksichtigen die Richtlinien neu die Fragilität», sagte Franziska Egli, Kommunikationsverantwortliche der Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, kürzlich zu 20 Minuten.

Drohen die Plätze und das Personal bald knapp zu werden?

Die Behörden zeigten sich am Dienstag optimistisch. Andreas Stettbacher rechnet damit, dass sich die Infektionszahlen in einer Woche auf die Hospitalisationen auswirken. «Wenn dann die Hospitalisationen zu sinken beginnen, werden auch noch einmal mit ein bis zwei Wochen Verzögerung allenfalls in den Intensivstationen deutliche Beruhigungen auftreten.» Auch Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle BAG, sagte, dass die Todesfälle noch so lange zunähmen, bis sich der Effekt der Massnahmen zeige, denen die Todesfälle zwei bis drei Wochen hinterherhinkten.

Kompetenz für Intensivpflege

Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin setzt für eine zertifizierte Intensivstation voraus, dass mindestens ein Drittel der verlangten, minimalen Vollzeitstellenprozente des Pflegepersonals ein Diplom Experte in Intensivpflege oder eine gleichwertige Ausbildung hat. «Die gesamte Behandlung kritisch kranker Patientinnen und Patienten mit und ohne Covid-19 erfordert spezifische Fähigkeiten», sagt Luca Lavina, Mediensprecher der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin. Die Fachärztinnen und -ärzte für Intensivmedizin und Intensivpflegefachpersonen würden sich diese in langjähriger Ausbildung aneignen und durch Fort- und Weiterbildungskurse aufrechterhalten.

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176 Kommentare
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mond

19.11.2020, 08:48

In Zukunft sollten Pflegekräfte nur noch 60% arbeitszeit bei 100% Lohn leisten müssen. Diese kann dann in einem Notstand mittelfristig auf 120% erhöht werden. Das wäre mehr als nur fair und würde uns solche personellen Engpässe ersparen.

Mona

19.11.2020, 08:46

Verstehe nicht, dass die Spitäler nicht in Kategorien eingeteilt werden, Covitpatienten und Operationen durchführbare Spitäler ? Richterswil wäre froh, nun muss dieser Spital schliessen, soviel zu überfüllten Betten!

Norbert

19.11.2020, 08:45

Dann muss man sich ab sofort nicht mehr immer an die Verkehrsregeln halten? Kein 200 Verkehrstoten pro Jahr und es hat ja noch Plätze in Spitälern frei? Man ersetze nun Auto durch Corona und die 200 durch die ca 6000 bis 8000 die wir Ende Jahr haben werden.